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Piton de la Fournaise
Vulkanausbruch hält La Réunion in Atem

Vulkanausbruch hält La Réunion in Atem
Vulkanausbruch hält La Réunion in Atem FOTO: afp, RB/MS
Saint-Denis. Die Menschen von La Reunion leben mit ihrem Vulkan. Der Piton de la Fournaise in dem französischen Überseeterritorium im Indischen Ozean beweist derzeit wieder, dass er zu den aktivsten der Erde gehört. Immer wieder gerieten schon Siedlungen der dünn besiedelten Umgegend in den Lavastrom.

Beim spektakulären Ausbruch vom April 2007 brach gar der Hauptkrater des Vulkans ein; der Boden sank um 300 Meter ab. Nun warnen Seismik-Experten vor einer unmittelbar bevorstehenden, noch heftigeren Eruption. Die Polizei evakuierte alle Wanderer aus der Region.

Im ostafrikanischen La Reunion, rund 10.000 Kilometer südöstlich von Paris, vertrauen die Menschen in solchen Fällen auf die Gottesmutter. Alle paar Kilometer gibt es ein Marienheiligtum. Und mit den meisten verbinden sich ein Bericht oder eine Legende von einer Rettung, einer Heilung oder einem anderen Wunder.

Vor knapp 40 Jahren etwa, als der 2.600 Meter hohe Vulkan seine glühende Lava zu Tal schießen ließ und mehrere Siedlungen im Südosten der Insel verwüstete, teilte sich der Strom vor der Kirche Notre Dame von Piton Sainte-Rose und floss links und rechts an ihr vorbei, ohne sie mit seiner heißen Umarmung zu zerstören. Noch heute liegt das Gotteshaus zwei Meter unter dem Straßenniveau - und wird seitdem "Unsere Liebe Frau von der Lava" genannt.

Vulkan Villarrica in Chile bricht aus FOTO: ap

Ein paar Kilometer weiter südlich steht - ebenfalls unmittelbar am Rande erkalteten Vulkangesteins - die "Liebe Frau vom Sonnenschirm". Errichtet vor über 100 Jahren vom Plantagenbesitzer Leroux aus Bois Blanc, sollte sie seine wertvollen Vanille-Pflanzungen beschützen. Das gelang zwar nicht; doch die Maria mit dem Schirm selbst blieb unzerstört. Zu allen Tageszeiten kommen Beter aller Hautfarben, um vor der Statue ihre Anliegen vorzutragen.

Religion spielt eine allgegenwärtige Rolle auf La Reunion, dem südlichsten Flecken der EU. Das nur 70 Kilometer lange und 50 Kilometer breite Eiland nahe Madagaskar ist ein bunter Mikrokosmos, der mit seiner Sklavenhalter- und Fremdarbeiter-Vergangenheit auf engstem Raum alle Weltreligionen zusammenbringt. "In unserer gemeinsamen Psychologie ist der erste Impuls immer ein religiöser, kein rationaler", weiß der langjährige katholische Bischof von Saint-Denis, Gilbert Aubry.

Doch zu seinem Leidwesen übersteigt hier nicht nur die Religiosität, sondern auch die Wundergläubigkeit die EU-Normen um ein Vielfaches. Der 73 Jahre alte Bischof, seit 1976 im Amt, geht mit dem latenten Hang zur Hysterie pragmatisch um. Man erzählt, er schicke nach Berichten über weinende Madonnen das corpus delicti schon mal kurzerhand zur wissenschaftlichen Untersuchung ins Mutterland Frankreich, bevor ein allzu eilfertiger Strom der Verehrung entstehen kann.

Chile: Spektakulärer Ausbruch des Vulkans Calbuco FOTO: afp, MB/dec

Allenthalben auf der Insel, in gefährlichen Kurven und engen Bergtälern, stehen feuerrote Altarhäuschen für den apokryphen Heiligen Expeditus: ein angeblicher frühchristlicher Märtyrer aus dem heutigen Armenien, hier innig verehrt, aber schon vor über 100 Jahren aus dem römischen Heiligenkalender gestrichen. Der eigentümliche Schutzpatron, meist mit einem Raben dargestellt, gilt als Erfüller eiliger Bitten: bei Krankheit, Prüfungen oder plötzlicher Not.

Bischof Aubry sieht die Expeditus-Verehrung mit Skepsis. Denn auf der einst unbewohnten Insel, wo sich für den Zuckerrohr- und Kaffeeanbau neben französischen Siedlern auch Sklaven aus Madagaskar und ab Mitte des 19. Jahrhunderts Arbeiter und Händler etwa aus Indien und China versammelten, herrscht nicht nur eine bemerkenswerte Toleranz zwischen den Religionen - sondern auch ein mächtiger Hang zu Aberglaube und Synkretismus. So haben neben den Katholiken auch bereits Hindus den roten Römer in ihren Privattempeln "adoptiert".

Und auch Adepten der Schwarzen Magie benutzten Expeditus als Pappkameraden, um bei volksfrommen Katholiken einen Fuß in die Tür zu bekommen, warnt der Bischof. Er empfiehlt, wenn wie jetzt die Bewohner der Insel von Lava, Gas und Rauch bedroht sind, lieber die Gottesmutter, die oft in Blau direkt neben den roten Expeditus-Schreinen verehrt wird: "Maria wacht immer noch treu über uns - über die Stadt, über unsere Insel und über die Welt."

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(KNA)
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