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Flugzeugabsturz
Das MH 17-Puzzle

MH17: Ermittler stellen Abschlussbericht vor
MH17: Ermittler stellen Abschlussbericht vor FOTO: afp, ed/GBA
Gilze-Rijen. 15 Monate nach dem Absturz der MH 17 über der Ost-Ukraine steht die Ursache offiziell fest: Es war eine "Buk"-Rakete. Das bestätigen die niederländischen Ermittler im Abschlussbericht. Er ist ein weiteres Teil im Puzzle der Rekonstruktion des Unglücks. Von Rainer Leurs

Monatelang haben Ermittler in einem Hangar der niederländischen Luftwaffenbasis Gilze-Rijen bei Tilburg Trümmerteile der abgeschossenen Boeing 777 der Malaysia Airlines zusammengesetzt, um das Wrack so weit wie möglich zu rekonstruieren - am Dienstag bei der Präsentation des Abschlussberichts wurde es erstmals der Öffentlichkeit gezeigt.

"Flug MH 17 stürzte ab, weil auf der linken Seite des Cockpits ein Raketensprengkopf explodierte", sagte der Vorsitzende des Sicherheitsrates, Tjibbe Joustra, bei der Vorstellung des Reports. In den Leichen der drei Crew-Mitglieder im Cockpit wurden den Angaben zufolge Metallsplitter der Rakete gefunden. Der Flugrekorder hatte in den letzten Millisekunden auch noch das Geräusch der Rakete aufgezeichnet. "Nichts anderes als das 'Buk'-Flugabwehrsystem kann diese Kombination von Tatsachen erklären", sagte Joustra.

17.Juli 2015: Niederländer gedenken der Opfer von Flug MH17 FOTO: afp, vel

Die Boeing 777 der Malaysia Airlines war am 17. Juli 2014 auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über der Ost-Ukraine abgeschossen worden. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die meisten waren Niederländer; auch vier Deutsche waren an Bord. Über den Hergang der Katastrophe wird erbittert gestritten: Russland (an der Seite der prorussischen Separatisten) und die Ukraine beschuldigen sich gegenseitig, den Jet abgeschossen zu haben. Beide Seiten besitzen "Buk"-Systeme.

Experten aus sieben Ländern rekonstruierten auf Grundlage der Daten der Flugschreiber, des Funkverkehrs und aus den Trümmern der Maschine, was an jenem Tag geschah. Bereits zu einem früheren Zeitpunkt hatten sie technisches und menschliches Versagen sowie einen terroristischen Anschlag ausgeschlossen. "Auch ein Beschuss von einem anderen Flugzeug ist unmöglich", betonte der Leiter der Untersuchung. Russland hatte lange die Ansicht vertreten, dass die Boeing von einem ukrainischen Militärflugzeug unter Beschuss genommen worden sei.

Die MH17-Wrackteile auf dem Weg in die Niederlande FOTO: dpa, jol soe

Den Abschuss und den darauffolgenden Absturz hätten die Insassen der Maschine sehr wahrscheinlich nicht bewusst miterlebt, hieß es weiter. Zwar sei der genaue Todeszeitpunkt nicht mehr festzustellen, der Sicherheitsrat habe jedoch keine Anzeichen dafür gefunden, dass es "bewusste Handlungen" der Insassen nach der Explosion der Rakete gegeben habe.

Teile der Ost-Ukraine werden von prorussischen Separatisten kontrolliert. Mehrfach hatte das Expertengremium darauf hingewiesen, dass der Abschlussreport keine Angaben zur Schuldfrage enthalten würde. Von welchem Gebiet genau die "Buk" abgefeuert wurde, teilten die Ermittler im Bericht nicht mit. Später sagte Joustra allerdings im niederländischen Fernsehen, die Rakete sei vom Rebellengebiet gestartet worden. Die strafrechtliche Untersuchung der Katastrophe liegt bei der niederländischen Staatsanwaltschaft. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko sagte, sein Land habe bei der Suche nach Schuldigen eine enge Zusammenarbeit mit den Niederlanden vereinbart.

Vertreter beider Länder wollten zunächst mit Kollegen aus Australien, Malaysia und Belgien die strafrechtlichen Ermittlungen abschließen, teilte das ukrainische Präsidialamt mit. Dann solle ein "optimaler Mechanismus" gefunden werden, um die Schuldigen zu bestrafen.

Ebenfalls am Dienstag präsentierte der staatlich kontrollierte russische Rüstungskonzern Almas-Antei eine eigene Untersuchung, deren Ergebnisse jenen der niederländischen Ermittler teilweise widersprechen. Demnach sei die Passagiermaschine nicht von einer "Buk"-Rakete aus russischem Arsenal abgeschossen worden, sondern von einem älteren Modell, sagte Unternehmenschef Jan Nowikow noch vor Veröffentlichung des niederländischen Berichts. Außerdem sei das Geschoss aus dem Dorf Saroschenske abgefeuert worden, das damals unter Kontrolle der ukrainischen Regierung gewesen sei.

Nach Meinung vieler westlicher Beobachter, darunter das internationale Recherchekollektiv Bellingcat, führte Russland im Propagandakrieg um die Schuldfrage zum Teil manipulierte Beweisbilder ins Feld. Bellingcat-Journalisten rekonstruierten den Weg eines "Buk"-Raketensystems, das von russischem Territorium zum Tatort geschafft und nach dem Abschuss wieder zurückgeschmuggelt worden sei.

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