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Schneise der Verwüstung in Chile: Sie rannten um ihr Leben

zuletzt aktualisiert: 02.03.2010 - 13:33

Chile (RPO). Nach dem Erdbeben und dem darauffolgenden Tsunami kommt an der chilenischen Küste allmählich das volle Ausmaß der Tragödie zum Vorschein. Allein in der Hafenstadt Talcahuano wurden durch die Katastrophe 80 Prozent der 180.000 Einwohner obdachlos, wie Bürgermeister Gaston Saavedra berichtete.

Der Campingplatz von Pelluhue liegt idyllisch unter Pinien direkt am Pazifik. Aber nach dem Erdbeben wussten die 40 Rentner, die dort Urlaub machten, sofort, dass sie keine Zeit zu verlieren hatten. Mit dem Bus wollten sie sich in Sicherheit bringen, weg vom Meer, weg von dem drohenden Tsunami. Sie schafften es nicht mehr. Die riesigen Flutwellen rissen den Bus mit, niemand überlebte.

Allein in Pelluhue zerstörte das Erdbeben der Stärke 8,8 am Samstag etwa 300 Häuser. Die meisten Bewohner waren sich der Tsunami-Gefahr durchaus bewusst - die Fluchtrouten waren sogar ausgeschildert.

"Wir liefen durch den Ort und riefen 'Kommt aus euren Häusern!'", berichtet Claudio Esfalona. Der 43-Jährige war zum Zeitpunkt des Bebens mit seiner Familie in seinem Haus in der Nähe des Campingplatzes. Von dort rannte er mit seiner Frau und den beiden vier und sechs Jahre alten Töchtern um sein Leben. Drei Wellen seien gekommen, sagt er, schon die ersten beiden etwa sechs Meter hoch, die dritte noch riesiger. "Wir hörten die Schreie von Kindern, Frauen, jedem", sagt Escalona. "Da waren die Schreie und dann eine furchtbare Stille."

Kirche als Leichenhalle

Die Naturkatastrophe hat an der Küste eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. In Curanipe dient die Kirche als Leichenhalle. In Cauquenes beerdigten die Menschen ihre Angehörigen selbst, weil das Bestattungsinstitut keinen Strom hatte.

In Talcahuano versammelten sich Marioli Gatica und ihre Großfamilie nach dem gewaltigen Erdbeben am Samstag vor dem Radio. Sie saßen in dem Holzhaus an der Küste auf dem Fußboden und hörten, wie die Feuerwehr die Bevölkerung aufrief, Ruhe zu bewahren und nicht nach draußen zu gehen. Von einem Tsunami hätten sie nichts geahnt, sagt Gatica - bis die Wassermassen mit unglaublichem Getöse ihr Haus trafen. "Eben saßen wir noch da, und im nächsten Moment sah ich das Wasser und Kabel und Möbel herumschwimmen."

Zwei riesige Schiffscontainer krachten auf Gaticas Zuhause. Ein dritter blieb auf halbem Weg zwischen dem Haus und dem Meer liegen. Das rettete ihr das Leben, denn der Container verhinderte, dass sie vom Sog des Wassers mitgerissen und ins Meer gespült wurde. Ihre elfjährige Tochter konnte sich an einen Baum klammern. Fast alle Familienmitglieder überlebten, bis auf Gaticas 76-jährige Mutter.

Der chilenische Verteidigungsminister Francisco Vidal räumte inzwischen ein, es sei ein großer Fehler gewesen, dass die Marine nicht sofort eine Tsunami-Warnung ausgegeben habe. Dafür retteten Hafenkapitäne wahrscheinlich hunderte Menschenleben, weil sie Alarm schlugen.

Jugendliche als Helden

In der Ortschaft Dichato wurden ein paar Jugendliche zu Helden. Sie waren am Strand und sahen etwa eine Stunde nach dem Erdbeben auf einmal, wie sich das Wasser aus der Bucht zurückzog. Geistesgegenwärtig rannten sie daraufhin schreiend durch die Straßen, um die Menschen zu warnen. Polizisten mit Megaphonen taten es ihnen gleich.

Rogilio Reyes ist einer der vielen, der den Teenagern wahrscheinlich sein Leben zu verdanken hat. "Im Radio hieß es, es werde keinen Tsunami geben", erinnert er sich. Ein fataler Irrtum. Mindestens 49 Bewohner von Dichato gelten als vermisst, wie Bürgermeister Eduardo Aguilera sagt, rund 800 Häuser wurden zerstört.

Der Tsunami traf viele Menschen unerwartet. Zum Beispiel Marioli Gatica, die in Talcahuano in einem Holzhaus direkt am Wasser lebte: Als die Erde aufhörte zu beben, habe sie das Radio eingeschaltet, berichtete die zweifache Mutter. Die Feuerwehr habe allen Überlebenden geraten, nicht vor die Tür zu gehen. Dann sei ihr Haus auf einmal von einer Flutwelle erfasst worden.

"Wir saßen da, und im nächsten Moment waren wir plötzlich unter Wasser, und ich sah über mir Kabel und Möbelstücke schwimmen", sagte Gatica. Sie habe versucht, die Hand ihrer elfjährigen Tochter Ninoska festzuhalten, doch die Strömung habe ihr das Mädchen entrissen.

Ninoska überlebte - es gelang ihr, sich an einem Baum festzuhalten. Auch Marioli Gatica selbst, ihr Sohn, ihr Mann und ihr Vater konnten sich retten. Der Tsunami hatte mehrere Schiffscontainer angeschwemmt, die zwar das Holzhaus der Familie zerstörten, zugleich aber verhinderten, dass die Gaticas ins Meer hinausgespült wurden. Mariolis Mutter aber war nach dem Unglück verschwunden.

Plünderer erschweren Rettungsarbeiten

In der Stadt Concepción durchsuchten Rettungskräfte weiter die Trümmer eines Mietshauses, das bei dem Beben eingestürzt war. Aus dem 14-stöckigen Gebäude waren am Montag Klopfzeichen zu hören.

Erschwert wurden die Bergungsarbeiten allerdings durch Plünderungen: Das Bemühen der Polizei, für Ordnung zu sorgen, band kostbare Kräfte. Nach Angaben des Polizeichefs von Concepción, Eliecer Soler, wurden allein am Sonntag 55 Plünderer festgenommen. Es kam zu Ausschreitungen.

Quelle: apd/das

 
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