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Attentäter von Nizza
War Mohammed Lahouaiej Bouhlel ein "einsamer Wolf" des IS?

Als der Terror nach Nizza kam
Als der Terror nach Nizza kam FOTO: afp
Nizza . Glaubt man dem Vater des Attentäters von Nizza, kann man seinen Sohn als jähzornigen Mann beschreiben, der alles kurz und klein schlug, wenn er wütend war. Er habe sich deswegen behandeln lassen. Islamistisch sei er aber nicht gewesen.

Die Terrormiliz Islamischer Staat hat den Attentäter von Nizza als einen ihrer Soldaten bezeichnet. Doch dessen Vater beschreibt den Mann, der mit einem schweren Lastwagen durch eine feiernde Menge pflügte und 84 Menschen umbrachte, als jemanden, auf den das Bild des islamistischen Extremisten nicht so recht passen will: Der 31-jährige habe Alkohol getrunken, Frauengeschichten gehabt und bei Wutanfällen alles kurz und klein geschlagen, was ihm in den Weg gekommen sei.

Mohammed Lahouaiej Bouhlel wurde in der nordosttunesischen Stadt Msaken geboren, kam aber schon vor Jahren legal nach Frankreich. Er arbeitete als Auslieferungsfahrer, hatte drei Kinder und eine Frau, die sich von ihm scheiden lassen wollte. Vater Mohammed Mondher Lahouaiej Bouhlel sagte dem Fernsehsender BFM, sein Sohn habe wenig Interesse am Islam gezeigt.

"Er ging nicht in die Moschee"

"Was ich weiß, ist, dass er nicht gebetet hat, nicht in die Moschee ging, keine Bindungen an die Religion hatte", sagt der Vater. Auch an die Vorschriften im muslimischen Fastenmonat Ramadan habe er sich nicht gehalten. Bouhlel war als Kleinkrimineller vorbestraft, aber nicht auf dem Radar der französischen Sicherheitsbehörden als möglicher islamistischer Gewalttäter gewesen.

Sein Sohn habe Wut- und Tobsuchtsanfälle gehab, "bei denen er alles kurz und klein geschlagen hat, was in seinen Weg kam", sagt der Vater. Er habe deswegen ärztlichen Rat gesucht. "Jedes Mal, wenn er eine Krise hatte, sind wir mit ihm zum Arzt gegangen, der ihm Medikamente gegeben hat."

Vater Bouhlel sagt aber auch, dass der Attentäter den Kontakt zur Familie abgebrochen hatte. In Tunesien sei er die letzten vier Jahre nicht gewesen.

Die Pariser Staatsanwaltschaft hatte am Freitag mitgeteilt, sie habe keine Verbindungen Bouhlels zum Islamischen Staat gefunden. Aktenkundig seien Vorkommnisse wegen aggressiven und gewalttätigen Verhaltens sowie Diebstahls in den letzten sechs Jahren. Ein Gericht in Nizza habe ihn im März zu seiner Bewährungsstrafe verurteilt, weil er sich als Verkehrsrowdy aufgeführt habe.

"Keine Radikalisierung beobachtet"

Sein vom Gericht bestellter Anwalt Corentin Delobel erklärt, er habe bei Bouhlel keinerlei Radikalisierung beobachtet. Staatsanwalt François Molins sagte, der Lkw-Fahrer habe auf keiner Beobachtungsliste für Radikale gestanden.

Bouhlel hatte den Lkw - ein 20 Tonnen schweres Fahrzeug - am 11. Juli bei einer Autovermietung außerhalb von Nizza gemietet. 25 Minuten vor dem Feuerwerk zum Nationalfeiertag am Donnerstagabend stieg er ins Führerhaus und fuhr ins Stadtzentrum. Um 22.30 Uhr erreichte er die Promenade de Anglais am Strand von Nizza, die wegen des Festes für den Verkehr gesperrt war.

Augenzeugen haben versucht, das Grauen zu beschreiben, dem sie entronnen sind: Bouhlel habe das schwere Fahrzeug mitten in die Menge gelenkt, sei über Frauen, Männer und Kinder hinweggefahren, die in Panik zu entkommen versuchten.

Der Bastille-Tag wird in Frankreich als Volksfest gefeiert, und die schwedische Touristin Sanchez beschreibt eine "so wunderschöne Atmosphäre" bevor der Horror begann: "Leute haben Trommeln geschlagen, Kinder sind mit ihren Fahrrädern umher gefahren. Das macht es alles noch schlimmer."

Ihr Mann John Lambert sagt, sie seien dem Lkw knapp entkommen. "Ich habe sein Gesicht gesehen", sagt er über den Fahrer. "Er war absolut konzentriert."

Bouhlels Horrorfahrt endete nach zwei Kilometern in einem Kugelhagel, der 31-Jährige wurde tödlich getroffen. Im Führerhaus des Lkw fanden Ermittler eine geladene Pistole, drei Nachbauten von Schusswaffen und eine leere Handgranate. Wie er an die Waffen kam, sollen Ermittlungen klären. Eine Serie von Anschlägen in den vergangenen Jahren hat gezeigt, dass es für dschihadistische Netzwerke kein Problem ist, sich in Frankreich Waffen zu verschaffen.

Nizza hat eine größere islamische Gemeinde, und unter Bouhlels Opfern sind auch Muslime. Tunesier in Nizza sagen, sie empfänden nun Angst und Scham. "Es hat mich schockiert, weil es ein Typ ist, der aus derselben Stadt wie ich komme", sagte der 31-jährige Morgan Braham. "Ich schäme mich und habe Angst, Leuten zu sagen, dass wir Tunesier sind."

(felt/ap)
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