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Bischofssynode
Das Coming-Out kommt wie gerufen

Fotos: Priester Krzysztof Charamsa bekennt sich zu seiner Homosexualität
Fotos: Priester Krzysztof Charamsa bekennt sich zu seiner Homosexualität FOTO: dpa
Rom. 400 Kardinäle, Bischöfe und Laien beraten bei der Bischofssynode in Rom über die Rolle der Familie und die Sexuallehre der katholischen Kirche in der modernen Welt.  Von Julius Müller-Meiningen und Lothar Schröder

Das Coming-Out des polnischen Priesters im Vatikan, Krzysztof Charamsa, der am Vorabend der Bischofssynode von seiner Homosexualität und seinem Lebensgefährten berichtete, kommt wie gerufen. Für die sogenannten Konservativen, die im öffentlichen Auftritt des schwulen Prälaten Anlass finden, sowohl auf die Fortsetzung des traditionellen Familienbildes zu setzen und alte Strenge in der Sexuallehre der Kirche zu fordern.

Natürlich musste Papst Franziskus in seiner Sonntagspredigt darauf eingehen, "auf das Drama der Einsamkeit, die Liebe zwischen Mann und Frau und die Familie". Das sind die Leitplanken der dreiwöchigen Synode mit dem etwas sperrigen, theologisch wie kirchenpolitisch aber brisanten Thema: "Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute." Wer ins Arbeitspapier der Synode schaut, wird kaum glauben können, wie sich eine Konferenz mit 400 Teilnehmern - darunter Kardinäle, Bischöfe, Ordensleute, Theologen und Laien - in ein paar Tagen dokumentenreif zu Themen wie die Bedeutung des Gefühlslebens oder die pastorale Aufmerksamkeit gegenüber Homosexuellen äußern will.

Die Grafik veranschaulicht die Rollenverteilung bei der Bischofssynode in Rom. FOTO: Martin Ferl

Kaum eine Synode ist bisher so aufmerksam beachtet worden wie diese. Die Zeit der Vorbereitung ließ den Eindruck entstehen, als handele es sich um ein Konzil. Dabei ist die Synode eine nur beratende Versammlung. Diskutiert wird vor allem in den ersten beiden Wochen in Kleingruppen. Aussagen müssen für den Schlussbericht eine Zweitdrittel-Mehrheit finden. Am Ende entscheidet aber der Papst selbst über den weiteren Umgang mit den Beratungsergebnissen.

Warum dann die ganze Aufregung? Im Pontifikat von Franziskus - dem Papst der guten Gesten - scheint nun die Zeit der Praxis gekommen zu sein. Welchen Weg wird die Kirche gehen? Wie will sie sich der Zukunft und der modernen Gesellschaft stellen? Naturgemäß gibt es darauf viele Antworten; und die unterschiedlichen Lager scheinen in ihren Ideen mehr als nur eine Diskussionsgrundlage zu sehen. Zu den Protagonisten des liberalen Flügels und Fürsprecher der Reformen werden vor allem zwei deutsche genannt: der im Vatikan einflussreiche Reinhard Kardinal Marx. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz zählt zum Kreis jener Acht, die im päpstlichen Auftrag eine Kurienreform beraten. Hinzu kommt der 82-jährige Walter Kardinal Kasper, der zwar nicht mehr der Kurie angehört, aber nach wie vor als theologisches wie kirchenpolitisches Schwergewicht gilt.

Der polnische Priester Krzysztof Charamsa hat den Vatikan mit seinem Bekenntnis zur Homosexualität herausgefordert. FOTO: afp, mlm

Das ist der europäische Flügel, der sich freilich den Vorwurf des "theologischen Kolonialismus" erwehren muss. Gegenspieler ist der 70-jährige Kurienkardinal Robert Sarah aus Guinea. Für ihn gibt es keinen zeitgemäßen Reform-Bedarf; vielmehr müsse die Kirche ihr Verständnis von Ehe und Sexualität stärker und nachhaltiger als bisher den Menschen vermitteln. Robert Sarah hat im Vatikan mit dem Präfekten der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Kardinal Müller, einen starken Bündnispartner an seiner Seite und gilt zudem als "papabile", also als möglicher Franziskus-Nachfolger.

Die katholische Kirche im Stresstest. Wobei der Synode inzwischen die Bedeutung zugesprochen wird, richtungsweisend für das Pontifikat zu werden. Und was wird Franziskus sagen? Er wird vermutlich - wie schon beim Vorbereitungstreffen vor einem Jahr - lange schweigen und zuhören. Erst am Ende dürfte er das Wort ergreifen. Gestern übte er sich schon in Diplomatie. Der schwule Priester Krzysztof Charamsa wurde vom Vatikan umgehend seines Amtes enthoben. Während Papst Franziskus mit Blick auf die Synode sagte, dass die Kirche dazu berufen sei, "ein Feldlazarett zu sein mit offenen Türen, um jeden aufzunehmen, der anklopft und um Hilfe und Unterstützung bittet".

Quelle: RP
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