| 16.34 Uhr

Terrorserie in Paris
Auf den Spuren der acht Todesbrüder

Paris: Auf den Spuren der acht Attentäter
FOTO: dpa, mau pro
Paris. Frankreich hat mit dem Terror von Paris die schwerste Anschlagsserie seiner Geschichte erlebt. Fast alles spricht dafür, dass die Täter aus den Reihen des Islamischen Staates stammten und dort ausgebildet wurden. Augenzeugen berichten von Attentätern, die ihr blutiges Handwerk beherrschten. Von Christine Longin, Paris

"Acht Brüder mit Sprengstoffgürteln und Sturmgewehren haben Ziele angegriffen, die vorher genau ausgesucht worden waren", heißt es in einem mutmaßlichen Bekennerschreiben des Islamischen Staats zu den Anschlägen von Paris. Dass die Extremistenorganisation hinter den Attentaten mit 128 Toten steht, hatte Präsident François Hollande am Samstag schnell deutlich gemacht. "Das ist eine Kriegshandlung, die von einer terroristischen Armee begangen wurde – dem IS", sagte der Staatschef kurz bevor das Bekennerschreiben bekannt wurde.

Die Behörden gehen in der Tat von mindestens acht Attentätern aus, die an sechs verschiedenen Stellen zuschlugen. Einer dieser "Brüder" wurde am Samstagnachmittag durch seine Fingerabdrücke identifiziert: es handelt sich um einen 30-jährigen Franzosen, den die Behörden bereits im Visier hatten. Wie rund 5000 andere hatte er den Sicherheitsvermerk S für Verdächtige, die Kontakte zu Terrorgruppen haben könnten. Im Falle ihrer Festnahme müssen sofort die Geheimdienste informiert werden. Auch die Brüder Kouachi und Amedy Coulibaly, die im Januar die Anschläge auf "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt verübten, hatten einen solchen Vermerk.

Junge Männer unter 25

Tatort Paris – die blutige Spur des Terrors FOTO: afp, le

Weitere Hinweise erhielten die Ermittler durch zwei Ausweise, die im Bataclan gefunden wurden: ein syrischer und ein ägyptischer Pass. Ob die Dokumente den Angreifern gehörten, muss allerdings noch geklärt werden. Klar ist aber, dass die Männer ihr blutiges Handwerk beherrschten. "Das waren keine Männer, die erst gestern die Handhabung von Waffen lernten", sagte der Radiojournalist Julien Pearce, der im Bataclan war. "Das waren entschlossene Männer, die ihre Sturmgewehre immer wieder neu luden. Ohne irgendwelche Bedenken."

Französisch sollen die Angreifer gesprochen haben, berichteten andere Augenzeugen. Damit könnte es sich um Franzosen handeln, die in Syrien an der Seite des IS kämpften. Rund 500 solcher Gotteskrieger sollen in Syrien und im Irak im Einsatz sein. Eine Spur führt auch nach Bayern, wo die Polizei vergangene Woche einen Montenegrer festnahm, der mit einem Auto voller Waffen Richtung Paris unterwegs war.

"Hauptstadt der Perversion"

Anschläge in Paris – der Tag danach FOTO: afp, RA

Die Angreifer von Paris waren Konzertbesuchern zufolge noch sehr jung, höchstens 25. Sie feuerten blind auf die Menge und machten sich nicht einmal die Mühe, ihr Gesicht mit einer Maske zu verdecken. "Was ihr den Syrern antut, bezahlt ihr jetzt", soll einer der Augenzeugen gerufen haben. Frankreich fliegt seit Ende September Angriffe auf IS-Stellungen in Syrien. Hollande hatte sich nach langem Zögern dazu entschlossen, um weitere Anschläge in Frankreich nach dem gescheiterten Überfall auf den Thalys Amsterdam-Paris zu verhindern. Denn auch der Thalys-Attentäter, der von US-Soldaten überwältigt wurde, soll sich in Syrien aufgehalten haben.

"Eine Gruppe der Soldaten des Kalifats hat sich die Hauptstadt des Abscheus und der Perversion zum Ziel genommen" schreibt der Islamische Staat in seinem Bekennerschreiben. Die Verfasser zählen alle Ziele auf, die sie ganz genau in Paris ausgesucht hatten: Kneipen und Restaurants in den Ausgehvierteln im zehnten und elften Stadtbezirk, das Bataclan, "wo hunderte Götzen in einem Fest der Perversität versammelt sind", und das Stade de France. Dort spielte zum Zeitpunkt der Explosionen Frankreich gegen Deutschland, "zwei Kreuzfahrerstaaten".

Die Attentäter wussten, dass auch Hollande sich das Spiel anschauen würde. Der Präsident war nach der ersten Explosion, verursacht durch einen Selbstmordattentäter, zusammen mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier aus dem Stadion gebracht worden. Der IS endet sein Bekennerschreiben mit einer offenen Drohung an Frankreich, das Hauptziel der Extremisten bleibe. "Dieser Anschlag ist nur der Beginn eines Sturms." Doch auf die Drohung hatte Hollande bereits seine Antwort gegeben: "Frankreich wird erbarmungslos sein gegen die IS-Barbaren."

Stilles Gedenken in Leverkusen nach den Anschlägen in Paris
Diskussion
Das Kommentarforum zu diesem Artikel ist geschlossen.