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Polizistenmorde von Dallas
Amerika kommt nicht zur Ruhe

Eskalation: Attentäter erschießen US-Cops bei Demo
Baton Rouge. In Dallas sind fünf Polizisten bei einer Demo gegen Rassismus gezielt von Heckenschützen erschossen worden. Es kam zu Szenen, die an einen Bürgerkrieg erinnern. Ob das Pulverfass explodiert? Von Frank Herrmann (Baton Rouge)

Am Abend hatte Arthur "Silky Slim" Reed die Frage noch mit dem salomonischen Satz beantwortet, dass man die Zukunft bekanntlich schlecht vorhersagen könne. Einst Mitglied einer Drogenbande, bemüht sich der hochgewachsene Afroamerikaner darum, in Baton Rouge den Frieden zu wahren, wohl wissend, wie schwer das ist. "Man muss mit allem rechnen", hatte der 43-Jährige noch am Donnerstagabend orakelt, als er einen Zug von Demonstranten anführte. Am Freitagmorgen gehörte auch Reed zu denen, die mit vielem gerechnet hatten, mit landesweiten Krawallen, anhaltenden Unruhen, nur nicht mit einem Blutbad wie in Dallas.

In der texanischen Stadt haben Heckenschützen in der Nacht gezielt auf Polizisten geschossen, dabei fünf Beamte getötet und mindestens sieben verletzt. Zudem wurden zwei Zivilisten verletzt. Nach den Worten David Browns, des Polizeichefs von Dallas, hatten sich die Täter "in erhöhten Positionen" verschanzt, um so viele Beamte wie möglich ins Visier zu nehmen. Einer hatte sich Brown zufolge in einem Parkhaus verbarrikadiert und sich einen 45-minütigen Schusswechsel mit den Uniformierten geliefert. Verhandlungen seien erfolglos geblieben. Er habe den Unterhändlern gesagt, "das Ende kommt und er wird mehr von uns verletzen und töten", zitiert ihn Brown. Zudem habe er behauptet, überall im Stadtzentrum Bomben gelegt zu haben. Dies bestätigte sich zunächst nicht. Schließlich entschied sich die Polizei, den Mann mithilfe eines Roboters außer Gefecht zu setzen, der eine kleine Bombe transportierte. Bei der Explosion starb der Mann.

So reagieren Politiker und Promis auf die Morde

Ob die Angriffe eine Art Rache für Baton Rouge waren, wie sofort spekuliert wurde, weiß natürlich niemand seriös zu sagen. Nach Angaben aus dem Weißen Haus schließen die Ermittler Verbindungen zu Terrororganisationen aus. Bevor sich in der Downtown von Dallas Szenen abspielten, die an einen Bürgerkrieg erinnerten, waren friedliche Demonstranten durch die Straßen gezogen, um gegen Polizeigewalt zu protestieren, gegen die Schüsse, die zwei Afroamerikaner diese Woche das Leben kosteten, Alton Sterling in Baton Rouge und Philando Castile in St. Paul.

Die Opfer von Baton Rouge

Alton Sterling, 37 Jahre alt, fünf Kinder. Ein Mann, der wegen Wohnungseinbrüchen, Diebstahls und Drogenbesitzes wiederholt im Gefängnis saß und der, so erzählt es seine Tante Sandra, bei der er zuletzt wohnte, die schiefe Bahn zu verlassen versuchte. Er hatte auffallend schlechte Zähne, das Geld reichte nicht, um zum Zahnarzt zu gehen. Seinen Lebensunterhalt kratzte er sich zusammen, indem er CDs verkaufte, für fünf Dollar pro Scheibe. Jemand hat sein Konterfei, mit den schlechten Zähnen als Erkennungszeichen, überlebensgroß an die graue Wellblechwand von Triple S. gemalt, des kleinen Ladens, vor dem Sterling von den Polizisten Blane Salamoni und Howie Lake getötet wurde. Davor liegen Blumen, Kränze und Papierbögen, auf denen steht, dass "Big Al" in Frieden ruhen möge.

"Ein guter Mann. Er hatte ein schweres Leben, aber er war ein guter Mann", sagt Arthur Reed, den seine Freunde trotz seiner Boxerstatur Silky Slim nennen, den seidenweichen Schlanken. Der Hüne ist pausenlos am Handy, er will Gemüter beruhigen, damit Baton Rouge nicht im Chaos versinkt. Aus der Bande, der er seit seiner Jugend angehörte, ist Reed ausgestiegen, nachdem er einen Autounfall knapp überlebte, der einzige Insasse im Wagen, der mit dem Leben davonkam. 2001 gründete er die Gruppe "Stop the Killing", und die ist inzwischen darauf spezialisiert, kurze Dokumentarfilme zu drehen, mit Hilfe von Videos, die Passanten aufgenommen haben, wenn es irgendwo in Louisiana zu einem Überfall, einer Messerstecherei, einer Schießerei kam und sie Zeugen wurden. Reed zeigt die Filme in Schulen und Kirchen, um schwarzen Teenagern klarzumachen, was es bedeutet, sich einer Drogengang anzuschließen. "Es gibt nur einen Weg - Gottes Weg", steht in Großbuchstaben auf seinem blauen T-Shirt.

Scharfschütze tötet fünf Polizisten in Dallas FOTO: ap

Jedenfalls war es Reeds Gruppe, die nacheinander zwei Videos zur Causa Sterling ins Netz stellte. Sie zeigen Beamte, die einen Mann zu Boden warfen, förmlich auf ihm knieten, ihn völlig unter Kontrolle zu haben schienen - bevor sie dann aus nächste Nähe auf ihn schossen. Hinterher zog einer der beiden eine Pistole aus der Hosentasche des tödlich Getroffenen, auch das ist deutlich zu sehen. Sie stimmt also nicht, die zunächst gestreute Version, nach der Sterling die Polizisten mit gezogener Waffe bedrohte. Dennoch hat der zuständige Staatsanwalt in Baton Rouge beide mit den Worten zitiert, sie hätten nach wie vor das Gefühl, richtig gehandelt zu haben. Und damit hat er nur Öl ins Feuer gegossen.

"Unser Gouverneur hat alles richtig gemacht"

Dabei bemüht sich Reed, der Geläuterte, nach Kräften darum, die Nerven zu glätten. Bisweilen gelingt ihm das, da kommt vorm Triple S fast so etwas wie Volksfeststimmung auf. Kostümierte, verkleidet als Indianer, tanzen ausdauernd zu Trommelklängen, so wie sie es beim Mardi-Gras-Karneval in New Orleans tun. Dann wieder beschließt eine aufgebrachte Gruppe, sich den vorbeirollenden Autos auf der Straße vorm Triple S spontan in den Weg zu stellen. "No Justice! No Peace!", schallt es über den North Foster Drive. Keine Gerechtigkeit, kein Frieden.

Auch Lamonte Cole, der Kommunalpolitiker, der das heruntergekommene Viertel im Rathaus von Baton Rouge vertritt, ist gekommen, um zu besänftigen. Er findet lobende Worte für John Bel Edwards, den Gouverneur Louisianas. Der habe das richtige Zeichen gesetzt, als er rasch entschied, die Ermittlungen im Fall Sterling allein dem Justizministerium in Washington zu überlassen. Damit habe er die Lehren aus dem Kapitel Ferguson gezogen, wo sich im Sommer 2014 der Eindruck aufdrängte, als wollten die Behörden allein auf lokaler Ebene klären, unter welchen Umständen ein weißer Polizist den schwarzen Teenager Michael Brown erschoss.

Lokalen Behörden in den Südstaaten, auch in Louisiana, bringen Afroamerikaner aus langer Erfahrung ein tiefes Misstrauen entgegen. "Unser Gouverneur hat alles richtig gemacht", lobt also Cole. Am Donnerstagabend redet Edwards in einer afroamerikanischen Kirche in Baton Rouge, dem Living Faith Christian Center, und mahnt zur Geduld. Die Justizministerin lasse untersuchen, gründlich, unabhängig und unparteiisch. "Bis das Ergebnis vorliegt, müssen wir uns in Geduld üben. Ich bitte euch, verliert nicht die Geduld."

"Das wird doch wieder nichts, die stecken doch alle unter einer Decke", widerspricht Arthur Reed, nun selber fast so aufgebracht wie die zornigsten Demonstranten. Früher, fügt er in bitteren Worten hinzu, hätten die Rassisten des Ku-Klux-Klan weiße Kapuzen getragen, heute trügen sie die blauen Uniformen des Police Department. "Ob Polizisten, Ermittler oder Richter, die sind doch alle Teile des Systems."

Es klingt nicht so, als würde Baton Rouge, als würde Amerika bald zur Ruhe kommen.

(FH)
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