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Korrupt und verfilzt
Russen fürchten Polizei mehr als Gangster

Korrupt und verfilzt: Russen fürchten Polizei mehr als Gangster
In Russland werden Polizisten mehr gefürchtet als Verbrecher. FOTO: AFP, AFP
Moskau (RP). Sie erpressen Schmiergelder, fälschen Beweise und verhaften willkürlich nach Quoten: Russlands Polizisten sind bei den Bürgern herzlich verhasst. Jetzt hat erstmals ein Polizeioffizier öffentlich die Missstände angeprangert und Ministerpräsident Wladimir Putin zu Gegenmaßnahmen aufgefordert. Sein Appell hat ein gewaltiges Echo ausgelöst. Von Doris Heimann

Breitbeinig steht er auf der Zufahrtsstraße, den Bauch selbstbewusst vorgestreckt. Der Verkehrspolizist hat sich vor einem der riesigen Supermärkte am Moskauer Stadtrand aufgebaut, so wie jeden Samstagvormittag. Er lässt den Schlagstock durch die Luft wirbeln, wartet auf sein nächstes Opfer. Einen dunkelbraunen BMW-Geländewagen winkt er zur Seite.

Der Fahrer ist maximal mit Tempo 30 unterwegs. Trotzdem heißt es "Papiere bitte!" Wenig später fährt der BMW auf den Parkplat. "Der wollte es einfach mal versuchen", sagt der Fahrer, ein gut situierter älterer Herr. Und er erklärt: Weil der Supermarkt keine Kreditkarten nimmt, sind alle Autofahrer hier für ihren Wochenendeinkauf mit viel Bargeld unterwegs. "Davon will der Polizist natürlich etwas abhaben – deshalb steht er dort."

Wie Wegelagerer

Szenen wie diese gehören in Russland zum Alltag. Schmiergeldsüchtige Milizionäre bedrängen die Autofahrer wie moderne Wegelagerer. In der Regel gelingt es nur mit ein paar hundert Rubeln, sich aus ihren Fängen zu befreien.

Die meisten Russen wissen aus Erfahrung: Die Zustände bei der Polizei sind skandalös. Deshalb traf jetzt ein rebellischer Polizeioffizier mit einem Videoblog den Nerv des ganzen Landes. In seiner offenen Botschaft an Wladimir Putin packte Major Aleksej Dymowski aus. Zehn Jahre hat er bei der Polizei gedient, nun kann er nicht mehr. Er hat genug von der Korruption, den Schikanen der Vorgesetzten, den endlosen Überstunden und den Verhaftungen nach Quoten.

Ein youtube-Video versetzt das Land in Aufruhr

Das blonde Haar ist militärisch kurz geschnitten, die Uniform des Polizeioffiziers sitzt. Doch die Augen von Dymowski sind müde. Seine Worte auf dem im Internet verbreiteten Amateur-Video kommen stockend, unterbrochen von Seufzern. Der 32-Jährige arbeitete als Drogenfahnder in Noworossijsk am Schwarzen Meer. Schonungslos schildert er den Wildwuchs in seiner Einheit. Zum Major beförderte sein Chef ihn erst, nachdem er auf dessen Befehl einem Verdächtigen Drogen untergeschoben hatte.

Überhaupt stehen die Beamten unter Druck, bei Verhaftungen ein Plansoll zu erfüllen: Die Aufklärungsquote soll möglichst gut aussehen. "Samstags müssen alle bis 14 Uhr Dienst tun. Sind bis dahin nicht Verbrechen genug aufgeklärt, verlängert sich der Dienst bis 20 Uhr." Die Folge: Die Polizisten hängen Unbeteiligten, die sich gerade in Polizeigewahrsam befinden, schnell die ungelösten Fälle an.

Der ideale Nährboden für Korruption

Der Druck und die ständigen Überstunden hätten seine zwei ersten Ehen ruiniert, klagt Dymowski. Seine dritte Frau, die gerade ein Kind erwarte, wolle er nicht auch noch verlieren. Das alles für ein Gehalt von 14 000 Rubel – umgerechnet 325 Euro.

Die Mini-Bezüge sind der ideale Nährboden für Korruption, die bei der russischen Polizei zum Alltag gehört. Doch seine Hinweise darauf hätten die Chefs nur mit einem Schulterzucken beantwortet, so Dymowski. Die Vorgesetzten behandelten die Polizisten "wie Vieh", klagt der Major.

Als ihm eine Krankenhaus- Überweisung zur Behandlung seines taub werdenden Arms verweigert wurde, weil er zu wenige Verbrechen aufgeklärt habe, platzte Dymowski der Kragen. Er sah keinen anderen Ausweg mehr, als sich direkt an Regierungschef Putin zu wenden. "Von ihm erwarte ich eine Änderung dieser Struktur."

Putin schweigt sich aus

Doch Putin schwieg. Stattdessen wurde Major Dymowski mit sofortiger Wirkung aus dem Polizeidienst entlassen. In einem Verfahren wegen "Verleumdung" drohen ihm jetzt mehrere Jahre Haft. Die Videobotschaft hat den Polizist aus der südrussischen Provinzstadt über Nacht landesweit berühmt gemacht. Hunderttausende Russen klickten sein Video-Blog bei Youtube an.

Menschenrechtsorganisationen luden ihn zu einer Pressekonferenz nach Moskau ein. Das Innenministerium hat eine interne Untersuchung in Noworossijsk eingeleitet. Innenminister Raschid Nurgaliew gibt sich aber bislang eisig: "Solange sich die Vorwürfe nicht bestätigen, betrachten wir sie als Verleumdung." Aus Kreisen des Ministeriums wird suggeriert, Dymowski arbeite im Auftrag westlicher Geheimdienste.

Mehr Angst als vor Verbrechern

Doch es gibt auch andere Stimmen aus den Reihen der Polizei. "Dymowski hat ausgesprochen, was fast jeder Polizeibeamte in Russland denkt", sagte Michail Paschkin von der Moskauer Polizeigewerkschaft im Radiosender Echo Moskau.

Der Major könnte eine Welle losgetreten haben. Mittlerweile hat sich noch ein weiterer ehemaliger Milizionär per Videoblog zu Wort gemeldet. Dort beklagt Michail Jewseew aus dem nordrussischen Uchta, in seinem Dienstabschnitt seien fabrizierte Vorwürfe gegen örtliche Geschäftsleute gang und gäbe gewesen.

Der Kriminologe Jakow Gilinski, der an der Akademie der russischen Generalstaatsanwaltschaft lehrt, bezeichnete unlängst in einem Interview die Polizei als "organisierte kriminelle Vereinigung." Nach einer Meinungsumfrage des Levada- Instituts haben über 50 Prozent der Russen vor den Milizionären größere Angst als vor Verbrechern. Die einzige Personengruppe, die noch mehr gefürchtet wird als die Uniformierten, sind Terroristen.

Polizist richtet Blutbad an - und wird gelobt

"Ein Terroranschlag? Nein, viel schlimmer", so titelte denn auch die Boulevardzeitung "Moskowski Komsomolez", als im vergangenen April ein Polizeioffizier ein Blutbad in einem Moskauer Supermarkt anrichtete. Major Denis Jewsjukow, Revierchef im Stadtbezirk Zarizyno, hatte seinen 32. Geburtstag in einem Restaurant gefeiert. Nach der durchzechten Nacht ließ er sich von einem Taxi zu einem Supermarkt fahren, erschoss den Fahrer und stürmte in den Laden. Die Überwachungskameras hielten fest, wie Jewsjukow drinnen kaltblütig seine Waffe auf Angestellte und Kunden richtete. Er erschoss zwei Menschen und verletzte sechs weitere, bevor er überwältigt werden konnte.

Moskaus damaliger Polizeichef Wladimir Pronin, zum dem Blutbad befragt, lobte den Major trotzdem als "Profi" und "Mitarbeiter mit Perspektive". Jewsjukow war nach Einschätzung seiner Kollegen als Fahnder kein großes Licht. Doch als Chef des Bezirks gelang es ihm, von Kioskbesitzern, Firmen und Ladenbesitzern "Sondersteuern" in stattlicher Höhe einzutreiben. Kurz darauf wurde Pronin von Präsident Medwedew gefeuert.

Praktisch für Putin

Der neue Moskauer Polizeichef gelobte prompt, den Korruptionssumpf trockenzulegen. Ob ihm das auch nur ansatzweise gelingt, ist fraglich. Nach Schätzungen des kremlkritischen Magazins "Nowoje Wremja" bringt der Moskauer Zentralbezirk im Jahr bis zu 1,7 Milliarden Euro an Schmier- und Schutzgeldern. Ein Informant aus den Reihen der Polizei sagte es ganz unverbrämt: "Zehn Prozent der Polizisten kommen, um ehrlich zu arbeiten, 40 Prozent kommen, weil sie sich hier bereichern wollen".

Für die Machtelite um Wladimir Putin sind die korrupten Polizisten praktisch: Sie kosten nicht viel und sie halten die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Deswegen wird wohl die im Fall des Majors Dymowski angekündigte Untersuchung die Missstände ausklammern. Dymowski fürchtet inzwischen um sein Leben. Sein Anwalt hat Polizeischutz gefordert – aber gerade das könnte seinem Mandanten wirklich gefährlich werden.

 
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