| 17.58 Uhr

Blutige Anschläge in der U-Bahn
Moskau – eine gelähmte Metropole

Dutzende Menschen sterben bei U-Bahn-Anschlägen
Dutzende Menschen sterben bei U-Bahn-Anschlägen FOTO: AP
Moskau (RPO). Am Montag haben zwei Selbstmordattentäterinnen in der Moskauer U-Bahn mindestens 38 Menschen getötet und 64 weitere verletzt. Hinter dem Bomben-Anschlag werden Rebellen aus dem Kaukasus vermutet. Unsere Moskau-Korrespondentin Doris Heimann berichtet über die Stunden des Schocks und der Panik, die die russische Hauptstadt noch immer lähmen. Von Doris Heimann

Auf dem Platz vor der "Lubjanka", dem berüchtigten Gebäude des russischen Geheimdienstes, ist es ungewöhnlich ruhig. Sonst braust hier im Zentrum von Moskau der Straßenverkehr in drei Richtungen. Jetzt hat die Polizei alles abgeriegelt, lässt nur einzelne Autos durch. Vor den beiden Ausgängen der Metro-Station "Lubjanka" stehen immer noch Dutzende Krankenwagen. "Hier geht es nicht weiter", knurrt ein Polizist die Journalisten an, die nach Augenzeugen Ausschau halten. Vergeblich – die meisten Passanten haben den gespenstischen Platz längst verlassen.

Es ist morgens kurz vor acht Uhr, als in einem U-Bahn-Waggon der erste Sprengsatz detoniert. Der vollbesetzte Zug der Roten Linie ist gerade in die Metro-Station ganz in der Nähe der Geheimdienstzentrale eingelaufen, da passiert es. Vermutlich zündet eine Selbstmordattentäterin eine am Körper befestigte Bombe. Mindestens 23 Menschen werden getötet. Nur 40 Minuten später erschüttert eine zweite Explosion die Station "Park Kultury". Wieder ist es eine Selbstmordattentäterin. Und wieder ein Zug der Roten Linie, die vom äußersten Südwesten der Stadt quer durchs Zentrum in den Nordosten führt. Weitere 14 Menschen sterben bei diesem Anschlag.

Passagiere sollten Waggons verlassen

Der Unglückszug Richtung "Park Kultury" habe schon vorher öfter im Tunnel angehalten, berichten Überlebende. Es sei von technischen Problemen die Rede gewesen. "Über den Anschlag bei der Lubjanka hat keiner etwas gesagt", erzählt ein junger Mann im Fernsehen. Schließlich erreichte der Zug doch die Haltestelle. Wenige Sekunden vor der Detonation habe der Zugführer die Passagiere plötzlich gebeten, die Waggons zu verlassen – vermutlich war die Selbstmordattentäterin einigen Fahrgästen aufgefallen, die über das Notfalltelefon den Fahrer informiert hatten.

"Ich bin ausgestiegen, und schon gab es eine laute Explosion. Ich spürte die Vibration an meinem Körper, alle schrieen, rannten, Panik. Dann kam Rauch, man konnte kaum noch atmen", erzählt eine Augenzeugin. Mit vereinten Kräften hätten die Passagiere die Eisengitter zur Seite geräumt, die in vielen Moskauer Metrostationen den Bahnsteig von der eigentlichen Halle der Station teilen. "Wir rannten zum Ausgang. Alle weinten hysterisch.", so die Zeugin.

"Da knallte es auch bei uns"

Auch der Fotograf Iwan Buchradse war an Bord des Unglückszuges. Gerade hatte er seine Eltern angerufen, um ihnen zu sagen, dass es am "Park Kultury" nicht mehr weitergeht. So erfuhr er per Handy von dem ersten Attentat in der "Lubjanka". "Schrecklich! Ich legte auf und bog in den Übergang ab – da knallte es auch bei uns." Die Rolltreppe habe nicht funktioniert, trotzdem hätten die Passagiere Ruhe bewahrt. Erst oben sei Panik ausgebrochen.

Das russische Fernsehen zeigt später, wie Menschen mit stark blutenden Kopfverletzungen, versengten Haaren und Rauchspuren von Krankenwagen abtransportiert werden. Auf Amateuraufnahmen von dem Bahnhof Lubjanka sind verletzte und möglicherweise auch tote Menschen auf dem Boden zu sehen und ein verqualmter Bahnsteig. Die Rettungshubschrauber des Katastrophenministeriums sind im Einsatz – ein ungewöhnlicher Anblick in Moskau, wo anders als in westlichen Großstädten normalerweise Unfallopfer nicht per Helikopter geborgen werden, weil der Luftraum für Hubschrauber gesperrt ist.

Eine Stadt ist gelähmt

Nach den Anschlägen ist die 12-Millionen-Stadt wie gelähmt. Zahlreiche Metrostationen sind geschlossen. Die Handy-Netze brechen zusammen, weil alle telefonieren. Die Menschen wollen ihre besorgten Verwandten beruhigen oder dem Chef Bescheid sagen, dass sie später zur Arbeit kommen. Auch das Internet hat plötzlich Aussetzer.

Die Polizei sperrt zeitweilig den Gartenring im Zentrum. Auf den ohnehin verstopften Straßen geht gar nichts mehr. Immer wieder heulen die Sirenen der Krankenwagen und Polizeiautos. Für die Sicherheitskräfte gilt jetzt der Plan "Vulkan", der eigens für einen Terrorangriff auf Moskau erarbeitet wurde. Die Patrouillen in allen Metrostationen, Bahnhöfen und Flughäfen werden verstärkt.

Aus den Metrostationen strömen die Passagiere und machen sich zu Fuß auf den Weg. Taxifahrer nutzen die Situation gnadenlos aus: 3000 Rubel verlangen sie für eine Strecke von fünf Kilometern – umgerechnet sind das 76 Euro. Am Ende wird die üble Geschäftemacherei sogar zur Chefsache. Premier Wladimir Putin höchstpersönlich fordert die Taxifahrer auf, mit dem Wucher aufzuhören.

Gerüchte über weitere Explosionen

Wilde Gerüchte kursieren - wie immer, wenn Russland von einem Unglück betroffen ist. Von weiteren Explosionen ist da die Rede. Auch heißt es, die Zahl der Todesopfer sei in Wirklichkeit viel höher, als die Polizei es zugeben wollte. Und: Die Selbstmordattentäterinnen hätten eigentlich die Geheimdienstzentrale und das Innenministerium attackieren wollen, hätten sich aber unterwegs "verfahren". Schon am Sonntagabend hätte eine unbekannte Anruferin die Polizei gewarnt, Tschetschenen planten einen Anschlag auf die Metro, behauptet eine Nachrichtenagentur aus dem Baltikum.

Am späten Nachmittag, pünktlich zur Rush-Hour, nimmt die Rote Linie ihren Betrieb wieder auf. Jetzt drängen sich wieder hunderttausende Passagiere in der völlig überlasteten Metro – so wie jeden Tag. Die meisten Menschen versuchen, Panikgefühle nicht aufkommen zu lassen.

"Was soll ich machen – ich muss ja irgendwie zur Arbeit und zurück fahren", sagte Irina (42) und zuckt mit den Schultern. Ein älterer Mann im grauen Mantel versucht es mit grimmigen Humor: "Wahrscheinlich ist das U-Bahn-Fahren jetzt nach den Anschlägen erst einmal so sicher wie nie." Doch die Angst fährt in der Moskauer U-Bahn immer mit – und das schon seit Jahren.

 
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