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Anschläge in Paris
"Ein Terrorangriff von nie dagewesenem Ausmaß"

Entsetzen vor dem Bataclan
Entsetzen vor dem Bataclan FOTO: ap, BC
Paris. Der Terror ist zurück in Frankreich: Der Anschlagsserie an sechs Orten in Paris fielen am Freitagabend mindestens 120 Menschen zum Opfer. In einer Konzerthalle gab es ein Blutbad. Als die Polizei eine Geiselnahme beenden wollte, sprengten sich die Täter in die Luft.

Präsident François Hollande sprach von "Terrorangriffen von einem bisher nie dagewesenen Ausmaß", verhängte den Ausnahmezustand für ganz Frankreich, ließ die Grenzen schließen und mobilisierte das Militär.

In der französischen Hauptstadt hatte es am Abend mehrere Schießereien und eine Geiselnahme in der Konzerthalle Bataclan gegeben. Die Staatsanwaltschaft geht bislang von mindestens 120 Opfern aus. Rund 100 kamen allein bei der Geiselnahme im Bataclan, einer Konzerthalle im Nordosten von Paris, ums Leben. 

Überblick: Paris: An diesen Orten ereigneten sich die Anschläge

Mehrere Explosionen gleichzeitig

In der Nähe des Fußballstadions Stade de France im Norden von Paris, wo gerade die Nationalmannschaften von Deutschland und Frankreich gegeneinander spielten, ereigneten sich zeitgleich mehrere Explosion. Mindestens eine von ihnen wurde von einem Selbstmordattentäter ausgelöst, wie aus Ermittlerkreisen verlautete. 50 Verletzte schwebten am Abend noch in Lebensgefahr.

Fotos: Menschen zünden Kerzen vor französischer Botschaft in Berlin an FOTO: dpa, lus cul

Kurz nach Mitternacht stürmten Einsatzkräfte der Polizei die Konzerthalle Bataclan, wo die Geiselnahme zu diesem Zeitpunkt noch andauerte. 1500 Menschen waren in der Halle. Nach dem Ende des Einsatzes verlautete aus Ermittlerkreisen, es habe in der Halle rund hundert Tote gegeben. Drei mutmaßliche Terroristen seien getötet worden. Ein Augenzeuge berichtete im Radiosender France Info, die Angreifer hätten "Allah Akbar" (Gott ist groß) gerufen und "voll in die Menge geschossen".

Die Behörden suchen noch mögliche Komplizen

Ein Augenzeuge aus dem Stadion erzählt

Erste grausame Details wurden am frühen Samstagmorgen bekannt. Wie Polizeipräfekt Michel Cadot mitteilte, sprengten sich die Angreifer in der Konzerthalle mit Sprengstoffgürteln selbst in die Luft, als die Polizei einrückte. Demnach eröffneten die Angreifer zunächst mit Maschinengewehren das Feuer auf Cafés vor dem Konzerthaus. Dann drangen sie in den Club ein und töteten dort weitere Menschen, ehe die Sicherheitskräfte das Gebäude stürmten. Augenzeugenberichte stützen diese Darstellung. 

Zu den Explosionen am Stade de France, in dem die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gegen Frankreich spielte, sagte Cadot, eine Gruppe von Angreifern habe sich am Stadion aufgehalten, während zeitgleich eine zweite Gruppe in der Innenstadt zugeschlagen habe. Er ging zudem davon aus, dass alle Angreifer tot seien. Allerdings jagen die Behörden noch mögliche Komplizen der Täter.

Angst auch im Stadion

Wer hinter der Geiselnahme steckte und wie viele Menschen in der Halle waren, war zunächst unbekannt. Die Konzerthalle liegt nur etwa 200 Meter von der früheren Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" entfernt, die Islamisten im Januar angegriffen und dabei und bei ihrer Flucht zwölf Menschen getötet hatten.

In der Nähe des Stade de France, in dem die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gegen Frankreich spielte, explodierten Bomben. Französische Medien berichteten, es habe sich bei den Explosionen um Selbstmordattentate mit Sprengstoffgürteln gehandelt, die mit Nägeln gefüllt waren. Nach dem Schlusspfiff harrten verängstigte Fans im Stadion aus. Vereinzelt gab es panische Reaktionen.

Das Stade de France war mit 75.000 Zuschauern, darunter auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, voll besetzt. Präsident Hollande verließ nach den Explosionen das Stadion und traf sich sofort mit Innenminister Bernard Cazeneuve. Das Spiel ging trotzdem weiter. Erst am Ende erfuhren die Zuschauer, was sich draußen abspielte. Sie durften das Stadion zunächst nicht verlassen und versammelten sich auf dem Rasen. "Wir wollten gehen, als mich die Menge zurückgedrängt hat", berichtete ein Vater, der mit seiner Tochter und Freunden gekommen war, im Fernsehen. "Ich habe meine Tochter verloren, sie aber dann wiedergefunden." Erst rund anderthalb Stunden nach Spielende begann die Polizei, das Stadion langsam zu evakuieren.

Frankreich reagiert

Staatspräsident François Hollande verließ das Fußballstadion frühzeitig, um im Innenministerium mit seinem Krisenstab zusammenzukommen. Wenig später verhängte er den Ausnahmezustand über das ganze Land. Kurz vor Mitternacht trat er sichtlich erschüttert vor die Kameras. "Angesichts des Schreckens gibt es eine Nation, die es weiß, sich zu verteidigen und die die Stirn bieten kann", sagte der Staatschef.  

Hollande verfügte extrem starke Maßnahmen: die Grenzen werden geschlossen, um keine neuen Terroristen hinein- und die Angreifer nicht hinauszulassen. Alle möglichen Sicherheitskräfte sind mobilisiert, um die Attentäter zu fassen, die am Freitagabend noch auf freiem Fuß waren.

Die Polizei und die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo forderten alle Pariser auf, zu Hause zu bleiben. Die für Terrorismus zuständige Staatsanwaltschaft übernahm die Ermittlungen. Fünf Metro-Linien wurden unterbrochen. Die Krankenhäuser riefen den "weißen Notfallplan" aus, um die vielen Verletzten behandeln zu können. Landesweit galt außerdem der "rote Notfallplan Alfa" für mehrere zeitgleiche Anschläge. "Die Operationen sind noch im Gange", warnte Hollande am Abend.

Für Frankreich war es die schlimmste Gewaltwelle seit Jahrzehnten. Das Land ist in erhöhter Alarmbereitschaft, seit islamistische Extremisten im Januar die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" und einen koscheren Supermarkt angegriffen hatten. 20 Menschen kamen damals ums Leben, unter ihnen auch die Angreifer. Seitdem hatte es mehrere weitere versuchte Attacken gegeben, unter anderem ein von Passagieren vereitelter Angriff eines schwer bewaffneten Radikalen im Hochgeschwindigkeitszug TGV.

Von der aktuellen Entwicklung in Paris berichten wir hier im Liveblog

(pst/bee/AP/AFP)
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