Nach Festnahme des Star-Regisseurs: Promis setzen sich für Polanski ein
VON FRANK HERRMANN - zuletzt aktualisiert: 28.09.2009 - 21:58Washington (RP). Hollywood ist in hellem Aufruhr. Händeringend wendet sich Harvey Weinstein, der Kinomogul, an alle Filmemacher, die er nur kennt. Er bittet sie, alles in ihren Kräften Stehende zu tun, „damit wir einen Ausweg finden aus dieser schrecklichen Lage“. Die Festnahme Roman Polanskis, in den USA sorgt sie für heftige Reaktionen.
Was klar dominiert, sind Schock und blankes Unverständnis, wenn auch ein paar Hardliner heimliche Genugtuung empfinden. Aus Hawaii meldet sich Samantha Geimer zu Wort, eine vierfache Mutter, die in der Tropenidylle das stille Leben einer Buchhalterin führt. Es ist die Frau, die von Polanski missbraucht wurde, 1977, als sie ein 13 Jahre altes Mädchen war und noch Gailey hieß. Sie habe verwunden, was ihr der Filmemacher an Schaden zugefügt haben mag, sagt sie. „Ich bin lange darüber hinweggekommen.“
Opfer hat Polanski längst verziehen
Es ist bereits zwölf Jahre her, dass Samantha Geimer Polanski in aller Öffentlichkeit verzieh. Später legte sie nach und bat den Staatsanwalt in Los Angeles, die Klage fallen zu lassen. Der Mann habe einen hohen Preis bezahlt, indem er amerikanischen Boden nicht mehr betreten konnte. Und weder sie noch ihre Familie hätten Freude daran, wenn der alte Fall immer wieder neu aufgerührt werde.
Orgie im Haus von Jack Nicholson
Wenn es die Journaille nicht lassen könne, lustvoll alle Einzelheiten dessen zu schildern, was sich damals im Haus des Schauspielers Jack Nicholson abspielte. Der Champagner, mit dem Polanski sie beschwipst machte. Das Aphrodisiakum, das er ihr einflösste. Die merkwürdige Aufforderung, sich für ein Foto-Shooting in der Badewanne nackt auszuziehen. „Ich hege keinen Groll gegen ihn“, hatte Geimer bereits 1997 wissen lassen, „ich empfinde sogar Mitgefühl“.
„Das Leben war hart für ihn“
Die Mutter in Auschwitz ermordet, die Ehefrau, die Schauspielerin Sharon Tate, von Mitgliedern der Sekte Charles Mansons ermordet – „das Leben war hart für ihn“. Nun spricht das liberale Amerika von einer Geschichte, wie sie sonst nur in Absurdistan spielen kann. „Absolut lächerlich“, kommentiert der Cutter Bill Flicker, der den Regisseur von gemeinsamen Dreharbeiten kennt. „Es ist dumm und verschwendet nur teure Ressourcen. Ich verstehe nicht, warum sie das tun.“
Die „Los Angeles Times“ beschwert sich darüber, dass die Justizbehörden der Westküsten-Metropole ihre Prioritäten falsch setzen. Ausgerechnet jetzt, wo das Rekordminus im kalifornischen Haushalt zu drastischem Sparen zwingt. Der Strafvollzug muss 40.000 Häftlinge vorzeitig entlassen, weil den Gefängnissen das Geld fehlt, um sie zu beköstigen. „Eine denkbar ungünstige Zeit“, findet das Blatt, um Roman Polanski noch immer zu jagen.
Kläger wollen im Rampenlicht stehen
Andere sehen Racheengel am Werk, die vor allem aus einem Motiv handeln: Sie wollen selber im Rampenlicht stehen. Spektakuläre Verfahren in L.A., der Stadt der Hollywood-Stars, bringen jede Menge Publicity – auch dem jeweiligen staatlichen Kläger. „Er ist nun einmal ein Flüchtiger“, weist Steve Cooley, der heutige District Attorney, den Vorwurf zurück. „Er entzog sich der Gerechtigkeit, indem er das Weite suchte.“
Das mit der Sucht nach dem Rampenlicht lässt sich allerdings kaum von der Hand weisen. So war es schon 1978 gewesen, im Jahr der Flucht. Polanski bekannte sich schuldig, gab Sex mit einer Minderjährigen zu und verbrachte 42 Tage in Untersuchungshaft. Zugrunde lag ein Deal, den seine Verteidiger mit der Staatsanwaltschaft ausgehandelt hatten. Der zuständige Richter ließ indes demonstrativ wissen, dass er ein Exempel der Härte zu statuieren gedenke.
Laurence J. Rittenband, erinnert die „Washington Post“, war nur auf bleibenden Ruhm bedacht. Er wollte sich einen Namen machen, als Mann von Law & Order. Am Tag vor der Urteilsverkündung fuhr Polanski zum Flughafen, um sich ein Ticket für die British-Airways-Maschine nach London zu kaufen. Seit 1978 hat er Amerika nicht wiedergesehen.
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