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Terror in Paris
Wir wählen die Freiheit

Anschläge in Paris – der Tag danach
Anschläge in Paris – der Tag danach FOTO: afp, RA
Meinung | Paris. Sie wollen den Kulturkampf in unsere Städte bomben. Sie wollen das zerstören, was das Leben so bezaubernd macht. Freiheit, Freude, das Miteinander von Menschen. Die Terroristen werden grandios scheitern. Ihre Gegner sind zu viele und sie sind zu mächtig. Ein Kommentar.  Von Michael Bröcker

Die Terroranschläge von Paris sind in ihrer barbarischen Brutalität, in ihrer Unmenschlichkeit und in ihrer grenzenlosen Willkür einzigartig. Man sagt das nach Terroranschlägen oft. Aber die Attacken vom 13. November waren buchstäblich ein Anschlag auf die Freiheit. Menschen saßen im Café und im Restaurant, sie tanzten beim Konzert, sie lachten und scherzten auf den Straßen, als sie von Bomben und Kugeln aus Kalaschnikows und Pumpguns niedergestreckt wurden. Europa hat seit den Anschlägen auf Pendlerzüge in Madrid 2004 keinen so blutigen Anschlag erlebt. Es ist Europas 9/11. 

Diese hinterhältigen und feigen Attacken auf Menschen, die Freude an ihrem Leben haben, entlarven den islamistischen Terror, der so tut, als müsste er den Rest der Welt vor sich selbst retten, als das, was er ist: eine sinnlose Tötungsmaschine.  

Unsere Antwort: Besonnenheit 

Was sollten die Konsequenzen für uns sein? Vor allem Besonnenheit und ein klarer Verstand. Das ist der wichtigste Unterschied zu dem ungefilterten Hass der Mörder. Wer die Anschläge jetzt zu einem Kulturkampf hochjazzt, spielt den Tätern nur in die Hände. Unsere Antwort kann nur eine zivilisatorische und multi-ethnische sein. Wir wählen die Freiheit! Egal aus welcher Nationalität und welcher Religion heraus. Wir handeln auf der Grundlage des Rechtsstaats, nicht von Ideologien. Unter den Toten sind Dutzende Muslime, so viel ist sicher. Der Rat der Muslime in Frankreich gehörte zu den ersten Organisationen, die gestern die Taten als "verächtliche und verhasste Angriffe" verurteilten. Ein richtiges und wichtiges Signal. 

Fehl am Platz sind auch Analogien zur Flüchtlingskrise. Wer den mutmaßlich islamistisch motivierten Terror als Vehikel nutzt, um gegen Flüchtlinge zu hetzen und die ohnehin emotional aufgeladene innerdeutsche Debatte zu befeuern, wie es einige Unbeirrbare bereits gestern Nacht in den sozialen Netzwerken taten, muss schnell und hart in die Schranken gewiesen werden. Wir sind als Zivilisation im Kampf gegen feige Massenmörder, gegen Kriminelle, die barbarisch töten, nicht gegen eine andere Kultur. Nicht gegen Muslime. Nicht gegen den Islam. Es sind ja genau solche Mörder, vor denen viele Flüchtlinge aus dem Irak, aus Syrien, aus Somalia nach Europa fliehen. 

Deutschland wird kämpfen müssen 

Es gibt aber auch politische Konsequenzen. Der Kampf gegen die Drahtzieher, gegen die ideologischen Hintermänner der Terroristen, kann sich nicht mehr nur auf wenige Staaten beschränken. Frankreich ist auch deshalb schon zum zweiten Mal in diesem Jahr Zielscheibe des Terrors, weil es an der Seite der USA in Syrien und im Irak gegen den IS-Terror kämpft. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in ihrer bemerkenswerten Stellungnahme am Samstagmorgen den Weg zu mehr deutscher Verantwortung bereits geebnet, als sie sagte, dass Deutschland den Kampf gemeinsam mit Frankreich führen werde. Den Kampf! Das heißt kämpfen. Es entspringt der Logik unserer gemeinsamen  Werte, dass wir einer gemeinsame Bedrohung auch nur gemeinsam entgegnen. Ein mögliches Ziel der Terroristen kann morgen München oder Berlin sein. Das muss jeder wissen.

Es mag nach Pathos klingen, und ist doch sehr konkret: Alle Menschen, die das friedliche Miteinander bevorzugen und ihr Glück im Leben suchen, müssen jetzt den Terroristen die Stirn bieten. Wenn aus den Tagen der Trauer Hoffnung entstehen soll, dann nur, wenn das Europa der Freiheitsliebenden noch enger zusammenrückt. Wenn wir aufhören, uns mit nationalen Eitelkeiten und finanziellen Eigeninteressen zu traktieren. Dass wir in einer Phase, in der die Brüche tiefer geworden sind, uns wieder auf das besinnen, was uns eint. Freiheit, Menschenwürde, Demokratie. Diese attraktiven Werte, dieses wunderbare Gegenmodell zu dem Terror, müssen wir wieder  selbstbewusster und offensiver vorgetragen, ja verteidigen. 

 

 

Die Gruppe der Friedliebenden dürfte die stärkste, einflussreichste und mächtigste Organisation der Welt sein. Sie ist den Hasserfüllten in allen Belangen überlegen. 

Der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg hat nach den Anschlägen des rechtsextremistischen Terroristen Anders Breivik im Juli 2011 in Oslo gesagt. "Unsere Antwort wird mehr Demokratie sein, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Aber nie Naivität." Eine starke Botschaft in einer schweren Stunde.

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