US-Metrople versinkt in der Gewalt: Nationalgarde soll in Chicago einmarschieren
VON CHRISTIAN SIEBEN - zuletzt aktualisiert: 26.04.2010 - 11:39Chicago (RPO). Mit einem drastischen Schritt wollen Politiker die rasant steigende Anzahl von Morden und Gewaltverbrechen in Chicago bekämpfen. Weil die Polizei mit der Lage in der drittgrößten US-Stadt offenbar überfordert ist, sollen künftig Soldaten der Nationalgarde für Sicherheit auf der Straße sorgen.
Die Entwicklung ist dramatisch. Seit Beginn des Jahres wurden 113 Einwohner der Stadt am Michigansee ermordet. Damit starben genau so viele Zivilisten in den Straßenschluchten der Stadt wie US-Soldaten bei ihren Kriegseinsätzen in Afghanistan und im Irak. Allein in einer Nacht der vergangenen Woche verzeichnete die Polizei sieben Todesopfer und 18 Schwerverletzte. In den meisten Fällen spielten Schusswaffen eine Rolle.
Jetzt diskutiert der Kongress des US-Bundesstaat Illinois über Konsequenzen aus der neuen Gewalteskalation. Die Abgeordneten John Fritchey and LaShawn Ford (beide Demokraten) forderten Gouverneur Pat Quinn auf, Soldaten in die Stadt zu beordern. Ihre Begründung leuchtet scheinbar ein: Männer und Frauen der Nationalgarde kämpfen derzeit an der Seite von US-Marines im Ausland, während die wahre Gefahr für US-Bürger im eigenen Vorgarten lauert.
Den Eindruck, dass bald Panzer durch die Stadt rollen, wollen Fritchey und Ford dabei nicht aufkommen lassen. Nach ihrem Plan sollen die Gardisten in den besonders von Gewalt betroffenen Stadtvierteln Einsatzteams mit der regulären Polizei bilden. Damit solle die Präsenz der Sicherheitskräfte auf den Straßen deutlich erhöht werden. Auch Geld ist ein Thema: Die klamme Stadt Chicago kann sich derzeit keine neuen Polizisten leisten. Einen Einsatz der Nationalgarde müsste zumindest teilweise der Bundesstaat bezahlen.
Chicagos Polizeipräsident Jody Weis reagiert erwartungsgemäß zurückhaltend auf den Vorstoß. Die Nationalgarde sei vornehmlich bei der Bekämpfung von Naturkatastrophen wie Tornados oder Erdbeben hilfreich, zitiert ihn die "Chicago Tribune". Weis kritisiert aber, dass Nationalgarde und Polizei nach unterschiedlichen Regeln arbeiten und daher keine Teams bilden können. So dürfe zum Beispiel ein Nationalgardist von einem Polizisten keine Befehle entgegen nehmen.
Gouverneur Quinn hält sich bisher bedeckt. Eine klare Ablenhung war am Wochenende nicht zu hören. Ein kluger Schachzug im Hinblick auf den kommenden Sommer. Denn in der heißen Jahreszeit kommt es laut Statistik zu einem weiteren Anstieg von Gewaltverbrechen in US-Großstädten. Ob die Polizei diese Lage dann auch nur ansatzweise in den Griff bekommen kann, ist mehr als fraglich.
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