| 16.12 Uhr

Amazonas-Bischof Erwin Kräutler
"Die Enzyklika hat sicher eine bahnbrechende Wirkung"

Die wichtigsten Zitate aus der Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus
Die wichtigsten Zitate aus der Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus
Düsseldorf. Er gilt als "Öko-Flüsterer" des Papstes: Amazonas-Bischof Erwin Kräutler ist Mitautor der an diesem Donnerstag im Vatikan veröffentlichten Umweltenzyklika. Er rechnet mit einer bahnbrechenden Wirkung. Die gefährlichen Folgen des Klimawandels erlebt er in Brasilien hautnah mit. Von Lothar Schröder

Wussten Sie vom Thema der Enzyklika und hatte Papst Franziskus Sie bei der Niederschrift hinzugezogen?

Kräutler Papst Franziskus hat mich am 4. April 2014 in Privataudienz empfangen. Ich war bei ihm als Präsident des Rates für Indigene Völker der Brasilianischen Bischofskonferenz und als Sekretär der Bischöflichen Kommission für Amazonien. Bei dieser Begegnung erzählte ich dem Papst von der Zerstörung Amazoniens und den bedrohten Indigenen Völkern, worauf er mir mitteilte, dass er daran denke eine Öko-Enzyklika zu schreiben und bereits Kardinal Turkson beauftragt habe, ein Arbeitspapier zu erstellen. Ich habe dann Papst Franziskus schlicht gebeten, Amazonien und die indigenen Völker in einer Öko-Enzyklika nicht zu vergessen und habe in der Folge dem Kardinal Turkson auf dessen Ersuchen und aufgrund der päpstlichen Empfehlung einige kurz gefasste Vorschläge geschickt. Das war auch schon alles.

Wie groß konnten Sie mit Ihrer Sachkenntnis beratend Einfluss nehmen?

Kräutler Ich habe getan, was von mir erwartet wurde, nämlich die Situation Amazoniens und der Indigenen Völker zur Sprache gebracht. Die Zerstörung Amazoniens hat weltweite Folgen. Wissenschaftler haben längst auf die klimaregulierende Funktion Amazoniens hingewiesen. Die Indigenen Völker aber überleben nur in ihrer Mit-Welt.

Was erhoffen Sie sich von der Enzyklika – für die Zukunft unseres Planeten im allgemeinen, aber auch für die konkrete Zukunft Lateinamerikas?

Kräutler Die Enzyklika hat sicher eine bahnbrechende Wirkung, denn sie richtet sich nicht nur an Katholiken, sondern an alle Menschen. Die Ökoproblematik, der Klimawandel und die Erderwärmung sind ja keine konfessionellen Angelegenheiten sondern betreffen die ganze Menschheit und treffen den Lebensnerv aller Völker. Franziskus will als Papst seinen Beitrag leisten, sicher auch im Hinblick auf die UN-Klimakonferenz in Paris vom 30. November bis 11. Dezember dieses Jahres, bei der es um ein neues Abkommen mit verbindlichen Klimazielen gehen wird.

Markiert diese Enzyklika einen Wandel päpstlicher Lehrschreiben, indem weniger die Theologie, sondern mehr die Welt und die Verantwortung der Kirche in der Welt eine Rolle spielt?

Kräutler Ich verstehe die Enzyklika nicht als un-theologisches Schreiben. Im Gegenteil. Franziskus räumt mit einer durch Jahrhunderte kolportierten Fehlinterpretation und mangelhaften Übersetzung von Genesis 1,28 Papst Franziskus auf. Gott hat den Menschen nicht zum unumschränkten Gewaltherrscher über seine Mit-Welt eingesetzt. Das so oft missverstandene Wort "Macht euch die Erde untertan" muss endlich dem Urtext gemäß ausgelegt werden. Der Auftrag Gottes ist kein Freibrief für eine gewaltsame Inbesitznahme und skrupellose Plünderung der Natur. Der hebräische Urtext "Setzt euren Fuß auf die Erde" will sagen: Gott überträgt dem Menschen Verantwortung und bestellt ihn, alle Dinge und Lebewesen zu betreuen, zu pflegen und zu schützen. "Und Gott sah alles und siehe, es war sehr gut" (Gen 1,31). Genau darin liegen die Fundamente für eine christliche Lehre zur Ökologie. Theologie soll ja keine Reflexion im luftleeren oder aseptischen Raum sein sondern will konkrete Realitäten im Lichte des Wortes Gottes hinterfragen. Genau das ist Sinn und Motivation dieser Enzyklika. Zur christlichen Sichtweise gehört für den Papst selbstverständlich auch die Art und Weise, wie Franz von Assisi die Schöpfung betrachtet hat. Es ist nicht eine anonyme Umwelt, sondern unser Mit-Welt ohne die wir gar nicht leben können. Alles was Gott geschaffen hat ist uns Schwester und Bruder. Wir gehören zusammen und als Menschen tragen wir Verantwortung auch den zukünftigen Generationen gegenüber.

Wie erleben Sie den Klimawandel in Brasilien?

Kräutler Ich lebe seit 50 Jahren am Xingu, einem rechtsseitigen Nebenfluss des Amazonas. Als ich 1965 ankam, habe ich noch den tropischen Regenwald pur erlebt. Seither ist die Abholzung und Zerstörung dieses gigantischen Biotops so weit fortgeschritten, dass wir bereits den Klimawandel spüren. Die Trocken- und Regenperioden sind kaum mehr voneinander zu unterscheiden, wie dies noch vor 50 Jahren der Fall war. Laut wissenschaftlichen Gutachten hatte auch die katastrophale Wassernot der vergangenen Monate in der Mega-Metropole São Paulo mit der skrupellosen Abholzung und Zerstörung Amazoniens zu tun.

Wird die katholische Kirche mit Papst Franziskus noch stärker als früher zur Weltkirche, in der nicht nur die Probleme dr Europäer für Aufsehen sorgen?

Kräutler Wieder einmal seit Jahrhunderten ein nicht-europäischer Papst und der erste Papst aus Lateinamerika beweist von selbst schon, dass die Kirche sich nicht auf Europa reduzieren lässt. Ja, der Großteil der katholischen Christen lebt seit Jahrhunderten außerhalb Europas. Papst Franziskus hat bewiesen, dass er offen ist für die Anliegen der gesamten Menschheit und beweist die sicher auch durch die Enzyklika "Laudato Si".

Wie erleben Sie Papst Franziskus, und welche Kontakt konnten Sie bisher Sie zu ihm haben?

Kräutler Ich bin Papst Franziskus als Kardinal-Erzbischof vom Buenos Aires bei der V. Konferenz des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik 2007 in Aparecida, Brasilien, zum ersten Mal begegnet. Ich war damals Delegierter der Brasilianischen Bischofskonferenz. Die Privataudienz, die er mir am 4. April 2014 gewährte, war für mich ein Privileg. Die gut zwanzig Minuten, die ich mit ihm sprechen konnte, waren für mich eine besondere Gelegenheit auf die Problematik im brasilianischen Amazonien hinzuweisen. Papst Franziskus legt keinen Wert auf höfisches Zeremoniell. Er ist sehr brüderlich, offen, herzlich, kann ausgezeichnet hinhören und stellt auch ganz bewusst Fragen nach der persönlichen Meinung seines Gastes. Seine lateinamerikanische Herkunft zeigt sich auch in der Spontaneität und Einfachheit seiner Gesten und Ausdrucksweise.

 

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