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Mutmaßlicher Serien-Attentäter von Toulouse
Mohammed M. - Muslim und Mudschaheddin

Toulouse: Eliteeinheit stellt Verdächtigen in Haus
Toulouse: Eliteeinheit stellt Verdächtigen in Haus FOTO: afp, PASCAL GUYOT
Paris. Der im südfranzösischen Toulouse verschanzte mutmaßliche Islamist war schon seit Jahren im Visier des französischen Geheimdienstes. Der Mann, der vermutlich sieben Menschen erschoss, will Mitglied des Terrornetzwerks Al-Kaida sein.

Der 23-jährige Mohammed M. algerischer Abstammung ist in Frankreich aufgewachsen. Sein Werdegang scheint typisch für einen radikalisierten Muslim, der dann in seinem Heimatland terroristische Anschläge verübt - ein "home grown terrorist".

Der mutmaßliche Attentäter war in den vergangenen Jahren bereits mehrfach in Afghanistan und Pakistan, wie Innenminister Claude Guéant mitteilte. "Er gibt an, ein Mudschahed zu sein, zu Al-Kaida zu gehören und palästinensische Kinder rächen zu wollen", sagte Guéant. Mohammed M. sei in einer "salafistischen Gruppe" in Toulouse radikalisiert worden, die rund ein dutzend Mitglieder, aber keinen Namen habe.

Jahrelang vom Geheimdienst beobachtet

Die Bewegung der Salafisten strebt einen islamischen Gottesstaat an, manche Salafisten akzeptieren auch den Einsatz von Gewalt. 99,9 Prozent der Salafisten in Frankreich seien aber gewaltfrei, sagt Dominique Thomas, Experte für radikalen Islam an der Hochschule EHESS.

Obwohl der 23-Jährige jahrelang vom französischen Inlandsgeheimdienst DCRI beobachtet wurde, deutete laut Guéant nichts darauf hin, dass der in Toulouse aufgewachsene Mann Anschläge plant. Mohammed M. wurde zwar schon einmal in der südafghanischen Stadt Kandahar vorübergehend festgenommen.

Auch sein Bruder soll radikaler Muslim sein. In Frankreich war er bereits durch Straftaten auffällig geworden - auch gewalttätige. Die französische Polizei hat inzwischen Sprengstoff im Auto des Bruders gefunden. Erst am Dienstag identifizierten Ermittler Mohammed M. als den mutmaßlichen Serien-Attentäter, der drei Kinder und einen Lehrer vor einer jüdischen Schule sowie drei Fallschirmjäger der französischen Armee erschoss.

Zweimal bei französischer Armee beworben

Mohammed M. hat sich in den vergangenen Jahren zweimal bei der französischen Armee beworben. Im Januar 2008 habe er sich in Lille um seine Aufnahme bei den Bodentruppen beworben, sagte Oberst Bruno Lafitte der Nachrichtenagentur AFP. Der heute 23-Jährige habe alle Tests absolviert, "aber die Überprüfung seiner Vorstrafen hatte eine Ablehnung seiner Bewerbung zur Folge".

2010 habe es Mohammed M. dann bei der Fremdenlegion im südfranzösischen Toulouse versucht. Dort habe er aber letztlich nicht an den Auswahltests teilgenommen. Der mutmaßliche Islamist, der sich als Mitglied des Terrornetzwerkes Al-Kaida bezeichnet, soll in den vergangenen Tagen im Raum Toulouse sieben Menschen erschossen haben, darunter drei Kinder vor einer jüdischen Schule. Seit etwa 03.00 Uhr in der Nacht zum Mittwoch belagert die Polizei sein Haus in Toulouse, wo er sich in seiner Wohnung verschanzt hält.

Anwalt beschreibt 23-Jährigen als"zivilisiert" und "höflich"

Der langjährige Anwalt des Verdächtigen algerischer Abstammung zeigte sich vollkommen überrascht, dass Mohammed M. ein islamistischer Serien-Attentäter sein soll. Der junge Mann sei immer "höflich" gewesen, sagte Christian Etelin, der den Verdächtigen in einer Reihe von Strafsachen seit 2004 oder 2005 vertrat, vor allem wegen Diebstahls. Zuletzt sei es um eine Führerschein-Sache gegangen, sagte der Anwalt dem Sender BFM TV.

Der Anwalt beschrieb den 23-Jährigen als eine Person mit einem "weichen Verhalten", "zivilisiert" und "nicht starr", so dass er nie an Fanatismus gedacht hätte. Der mutmaßliche Serien-Attentäter habe in seinem Beisein auch nie über den Islam gesprochen, doch habe er vor zwei Jahren mitbekommen, dass der junge Mann sich "plötzlich radikalisiert" habe und nach Afghanistan gereist sei.
Etelin rief seinen Mandanten auf, sich der Polizei zu ergeben.

Seine angebliche Mitgliedschaft bei Al-Kaida bewerten Experten vorsichtig. Das Terrornetzwerk stecke in einer "tiefen Krise" und habe seit 2005 in Europa keine Anschläge mehr verüben können, ruft Jean-Pierre Filiu in Erinnerung, Al-Kaida-Experte und Professor am Institut für politische Studien in Paris. Einzeltäter hätten häufig die Tendenz, sich als Teil einer größeren Organisation zu sehen.

Noch kein Al-Kaida-Anschlag in Frankreich

Auch Al-Kaida werde aus Propagandagründen sicher die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und so tun, "als ob diese Operation von einer ihrer Zellen geplant worden sei", prognostiziert Filiu. Tatsächlich sei die Aktionsfähigkeit des Netzwerkes in Europa aber äußerst begrenzt. In Frankreich gab es bisher noch nie einen Anschlag von Al-Kaida, zuletzt erschütterte 1995 eine islamistische Anschlagswelle der algerischen Gruppe GIA das Land.

Das Terrornetzwerk gilt unter anderem durch den Tod seines Anführers Osama bin Laden im vergangenen Mai als sehr geschwächt. Zuvor hatte Bin Laden allerdings mehrfach Frankreich mit Terroranschlägen gedroht, zuletzt Anfang 2011.

Den Abzug der französischen Armee aus Afghanistan forderte er und prangerte das Verbot von Ganzkörperschleiern in Frankreich an. Der Serientäter von Toulouse berief sich einer Journalistin zufolge, mit der er offenbar telefonierte, ebenfalls auf diese Gründe, um seine Bluttaten zu rechtfertigen.

(AFP)
 
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