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Ein Jahr Auszeit vom Glauben
US-Pfarrer wird nach Selbstversuch Atheist

Los Angeles. 19 Jahre lang war Ryan Bell Pfarrer. Dann startete er einen Selbstversuch, weil er wissen wollte, warum die Zahl der Atheisten in den USA immer weiter steigt. Ein Jahr lang lebte er ohne Gott. Jetzt hat der 43-Jährige Bilanz gezogen: Er glaube nicht mehr, dass Gott existiert. Von Judith Conrady

Ein paar Probleme mit seinem Glauben hatte Ryan Bell schon, bevor er mit dem einjährigen Selbstversuch begann: Als Pfarrer der strengen protestantisch-freikirchlichen Glaubensgemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten in Hollywood geriet Bell mit seiner Gemeinde aneinander, weil er Schwulen und Lesben gegenüber eher liberal eingestellt war. Doch ansonsten waren die meisten Einstellungen des 43-Jährigen sehr konservativ. Wie viele seiner Gemeindemitglieder lehnte er zum Beispiel die Evolutionstheorie ab. Doch die Zweifel wuchsen. Zeitgleich ging seine Ehe nach 17 Jahren in die Brüche. Bell befand sich in einer Phase des Umbruchs.

Im Januar 2014 entschied sich Bell für einen radikalen Schnitt: Er verabschiedete sich - zunächst auf Zeit - vom Glauben: keine Gottesdienste mehr, keine Gebete. Bell begann, seine Erfahrungen in einem Blog mit anderen zu teilen. "Für die nächsten zwölf Monate werde ich leben, als ob es keinen Gott gäbe", schrieb er dort. Bell bekam schnell viel Zuspruch, aber auch Gegenwind. Der Vater von zwei Kindern verlor seinen Job an einer christlichen Hochschule. Doch Bell zog sein Experiment durch, das in den USA Aufsehen erregte.

Am 31. Dezember, rund ein Jahr nach Beginn seines Selbstversuchs, hat Bell in einem Video und auf seinem Blog Bilanz gezogen.

Die Konsequenz seines Experiments überrascht Bell selbst: "Ich habe keine Hinweise gefunden, dass Gott existiert", so sein Fazit. Für ihn gebe es eine Reihe von Gründen, die gegen den Glauben sprächen - zum Beispiel, dass es viele verschiedene Religionen gebe, die nicht alle im Recht sein könnten, und dass es reiner Zufall sei und vor allem vom Geburtsort abhänge, an welche man glaube. Die Wissenschaft sei außerdem erfolgreicher darin, die Geheimnisse des Lebens zu erklären, als die Religion.

Heute bezeichne er sich als Humanist und Atheist, sagt Bell. Das Ergebnis seines Selbstversuchs fühle sich wie ein Verlust an, und er habe gehofft, Gott mit allem, was er über die Welt wisse, in Einklang zu bringen, so der 43-Jährige. Er sei auch weiterhin offen dafür, seine Meinung noch einmal zu ändern, doch im Moment ergebe es für ihn mehr Sinn, dass Gott nicht existiere.

Doch auch unter Atheisten fühlt sich Bell nicht wirklich verstanden, sagte der ehemalige Pfarrer der "LA Times". "Ich glaube, ich habe jetzt beide Seiten der Medaille gesehen", sagt er. "Atheisten können die gleiche widerwärtige Sicherheit haben wie manche Christen, und davon will ich kein Teil sein. Ich habe das Gefühl, ich hänge irgendwo in der Mitte." 

Wie die "LA Times" berichtet, hat der 43-Jährige inzwischen eine neue Frau kennengelernt. Als wolle ihm das Schicksal einen Streich spielen, hat er sich ausgerechnet in eine gläubige Christin verliebt. Doch die könne mit seiner neuen Einstellung leben, sagt Bell. Einen neuen Job hat der Ex-Pfarrer auch schon: Er arbeitet jetzt für eine Obdachlosen-Hilfsorganisation. Und ist neugierig auf das, was 2015 bringen wird.

 

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