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Nager-Plage
Ratten treiben New Yorker in den Wahnsinn

Ratten: New Yorks unerwünschte Einwohner
Eine Ratte in der New Yorker U-Bahn (Archivbild 2010). FOTO: dapd, dapd
New York. Bei der städtischen Hotline für Beschwerden laufen die Drähte heiß. Das Problem sind Ratten. So viele New Yorker haben sich in diesem Jahr bereits mit Klagen gemeldet, dass die Zahl der Anrufer 2015 die mehr als 24.000 übertreffen wird, die sich in den beiden Vorjahren jeweils gemeldet haben.

Dazu gehört Nora Prentice, die auf der Manhattaner Upper West Side wohnt. Sie hat schon mehrere Male bei der Stadt Alarm geschlagen, weil in einem Park in ihrer Nachbarschaft eine Kolonie von schätzungsweise 200 dieser Nager lebt. Die Ratten hätten sich dort bequem eingenistet, und sie meide daher die Gegend.

"Es ist wirklich abstoßend", sagt die New Yorkerin und beklagt, dass die Behörden sie mit der Bemerkung abgespeist hätten, es werde "an dem Problem gearbeitet". Das bedeute, dass man sich nicht im Park hinlegen und entspannen könne, sagt Prentice. "Was für eine Art von Antwort ist das?"

Sie und andere rattengeplagte Einwohner haben indes einen Fürsprecher: Rechnungsprüfer Scott Stringer, der Topfinanzbeamte der Stadt. Er hat sich sozusagen selber zum Rattenbeauftragten der Metropole erklärt und nach zwei getrennten Überprüfungen der städtischen Bemühungen in den vergangenen zwei Jahren harsche Urteile gefällt.

Gesundheitsbehörde reagiert nicht schnell genug

Der New Yorker Gesundheitsbehörde lastet er an, dass sie nicht schnell genug auf Beschwerden reagiert habe. Dem für den Nahverkehr zuständigen Amt, das die U-Bahnen betreibt, hält er vor, dass die einzelnen Stationen nicht regelmäßig gereinigt worden seien.

Solche Mängel hätten es den Ratten erlaubt, zu wachsen und zu gedeihen, sagt Stringer und fügt sarkastisch hinzu: "Ich habe Ratten gesehen, die aufrecht an mir vorbeigingen und mich mit "Guten Morgen, Herr Prüfer" begrüßt haben."

Städtische Beamte, die seit Jahrzehnten gegen die Plage gekämpft haben, halten entgegen, dass die Zunahme von Beschwerden nicht bedeute, dass es mehr Ratten gebe. Die Zahl sei vielmehr in den vergangenen Jahren konstant geblieben. Ein Doktorand an der Columbia University hat 2014 errechnet, dass in der Stadt schätzungsweise zwei Millionen Ratten lebten.

Das wäre ein großer Unterschied zur gängigen Theorie, nach der auf jeden der 8,4 Millionen Einwohner eine Ratte kommt. Wissenschaftler und städtische Beamte meinen indessen, dass es unmöglich ist, die Zahl akkurat zu schätzen.

Mehr Müll am Straßenrand unterstützt Vermehrung

Die Zunahme der Beschwerden könnte daran liegen, dass Müll im vergangenen Winter wegen ausgedehnter und heftiger Schneefälle länger am Straßenrand lag als gewöhnlich. Das heißt, Ratten wurden damit häufiger sichtbar. Außerdem macht eine Handy-App das Loswerden von Klagen jetzt einfacher, wie Caroline Bragdon, eine Wissenschaftlerin der Gesundheitsbehörde, sagt.

Ihr Team reagiert auf Beschwerden, legte einen stadtweiten "Rattenindex" an und inspiziert jeden Monat Dutzende Gebäude. Das einstige Mini-Gremium hat inzwischen fast 50 Mitglieder und verfügt über ein jährliches Budget von knapp drei Millionen Dollar (etwa 2,6 Millionen Euro), um einen neuen Plan von Bürgermeister Bill de Blasio gegen die Plage umzusetzen.

Er konzentriert sich auf Gegenden mit der höchsten Zahl von Beschwerden und zielt darauf ab, den Ratten ihre Lebensräume und Nahrungsquellen zu nehmen. Das reicht von Rattenfallen über resistente Müllbehälter bis hin zu einer Gesetzesinitiative, die Restaurants verpflichten soll, sorgfältiger mit ihren Essenabfällen umzugehen.

Jeder Krümel hilft den Ratten

Jede Kleinigkeit hilft, meint Bragdon. Sie weist darauf hin, dass die meisten Ratten täglich nur 28 Gramm an Nahrung und Wasser zum Überleben benötigten. "Das ist das Kerngehäuse eines Apfels, ein Stück Hotdog, das sind ein paar Chips. Es sind die Krümel", sagt die Expertin. "Es ist viel besser, Ratten davon abzuhalten, hier zu sein als sie zu vergiften, nachdem sie hierhin gekommen sind."

Städtische Gesundheitsbeamte inspizieren regelmäßig verdächtige Teile der Stadt, stochern durch Gitter über Abwässerkanälen, kriechen in Parkanlagen unter Gebüsche - immer auf der Suche nach Zeichen, von denen viele andere kaum Notiz nehmen würden. Das sind kleine Haufen von Erde, die auf einen Rattenbau hindeuten, Streifen an Wänden, ein paar Zentimeter über dem Boden, die von speckigem Fell stammen, kleine Löcher, durch die Ratten schlüpfen können.

"Hier ist ein Bau, und er ist frisch", sagte Bragdon während einer Inspektion in einer kleinen Parkanlage vor kurzem in Manhattans Chinatown, berüchtigt für ihr Rattenproblem. Als sie auf das Loch zeigt, taucht ein kleiner haariger Kopf auf - ein Vertreter der neuesten Generation der Ratten von New York City.

(ap)
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