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"Verlierer des Systems"
Das Profil der IS-Kämpfer

Hintergrund: So entstand der Name IS
Hintergrund: So entstand der Name IS
Düsseldorf. Männlich, jung, zwischen 16 und 25 Jahre alt, perspektivlos, geringe Schulbildung. Das Profil der Männer, die von Deutschland aus nach Syrien reisen und sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anschließen, ist in der Regel immer dasselbe. Von Christian Schwerdtfeger

Es sind meistens Außenseiter, die zuvor in der Schule gehänselt worden sind, keine Freunde haben und auch sonst über wenige soziale Kontakte verfügen. Diese Einzelgänger sind besonders anfällig für die menschenverachtenden Ideologien des Islamischen Staates. Die Extremisten haben es genau auf diese scheinbaren jugendlichen "Verlierer des Systems" abgesehen. Gezielt werden vom IS Hassprediger in Problemviertel mit meist hohen Migranten- und Arbeitslosenanteil entsandt. Dort sollen sie Jugendliche für ihre Zwecke anwerben.

Zunächst fängt es harmlos an. Die Prediger geben den jungen Menschen das Gefühl, Teil von etwas Besonderem zu sein, einer starken Gemeinschaft, die füreinander da ist, füreinander eintritt. Zum ersten Mal fühlen sich diese Jugendlichen dann ernst genommen und  verstanden. "Es findet so eine Art Gehirnwäsche statt", erklärt ein Ermittler. "Und irgendwann werden sie dann empfänglich für den Hass auf die westliche Welt", erklärt er.

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So lief es auch in Dinslaken ab, wo auch eines Tages ein Hassprediger auftauchte, um Jugendliche für den IS zu rekrutieren. In Dinslaken hatte sich vor wenigen Jahren eine der bekanntesten Keimzellen des radikalen Salafismus in Deutschland gegründet, die mittlerweile aufgelöste "Lohberger Gruppe", damals auch bekannt als "Lohberger Brigade". Benannt war die Gruppierung nach dem gleichnamigen Dinslakener Stadtteil Lohberg, einer alten Bergbausiedlung mit hoher Arbeitslosenquote und hohem Migrantenanteil.

Rund 25 Mitglieder und noch einmal ebenso viele Sympathisanten soll die Gruppe noch vor einem Jahr gehabt haben. Einige haben sich den IS-Terroristen in Syrien angeschlossen. Ihr Anführer Philip B., ein 27 Jahre alter ehemaliger Pizzabote, hat sich im Nordirak als Selbstmordattentäter bei einem verheerenden Anschlag in die Luft gesprengt. Philip B. war mit Nils D., gegen den die Bundesanwaltschaft ermittelt,  verwandt – sie waren Cousins. "Philip hat Nils in die Szene reingezogen. Er war ganz klar die treibende Kraft", sagte ein Bekannter der beiden. Neben B. kam auch der Dinslakener Mustafa K., der auf Fotos mit abgetrennten Köpfen im Internet posierte, in Syrien ums Leben.

Nils D. galt bis zu seiner Radikalisierung als Außenseiter. Er war bereits im Jugendalter Vater geworden, soll Drogen genommen und in der Hauptschule gehänselt worden sein. Dann muss ihn irgendwann sein drei Jahre älterer Cousin Philip B. mit den Lehren des radikalen Salafismus in Kontakt gebracht haben.

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Vermutlich nahm B. seinen Cousin eines Abends mit ins Büro des Bildungsvereins, wo sich die Extremisten der "Lohberger Gruppe" zwischen 2011 und 2013 regelmäßig trafen. Das Zimmer lag Tür an Tür mit dem des Integrationsamtes der Stadt Dinslaken, dessen Mitarbeiter aber nichts davon mitbekamen, was nebenan vor sich ging. Einige Mitglieder der Lohberger Gruppe kehrten aber auch vergleichsweise zügig nach Deutschland zurück, weil sie mit den Verhältnissen in Syrien nicht klargekommen waren.

Auch im Internet suchen die Islamisten nach Nachwuchs in Deutschland. Nach Angaben des NRW-Verfassungsschutzes lassen sich in Nordrhein-Westfalen immer mehr junge Menschen von den Propaganda-Videos der Extremisten beeinflussen. Der IS verfüge über einen hochprofessionellen Medien-Apparat, der die radikalen und menschenverachtenden Ansichten über das Internet bis in die Kinderzimmer in NRW verbreite. 

Die aktuellen Entwicklungen nach den Anschlägen können Sie hier in unserem Live-Blog verfolgen.

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