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Porträt des Dallas-Scharfschützen
Das Rätsel um Micah Johnsons Wut

Porträt des Dallas-Scharfschützen: Das Rätsel um Micah Johnsons Wut
Micah Xavier Johnson. FOTO: afp
Washington. Der mutmaßliche Attentäter von Dallas gibt den Ermittlern noch Rätsel auf: Was haben zum Beispiel die Buchstaben "RB" zu bedeuten, die der 25-jährige mit seinem eigenen Blut an die Wand geschrieben habe, bevor er getötet wurde. Der Versuch eines Porträts. Von Frank Herrmann

Es gibt ein Foto, das Micah Johnson in bunt besticktem Gewand mit gereckter Black-Power-Faust zeigt, eher melancholisch als wütend in die Kamera blickend. Das Bild hat er auf seine Facebook-Seite gestellt. Im Nachhinein soll es dazu beitragen, ein Puzzle zusammenzusetzen, Antworten auf die Frage zu finden, warum ein junger Afroamerikaner im Zentrum einer amerikanischen Großstadt ein Blutbad anrichtet und dabei systematisch Polizisten ins Visier nimmt.

Micah Xavier Johnson, der sich am liebsten X nannte, nach seinem zweiten Vornamen, wusste offenbar genau, was er tat.  Er scheint sich akribisch vorbereitet zu haben. Das zumindest glauben die Ermittler aus einem Tagebuch des 25-Jährigen sowie aus Aussagen von Nachbarn herauslesen zu können. Demnach ging Johnson wie ein Soldat vor, der er einmal war, womit er die Polizisten in Dallas noch zusätzlich verwirrte. Die nämlich glaubten lange Zeit, sie würden von mehreren Schützen angegriffen.

"Shoot and Move" heißt das Prinzip, nach dem er handelte. So nennen amerikanische Militärs die Taktik eines Schützen, aus seiner Waffe zu feuern und dann rasch den Standort zu wechseln. Nach Angaben eines Ermittlers habe Johnson dieses Vorgehen in einem Tagebuch beschrieben, das in dem Haus gefunden wurde, in dem er gemeinsam mit seiner Mutter lebte, in Mesquite, einer Satellitenstadt am Rande von Dallas. Als er die Polizisten in Dallas attackierte, verschanzte er sich in einem Parkhaus und feuerte von oben auf die Beamten in den Straßen, um schnell seinen Standort zu wechseln und erneut zu schießen.

Training des "Shoot and Move"

Wenn stimmt, was Nachbarn erzählen, dann hat er den Garten des Anwesens in Mesquite als eine Art militärischen Übungsplatz genutzt, übrigens bereits vor den Polizistenschüssen auf Schwarze in Louisiana und Minnesota, in denen manche ein Tätermotiv sehen. Vor zwei Wochen soll er dort begonnen haben, die Taktik des "Shoot and Move" zu trainieren. In seiner Wohnung fand die Polizei zudem ein umfangreiches Arsenal an Waffen, Munition und Material zum Bau von Bomben.

2009, unmittelbar nach dem High-School-Abschluss, war Johnson zum Militär gegangen. Nach der Grundausbildung wurde er, spezialisiert als Zimmermann und Hausbauer, einer Ingenieursbrigade der Reserve zugeteilt. Von Herbst 2013 bis Sommer 2014 war er im Einsatz in Afghanistan, stationiert auf dem US-Stützpunkt in Baghram. Wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung einer Soldatin wurde er vorzeitig nach Hause geschickt, bevor er 2015 aus der Armee-Reserve ausschied.

Nach seiner Rückkehr vom Hindukusch soll er sich nach und nach radikalen afroamerikanischen Gruppen zugewandt haben, obskuren Nachfolgern der Black-Power-Bewegung der Sechzigerjahre, welche die Polizei in Amerika pauschal als Instrument der Unterdrückung von Schwarzen begreifen. Eindeutige Beweise für seine Mitgliedschaft in einer dieser Organisationen gibt es zwar nicht, doch auf seiner inzwischen gesperrten Facebook-Seite waren Hinweise zu sehen, dass er mit ihnen zumindest sympathisierte.

Einträge und Fotos in sozialen Netzwerken dokumentieren, dass Johnson kurz vor dem Amoklauf sogar seine Verbundenheit mit der "African American Defense League" bekundete. Deren Anführer Mauricelm-Lei Millere hatte auf dem Internet-Kanal Instagram zu Attacken gegen weiße "Cops" aufgerufen, nachdem Polizisten in Louisiana und Minnesota die Afroamerikaner Alton Sterling und Philando Castile erschossen hatten. "Greift alle an, die blaue Uniformen tragen", soll Millere nach Berichten amerikanischer Medien geschrieben haben.

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