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Analyse
Warum wieder Frankreich?

Paris und der Terror: Warum wieder Frankreich?
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Paris. Paris wurde Schauplatz des blutigsten Terroranschlags in der Geschichte Frankreichs. Das Nachbarland ist zum Top-Ziel der Extremisten aufgestiegen, weil es in mehreren Regionen militärisch gegen Islamisten vorgeht. Und weil es sich in deren Augen perfekt als Feindbild eignet. Von Matthias Beermann

Die Pariser sind eben auch nur Menschen. Natürlich haben sie in den Zeitungen gelesen von den Drohungen des Islamischen Staats (IS) gegen Frankreich. Sie begegnen jeden Tag den mit Sturmgewehren bewaffneten Fallschirmjägern, die vor den Synagogen stehen und in den Metro-Schächten patrouillieren. Keine Fernseh-Talkrunde zum Thema Terror, bei der nicht irgendein Experte vor dem nächsten Anschlag warnte. Alle mussten wissen, dass er kommt. Und doch sind jetzt alle fassungslos. Warum schon wieder wir? Warum Frankreich, warum Paris? Die Bekennerbotschaften der Terroristen geben Hinweise, erklären aber nicht alles.

Sicher ist, dass Rache und Vergeltung eine Rolle spielen, denn Frankreich bekämpft den IS militärisch, und zwar mit zunehmender Intensität. Erst wenige Tage vor den Anschlägen von Paris hatte die Regierung bekannt gegeben, dass Frankreichs atomgetriebener Flugzeugträger "Charles de Gaulle" Mitte dieser Woche mit Kurs auf den Persischen Golf auslaufen wird, um die französischen Luftangriffe auf IS-Stellungen zu verstärken. Nach dem vereitelten Terroranschlag auf den Thalys-Schnellzug im August hatte Frankreich seine bis dahin auf den Irak beschränkten Einsätze gegen den IS auch auf Syrien ausgedehnt und dort zuletzt gezielt Raffinerien und Öl-Terminals bombardiert, um den IS seiner wichtigsten Einnahmequelle zu berauben. Insgesamt allerdings flogen französische Jets bisher lediglich rund vier Prozent der Einsätze der internationalen Koalition gegen den IS. Weit aktiver ist Frankreich beim Kampf gegen die Dschihadisten in seinen ehemaligen afrikanischen Kolonien.

Fotos: Massenpanik am Platz der Republik FOTO: afp, JS/nb

Französische Truppen sind in den Sahel-Ländern Mauretanien, Mali, Burkina-Faso, Niger und Tschad aktiv, wo sich seit einigen Jahren bewaffnete islamistische Terror-Gruppen ausbreiten, die gleichzeitig vom Schmuggel, Menschen- und Drogenhandel profitieren. Die französischen Geheimdienstinformationen über die Region gelten als unverzichtbar auch im Kampf gegen Boko Haram in Nigeria oder die Shabaab-Milizen in Somalia. Außerdem hält Paris derzeit 900 Elite-Soldaten in der Zentralafrikanischen Republik stationiert, um eine Uno-Blauhelmtruppe bei der Stabilisierung des Landes zu unterstützen. Da Briten und Amerikaner ihr militärisches Engagement im südlichen Afrika erheblich zurückgefahren haben, bildet Frankreich in dieser instabilen Region heute die Speerspitze im Kampf gegen den islamistischen Terror und seine Unterstützer - und gerät auch deswegen ins Visier des "Islamischen Staats".

In Frankreich können die Terror-Chefs zudem auf eine gute Operationsbasis zählen. In absoluten Zahlen haben sich aus keinem Land soviele ausländische Kämpfer dem IS angeschlossen wie aus Frankreich. Derzeit kämpfen nach französischen Geheimdiensterkenntnissen 571 Franzosen im Irak und Syrien in den Rängen der Terrororganisation. 141 sind dort bereits umgekommen, 245 sind nach Frankreich zurückgekehrt. Im Internet rufen viele der aktiven Dschihadisten zu Anschlägen in Frankreich auf. Sie sind der Alptraum der Sicherheitsbehörden, denn sie kennen das Terrain, sprechen die Sprache und können bei Bedarf alte Kontakte aktivieren.

Davon gibt es offenbar reichlich: Mehr als 11.000 Personen haben die französischen Geheimdienste in einer Extremisten-Datei als potenziell gefährlich erfasst, rund 1700 von ihnen gelten als hochbedrohlich. Zwar späht neben Großbritannien kein anderes Land in Europa die Extremisten-Milieus so aggressiv aus wie Frankreich, aber die hohen Zahlen verdächtiger Personen bringen das Überwachungssystem an den Rand des Kollaps. Beinahe täglich nehmen die Fahnder französische Staatsbürger unter Terrorverdacht fest, aber nun befand sich offenbar wie schon bei den Anschlägen im Januar erneut mindestens einer der Terroristen auf einer schwarzen Warnliste der Behörden, ohne dass man genügend Handhabe gegen ihn hatte, um rechtzeitig einzuschreiten.

Terrorwelle erschüttert Paris FOTO: dpa, yv ks

Dass sich in Frankreich eine solch große Gruppe von radikalisierten Muslimen bilden konnte, dafür gibt es objektive Gründe. So leiden Muslime in Frankreich weiterhin unter kaum verdeckter Diskriminierung, wie erst unlängst eine Studie des renommierten Institut Montaigne ein weiteres Mal belegte. Besonders auf dem Arbeitsmarkt haben sie weit schlechtere Chancen. Wer mit Vornamen Mohammed heißt oder wessen Anschrift in einer als Einwandererviertel bekannten Vorstadt liegt, dessen Bewerbung wird häufig sofort aussortiert. In keinem anderen westlichen Land sei die Frustration muslimischer Jugendlicher deshalb so groß wie in Frankreich, sagt der Soziologe Raphaël Liogier. Umso leichter falle es den Terror-Chefs, diese jungen Menschen für den Dschihad zu rekrutieren.

Frankreich ist aber auch unter propagandistischen Gesichtspunkten ein ideales Ziel für die Islamisten. Hier gilt seit Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Laizität eine besonders strikte Form der Trennung von Religion und Staat, hier wurden 2004 zunächst die Kopftücher an den Schulen verboten und 2010 dann auch das Tragen von Ganzkörper-Verschleierung auf offener Straße. Auch die weite französische Auslegung der Meinungsfreiheit, die seit der Aufklärung ausdrücklich auch die Blasphemie einschließt, wird von vielen Muslimen als Skandal empfunden. Einige radikale Prediger prangern Frankreich sogar als islamfeindlichstes Land der Welt an.

Das ist natürlich Unfug, aber eine gereizte Stimmung im Land ist unbestreitbar. Da streichen plötzlich Bürgermeister die schweinefleischfreien Gerichte in der Schulkantine und kippen damit teils seit Jahrzehnten und ohne großes Aufheben praktizierte Arrangements, die das respektvolle Miteinander im täglichen Leben ermöglichten.

So gedenkt die Region der Opfer in Paris FOTO: dpa, mjh wst

Selbst im Sport, wo Integration auch in Frankreich eigentlich am besten funktioniert, ist das Klima rauer geworden. Wohl auch, weil man vor der Realität lange die Augen verschlossen hatte. So wurde der WM-Titel, den Frankreichs bunt gemischte Fußballnationalmannschaft 1998 im eigenen Land errang, recht voreilig zum Triumph der französischen Integrationsleistung aufgebauscht. Die Euphorie hielt aber nicht lange an und zerplatzte, als ausgerechnet einige Spieler mit Migrationshintergrund mit hässlichen Skandalen auf sich aufmerksam machten, die im berühmt-berüchtigten Spieler-Boykott bei der WM 2010 in Südafrika gipfelten. Seither gilt der Spitzenfußball vielen Franzosen als Tummelplatz der "racaille", des Gesindels aus der Vorstadt. Des arabischen Gesindels, versteht sich.

Andererseits belegen inzwischen zahlreiche Erfolgsgeschichten muslimischer Einwanderer, dass Islam und französische Staatsbürgerschaft eben doch keine unüberwindlichen Widersprüche sind. Längst sitzen auch muslimische Minister mit am Kabinettstisch im Elysée-Palast, leiten Muslime große Unternehmen. Auch in der Popkultur feiern muslimische Einwanderer-Kinder zunehmend Erfolge. 2011 brach die Komödie "Les intouchables" ("Ziemlich beste Freunde") über einen kleinkriminellen Schwarzen aus der Banlieue, der sich mit einem weißen Milliardär anfreundet, sämtliche Kassenrekorde. Der Hauptdarsteller, Omar Sy, ein bekennender Muslim, avancierte über Nacht zu einem Superstar. Frankreichs derzeit angesagteste Musiker stammen sogar mehrheitlich aus dem muslimischen Einwanderermilieu. Darunter sind längst etablierte Bands wie MC Solaar oder neue Charts-Stürmer wie Sexion d'Assaut mit ihrem charismatischen Sänger Maître Gims.

Viele dieser Künstler sind schon früh in ihrer Karriere im "Bataclan" aufgetreten, jener Pariser Konzerthalle, die sich die Terroristen am vergangenen Freitag für ihr schlimmstes Massaker ausgesucht hatten. Im Publikum waren an jenem Abend auch Muslime, die nur Spaß haben wollten, junge, assimilierte Franzosen. Radikalen Muslimen gelten sie als Verräter am Glauben. Im Januar hatten die Terroristen in Paris gezielt Juden und Journalisten ermordet. Am Freitag attackierten sie Orte, an denen das Zusammenleben von Franzosen unterschiedlicher Herkunft funktioniert. Ein Unding für die Fanatiker.

(RP, bee)
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