Feuer erreicht Gegend von Tschernobyl: Qualm aus Russland zieht Richtung Ostsee
zuletzt aktualisiert: 11.08.2010 - 21:30Moskau (RPO). Die Wald- und Torfbrände in Russland haben entgegen vorheriger Regierungsangaben auch die von der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verseuchten Gebiete erreicht. In ganz Russland habe es seit Juli auf rund 3900 Hektar als radioaktiv verseucht eingestuftem Land gebrannt, teilte die russische Waldschutzbehörde mit. Der Wind treibt den Rauch Richtung Ostsee, meldet der Deutsche Wetterdienst. Deutschland sei aber nicht durch eine radioaktive Wolke bedroht.
Durch die Brände eventuell aufgewirbelte radioaktive Partikel werden in den kommenden Tagen durch den Wind voraussichtlich nach Nordwesten in Richtung Osteuropa, Baltikum und Südschweden getrieben, wie ein Sprecher des Deutschen Wetterdiensts (DWD) in Offenbach mitteilte.
Die riesigen Waldbrände in Russland wecken Angst vor einer zweiten radioaktiven Wolke aus, die nach Deutschland treiben könnte. Zumindest für die nächsten Tage geben Experten jedoch Entwarnung: Die Wetterlage verhindert, dass strahlende Teilchen nach Deutschland getrieben werden.
In den kommenden Tagen sei nicht mit einer Wetterlage wie nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl zu rechnen, als eine radioaktive Wolke bis nach Deutschland getrieben wurde, sagt Professor Eberhard Reimer, Experte für Schadstofftransport und Waldbrände an der Freien Universität in Berlin. Solche Tschernobyl-Wetterlagen seien ohnehin recht selten und träten nur etwa zwei bis drei Wochen pro Jahr auf. Selbst wenn mit der Luft radioaktive Teilchen nach Deutschland strömen sollten, sei es wegen Verdriftungen unterwegs völlig unklar, in welcher Konzentration sie hier ankämen und wie gefährlich sie seien.
Der Deutsche Wetterdienst gibt bis einschließlich Samstag Entwarnung. In den nächsten drei Tagen herrsche eine Wetterlage, die die Rauchwolke aus Russland voraussichtlich über Polen nach Schweden abziehen lasse, sagt DWD-Sprecher Uwe Kirsche. Auf dem Weg durch Polen könne die Wolke höchstens den Rand Ostdeutschlands streifen. Bisher habe der Wetterdienst, der die Radioaktivität in der Luft überwacht, jedoch keine erhöhte Belastung verzeichnet.
Große Flächen in Brand
Wie die Waldschutzbehörde auf seiner Internetseite mitteilte, standen allein in der westrussischen Region Brjansk am vergangenen Freitag große Flächen in Brand. Die Region wird auf einer Liste mit den am stärksten durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 24 Jahren verseuchten Gebiete geführt. Dort erstreckten sich am 6. August 28 Brände auf 2690 Hektar Land. Besonders im Westen brannten den Angaben zufolge Feuer in verseuchten Gebieten.
Das Katastrophenschutzministerium hatte noch einen Tag zuvor gewarnt, dass die seit Juli wütenden Waldbränden die Region erreichen könnten - es sei zu befürchten, dass mit dem Rauch radioaktive Partikel aufstiegen.
Anfang der Woche aber hatten Vertreter des Ministeriums dementiert, dass in der Region von Brjansk Feuer ausgebrochen waren. Die Region, die an die Ukraine und Weißrussland grenzt, wurde im April 1986 durch die radioaktive Wolke aus dem Atommeiler Tschernobyl erheblich verseucht.
"Es gibt Karten zu den verseuchten Gebieten, es gibt Karten zu den von den Bränden erfassten Gebieten. Jeder kann diese Informationen zusammenlegen; warum also sollte man sie abstreiten", sagte ein Vertreter der Waldschutzbehörde nun der russischen Nachrichtenagentur Interfax.
Notfallmaßnahmen zum Schutz der Bevölkerung
Die Behörde rief die staatlichen Stellen in den betroffenen Gebieten auf, Notfallmaßnahmen zum Schutz der Bevölkerung zu ergreifen. Es gebe jedoch "keinen Grund zur Panik", sagte der stellvertretende Leiter, Alexej Bobrinski der Nachrichtenagentur AFP. Zwar würden mit dem Rauch verseuchte Partikel in die Luft getragen, dies sei jedoch keine "Katastrophe".
Radioaktiv verseuchte Flächen brannten in den vergangenen Tagen auch in den Regionen Kaluga und Tula nahe Moskau. In den Straßen der Hauptstadt hing in den vergangenen Tagen wiederholt dichter Smog wegen der Brände in der Umgebung. Am Mittwoch verbesserte sich durch etwas Regen, eine leichte Brise und niedrigere Temperaturen die Lage leicht. Der Wetterdienst erwartet jedoch neuen Smog in den kommenden Tagen.
Nach Angaben des russischen Katastrophenschutzministeriums haben sich die Brandgebiete in Zentralrussland in den vergangenen 24 Stunden nahezu halbiert. Auf einer Fläche von 92.700 Hektar wüteten noch Brände, am Dienstag hätten sie sich noch auf 174.000 Hektar erstreckt, erklärte das Ministerium laut Nachrichtenagentur ITAR-TASS.
Die Zahl der Brände stieg den Angaben zufolge jedoch von 557 am Dienstag auf 612 am Mittwoch. Bei den seit zwei Wochen wütenden Wald- und Torfbränden kamen nach offiziellen Angaben 54 Menschen ums Leben.
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