Neues Erdbeben in Japan: Neue Probleme in mehreren Atomanlagen
zuletzt aktualisiert: 08.04.2011 - 15:29Tokio (RPO). In mehreren Atomanlagen Japans ist es nach dem neuen Beben im Nordosten des Landes zu Zwischenfällen gekommen. In drei Anlagen fiel die externe Stromversorgung für die Kühlsysteme aus, in einem Akw trat leicht radioaktives Wasser aus. Bei dem Nachbeben der Stärke 7,1 starben mindestens vier Menschen, Millionen sind ohne Strom.
Das verseuchte Wasser sei aus einem Abklingbecken ausgetreten, erklärten Betreiberfirmen und die Atomsicherheitsbehörde. Bei dem Nachbeben fiel in mehr als 3,3 Millionen Haushalten der Strom aus - eine Million war auch am Freitag ohne Strom.
In dem Atomkraftwerk Onagawa in der Präfektur Miyagi und im Akw Higashidori und der Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho in der Präfektur Aomori fielen zwischenzeitlich externe Stromversorgungssysteme für Kühlanlagen aus, wie Betreiber und Atomsicherheitsbehörde mitteilten. In jedem der betroffenen Anlagen liefen aber Notstromsysteme an. Folgen für die Kühlung soll es nicht gegeben habe.
Ein Ausfall der Kühlsysteme nach dem schweren Erdbeben und Tsunami vom 11. März hatte zu einer Erhitzung der Brennstäbe im Atomkraftwerk Fukushima 1 und damit zur größten Atomkatastrophe weltweit seit Tschernobyl 1986 geführt.
Im Kernkraftwerk Onagawa strömten aus mehreren Abklingbecken für Brennstäbe kleine Mengen leicht radioaktiv verstrahlten Wassers, wie die Betreiberfirma Tohoku Electric Power mitteilte. Die gemessene Radioaktivität sei aber "deutlich unter dem Niveau, bei dem wir die Behörden informieren müssten", sagte ein Unternehmenssprecher.
Verseuchtes Wasser schwappte beim Beben aus dem Becken
Zudem gebe es kein ständiges Entweichen von Wasser, das etwa auf einen Riss in den Behältern schließen ließe; vielmehr sei Wasser wegen des Bebens aus den Becken geschwappt. Das Atomkraftwerk war nach dem Beben und Tsunami vom 11. März heruntergefahren worden, die Brennstäbe müssen aber weiter gekühlt werden.
Onagawa liegt rund hundert Kilometer nördlich des Akw Fukushima 1. Dort gab es nach Angaben der Atomsicherheitsbehörde und der Betreiberfirma Tepco keine weiteren Schäden durch das erneute Erdbeben. Mit der Eindämmung der Atomkatastrophe beschäftigte Arbeiter wurden zunächst in Sicherheit gebracht, konnten aber später in die Anlage zurückkehren.
Das schwere Beben der Stärke 7,1 hatte sich am späten Donnerstagabend (Ortszeit) in der Katastrophenregion im Nordosten des Landes ereignet. Eine Tsunami-Warnung wurde nach rund 90 Minuten wieder aufgehoben. Bei dem neuen Beben kamen nach Angaben von Medien und Behörden mindestens vier Menschen ums Leben. Rund 140 Menschen seien verletzt worden, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Jiji. Das Beben war auch in Tokio zu spüren.
Japans Regierung will Exportverbot lockern
Vier Wochen nach dem Beginn der Atomkatastrophe in Fukushima 1 kündigte die japanische Regierung an, den Verkaufsstopp für einige in der Region produzierte Lebensmittel aufheben zu wollen. Anträgen, das Verbot der Auslieferung von Milch in Teilen der Präfektur Fukushima und von Spinat und dem Blattgemüse Kakina aus der Präfektur Gunma aufzuheben, könne stattgegeben werden, sagte Regierungssprecher Yukio Edano.
Die Europäische Kommission hat hingegen nach heftiger Kritik die Strahlengrenzwerte für Lebensmittel aus Japan wieder verschärft. Einen entsprechenden Vorschlag der Kommission billigten die Mitgliedsländer am Freitag. Die nun geltenden Werte für Jod-131, Cäsium-134 und Cäsium-137 entsprechen nun den in Japan geltenden geringeren Maximalwerten, wie die Kommission in Brüssel mitteilte.
China kritisiert AKW-Betreiber Tepco
China kritisierte unterdessen die Maßnahme des Fukushima-1-Betreibers Tepco, 11.500 Tonnen leicht radioaktiven Wassers ins Meer abzulassen, um Platz für stärker belastetes Wasser zu schaffen. Der Vorgang sei "besorgniserregend" sagte der Sprecher des Außenministeriums in Peking. Die japanische Regierung müsse den Schutz der Umwelt sicherstellen und Peking "ohne Verzögerung" über die Situation informieren.
Keine weiteren Schwierigkeiten am AKW Fukushima
Der japanische Fernsehsender NHK berichtete, dass die Einsatzkräfte am havarierten Atomkraftwerk Fukushima 1 Anweisung erhalten hätten, die Anlage zu verlassen. Der AKW-Betreiber Tepco habe erklärt, es gebe keine Probleme und keine weiteren Schäden in den Atomkraftwerken Fukushima-Daiichi und Fukushima-Daini. "Wir haben noch keinen Hinweis auf Anormalitäten in der Anlage Fukushima 1", sagte ein Tepco-Sprecher.
Die Atomaufsicht teilte unterdessen mit, das Atomkraftwerk Higashidori laufe mit Notstrom, weil die Elektrizitätszufuhr unterbrochen wurde.
Der japanischen Atomaufsicht Nisa lagen etwa 45 Minuten nach dem Beben keine Informationen über "Anomalien" in den schwer havarierten Reaktoren in Fukushima 1 vor. Die Mitarbeiter hätten sich allerdings in erdbebensichere Schutzräume zurückgezogen.
Auch in dem etwas südlicher gelegenen Atomkraftwerk Fukushima 2 seien die Mitarbeiter in Sicherheit gebracht worden. Verletzte habe es nicht gegeben, sagte ein Nisa-Sprecher während einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz. Die Wassereinspeisung in den Reaktoren 1 bis 3 werde fortgesetzt.
Fachleute hatten in den vergangenen Tagen mehrfach davor gewarnt, dass ein starkes Beben die ohnehin instabile Lage in den Unglücksreaktoren von Fukushima weiter verschärfen könnte.
Fast 1000 Nachbeben seit dem 11. März
Die Präfektur Miyagi war am 11. März am schwersten von dem Erdbeben der Stärke 9,0 getroffen worden, das einen mehr als zehn Meter hohen Tsunami auslöste. Durch das bislang schwerste Beben in Japan und die Flutwelle kamen vermutlich fast 28.000 Menschen ums Leben. Seitdem wurde die Region von mehr als 1000 Nachbeben erschüttert.
Mehr als 12.600 Tote wurden bereits registiert, aber mehr 15.000 Menschen werden noch immer vermisst. Große Teile der Region wurden durch den Tsunami verwüstet, und noch immer wohnen tausende Menschen in Notunterkünften. Außerdem zerstörte das Beben das Atomkraftwerk Fukushima 1.
Die neuen Erdstöße in Japan sorgten auch an den internationalen Finanzmärkten für Unruhe. Der Ölpreis sank, weil eine weiter nachlassende Nachfrage aus Japan befürchtet wurde. Auch die US-Börsen gaben nach. Vor allem die Kurse von US-Versicherern gerieten unter Druck.
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