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Prozess in Ungarn
Schlepper haben Tod von 71 Menschen in Kauf genommen

Österreich: Lkw mit toten Flüchtlingen entdeckt
Österreich: Lkw mit toten Flüchtlingen entdeckt FOTO: dpa
Kecskemet. Als 71 Flüchtlinge in einem Lkw auf dem Weg von Ungarn nach Österreich erstickten, war die Welt erschüttert. Zwei Jahre später stehen die mutmaßlichen Schlepper vor Gericht. Das Verfahren in Ungarn lässt das skrupellose Vorgehen der Schlepper erahnen.

Im Prozess um den Tod von 71 Flüchtlingen in einem Kühllastwagen wird das Bild der Skrupellosigkeit und Gier der Schlepper immer deutlicher. Die Menschen im Laderaum des Fahrzeugs, das österreichische Polizisten am Rande der Autobahn nahe der Ortschaft Parndorf am 27. August 2015 fanden, waren spätestens drei Stunden nach der Abfahrt im Süden Ungarns gestorben. "Ihr Erstickungstod war ein besonders qualvoller", erklärte der medizinische Sachverständige am vergangenen Dienstag vor dem Gericht in Kecskemet.  

Seit Juni läuft das Strafverfahren in der südungarischen Kleinstadt. Es ist ein Mammutprozess. Die mutmaßlichen Mitwirkenden an der Todesfahrt von Parndorf, ein Afghane und drei Bulgaren, sind Wegen Mordes angeklagt. Zehn weitere Männer - ein Afghane, acht Bulgaren und ein bulgarisch-libanesischer Doppelstaatsbürger - müssen sich für verschiedene Schlepperdelikte verantworten. Darin eingeschlossen die schwere Misshandlung von Menschen. Drei der Angeklagten sind auf der Flucht, gegen sie wird in Abwesenheit verhandelt.

Das Urteil kommt erst im nächsten Jahr

Simultandolmetscher übersetzen zwischen vier Sprachen hin- und her: Ungarisch, Paschtu, Arabisch und Bulgarisch. Nach zwei Prozesstagen an diesem Donnerstag und Freitag geht das Verfahren in die Winterpause. Mit dem Urteil wird erst im nächsten Jahr gerechnet.

Doch der bisherige Verhandlungsverlauf macht klar: die mutmaßlichen Mitglieder der Schlepperbande hatten nur den Profit im Kopf und scherten sich nicht um das Wohl der Menschen, die sich ihnen anvertraut hatten. 1000 bis 1200 Euro bezahlte ein Flüchtling, um von Serbien zu Fuß über die "grüne" Grenze nach Ungarn gelotst und anschließend in einem Fahrzeug nach Deutschland oder Österreich gebracht zu werden.

Der Transport im Lkw-Laderaum ist lebensgefährlich

Für den Transport ab Ungarn soll der Hauptangeklagte, der Afghane L. S. (30), verantwortlich gewesen sein. Die Ankömmlinge aus Serbien presste er an einem Sammelpunkt nahe der Grenze in Kleintransporter: etwa 38 Menschen in einen Fiat Ducato, 52 in einen Mercedes Sprinter, 54 in einen VW Crafter. Später kamen Lastwagen dazu, in deren Laderäumen sich 70 bis 80 Menschen zusammenpferchen ließen. Auch der Todes-Lkw von Parndorf war darunter.

Die Fahrten in den überfüllten, unbelüfteten und verschlossenen Fahrzeugen waren höchst gefährlich. Passagiere verloren mitunter wegen Hitze und Sauerstoffmangels das Bewusstsein. Immer wieder mussten Notärzte ausrücken, wenn ein Transport in Deutschland oder Österreich ankam. Die Beschlagnahme der Fahrzeuge durch die Behörden war offenbar einkalkuliert. Die ausrangierten, klapprigen Transportvehikel wurden für wenig Geld angeschafft, ein Mercedes Sprinter für etwa 7000 Euro. Die Einnahmen aus einer einzigen Schlepperfahrt konnten bis zum Zehnfachen betragen.

Den Tod der 71 Flüchtlinge in Kauf genommen 

Selbst die häufigen Festnahmen von Fahrern durch die Polizei in Deutschland, Österreich oder Ungarn stellten für die Bande kein Problem dar. Der zweite Angeklagte, der Bulgare G.M., soll regelmäßig Nachschub an Fahrern organisiert haben. Er rekrutierte sie zumeist aus einem Elendsviertel der bulgarischen Kleinstadt Lom nordwestlich von Sofia, wo auch er herstammt.

Wegen der Todesfahrt von Parndorf stehen der Fahrer I. N. S, der "Späher" T. V. B - er soll dem Laster voran gefahren sein und auf mögliche Polizeikontrollen geachtet haben - und die Drahtzieher G. M. und L. S. vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, den Tod der 71 Menschen im Laderaum wissentlich in Kauf genommen zu haben.

Mitschnitte von Telefonaten, die bislang im Prozess noch nicht vorgespielt wurden, sollen belegen, dass L.S. und G. M. an den Fahrer und den Begleiter strikte Weisung gaben, in keinem Fall anzuhalten. Dabei hatten ihnen die beiden berichtet, dass die Flüchtlinge im Laderaum an die Wände trommeln würden, weil es ihnen offenbar schlecht ging.

Im Prozess versuchen die Angeklagten, die Schuld aufeinander abzuwälzen. "Ich war nur ein Dolmetscher", sagt etwa G. M. Die Verteidiger, zumeist Pflichtanwälte, folgen einer ähnlichen Strategie. "Es geht darum, die Rolle des eigenen Mandanten möglichst klein erscheinen zu lassen", meinte einer von ihnen in einer Verhandlungspause. Die angeklagten Fahrer von Schlepperfahrzeugen behaupten wiederum, dass sie von G.M. mit Drohungen unter Druck gesetzt worden seien. Nur der Afghane L.S. schweigt bislang.

(dpa/heif)
 
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