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Neue Mitschnitte aus der Unglücksmaschine von Smolensk
Neue Stimmen aus dem Cockpit

Smolensk: Neue Mitschnitte aus der Unglücksmaschine
FOTO: dpa, ukit fob
Warschau. An diesem Freitag gedenkt Polen der Opfer von Smolensk. Vor genau fünf Jahren stürzte in Russland das Regierungsflugzeug mit der versammelten Elite des Landes ab, darunter der damalige Präsident Kaczynski. Bislang unbekannte Mitschnitte aus dem Cockpit heizen Kontroversen und Gerüchte über den Hergang an.

Massentrauer vor dem polnischen Präsidentenpalast, Anklagen und Mordgerüchte - am 10. April jährt sich zum fünften Mal der Absturz der polnischen Präsidentenmaschine über dem russischen Smolensk. An der zentralen Gedenkfeier auf dem Warschauer Militärfriedhof nehmen am Freitag Staatspräsident Bronislaw Komorowski und Regierungschefin Ewa Kopacz teil. Außerdem ist eine Gedenkfeier der nationalkonservativen Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit geplant. Parteichef Jaroslaw Kaczynski ist der Zwillingsbruder des verunglückten Präsidenten.

Die Nachricht vom Tod von 96 Menschen, darunter der damalige polnische Präsident Lech Kaczynski, schockte das ganze Land. Zusammen mit höchsten Vertretern des Militärs, des Parlaments und des politischen Lebens war er auf dem Weg zu einer Gedenkfeier für die Opfer von Katyn, jener 22 000 Polen, die 1943 vom sowjetischen Geheimdienst hingerichtet wurden. Doch die Tupolew TU-154 verunglückte beim Landeanflug im Nebel.

Untersuchungsverfahren dauert immer noch an

Polnischer Präsident tot - Die Absturzstelle FOTO: AFP

Polen war gelähmt vor Schock und Trauer. Angesichts des Ausmaßes der Tragödie schienen politische Gräben vorübergehend an Bedeutung zu verlieren. Der 10. April 2010 brannte sich in die kollektive Erinnerung der Polen ein - aber fünf Jahre später teilt die Deutung der Katastrophe Gesellschaft und Politik im Land.

Die Ermittlungen der Warschauer Militärstaatsanwaltschaft sind noch nicht beendet, gerade wurde das Verfahren um sechs Monate bis zum 10. Oktober verlängert, und schon jetzt warnt Behördenchef Ireneusz Szelag, die Ermittlungen würden sich wohl bis ins kommende Jahr hinziehen. Eine Untersuchungskommission des Innenministeriums mit Luftfahrtexperten geht von menschlichem Versagen aus, genauer gesagt von Pilotenfehlern. Szelag sieht auch Hinweise auf eine Mitschuld der russischen Fluglotsen.

Protokolle aus der Blackbox

Doch bislang unbekannte Gesprächsprotokolle der Blackbox sorgen für neue Kontroversen. Die polnische Militärstaatsanwaltschaft veröffentlichte am Donnerstag zwei neue Aufzeichnungen der Flugzeugkatastrophe, nachdem Ausschnitte der Texte vor wenigen Tagen an die Medien durchgesickert waren. Damit sollten die öffentlichen Spekulationen über die Abschrift beendet werden, hieß es.

Das war Lech Kaczynski FOTO: AP

In der Expertenanalyse geht es auch um Stimmen im Cockpit kurz vor dem Absturz, die nicht zur Besatzung gehörten. Eine dritte Person war entweder im Cockpit oder unmittelbar davor - offenbar handelte es sich um Luftwaffenchef Andrzej Blasik. Auch die Expertenanalyse vermutet, dass Blasik "oder eine andere Person mit einer ähnlichen Stimme" zu hören ist. In Polen war spekuliert worden, Blasik könnte Druck auf die Piloten ausgeübt haben, trotz Nebels und schlechter Wetterbedingungen in Smolensk zu landen.

Nun wird erneut aufgeregt diskutiert: Galt das ihm zugeschriebene "Da ist doch noch Platz" den Piloten, die angesichts der schwierigen Sichtverhältnisse zögerten und wiederholt um Ruhe baten? Oder war die Aufforderung an andere Personen im angrenzenden VIP-Salon gerichtet?

"Es war Mord"

In der Aufzeichnung wird auch der Funkverkehr mit dem Piloten eines anderen polnischen Flugzeugs aufgelistet, das kurz vorher in Smolensk gelandet war. Nach Darstellung von Ermittlern hatte der Mann seine Kollegen in der Kaczynski-Maschine gleich zweimal mit der Bemerkung "Ihr könnt es versuchen!" zur Landung ermuntert.

Verschwörungstheoretiker wollen von der Theorie eines tragischen, letztlich vermeidbaren Unglücks nichts wissen. "Es war Mord", zeigte sich der nationalkonservative Oppositionschef Jaroslaw Kaczynski, der Zwillingsbruder des Präsidenten, schon vor Jahren überzeugt. Der Absturz sei ein Anschlag auf Kaczynski gewesen, die russischen Ermittler an der Unglücksstelle hätten mehr vertuscht als aufgeklärt.

Mit dieser Meinung steht Kaczynski nicht allein. Nach einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage meinen 32 Prozent, dass ein Anschlag als Absturzursache möglich ist. Unter den Anhängern von Kaczynskis Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) glauben dies sogar 57 Prozent. Und über die Parteigrenzen hinweg meinen 77 Prozent der Polen, ihre Regierung habe nicht alles zur Aufklärung der Katastrophe unternommen.

Dass in einigen Fällen die sterblichen Überreste der Absturzopfer falsch identifiziert wurden, wie Exhumierungen und DNA-Analysen ergaben, wird als Bestätigung absichtlicher russischer Irreführung ausgelegt - und nicht etwa der Tatsache, dass angesichts der Wucht des Aufpralls in vielen Fällen eine exakte Identifizierung der Toten schwierig gewesen sein dürfte.

Manche verdächtigen den russischen Geheimdienst

Der PiS-Abgeordnete Antoni Macierewicz leitet einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss der PiS zum Smolensk-Absturz. Er kam in seinem jüngsten Bericht zu dem Schluss, es habe eine Explosion an Bord gegeben. Allerdings ließen sich Gerüchte über angebliche Sprengstofffunde in den Trümmern bisher nicht bestätigen.

Vor dem fünften Jahrestag haben derartige Berichte Konjunktur. Gerade erschien das Buch "Angriff auf die Wahrheit" von Malgorzata Wassermann, der Tochter des bei dem Absturz verunglückten ehemaligen Geheimdienstkoordinators Zbigniew Wassermann. "Mein gegenwärtiges Wissen grenzt an Sicherheit, dass es eine Explosion gab", schreibt sie darin. "Die Anschlagshypothese ist sehr wahrscheinlich." Zusammen mit anderen Opfer-Angehörigen spricht sich Wassermann für eine neue, internationale Untersuchungskommission aus.

Ebenfalls am Mittwoch erschien das Buch "Verschlussakte S" des deutschen Enthüllungsjournalisten Jürgen Roth. In einem Interview mit dem der PiS nahestehenden Fernsehsender Telewizja Republika sagte er, der russische Geheimdienst FSB habe eine "wesentliche Rolle" bei dem Anschlag auf die Präsidentenmaschine gespielt. Er sei im Besitz zweier Berichte deutscher Sicherheitsdienste, in denen von Sprengstoff an Bord des Flugzeugs ausgegangen werde.

Behörden winken ab

Der BND dementierte dies. "Ein in den Medien genanntes und bei youtube gezeigtes Dokument aus März 2014, von dem behauptet wird, dass der Buchautor daraus zitiere, wurde bei einer kurzfristig angestrengten hausweiten Suche nicht gefunden", sagte ein BND-Sprecher. "Ob es sich dabei gegebenenfalls um eine Fälschung handeln könnte, kann hier zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschließend bewertet werden."

Der polnische Außenminister Grzegorz Schetyna verwies die Berichte in den "Bereich der Belletristik". "Ich habe weder offiziell noch inoffiziell irgendetwas über die Existenz solcher Dokumente gehört", sagte er in der vergangenen Woche in einem Rundfunkinterview. "Aber man muss das natürlich überprüfen."

(dpa)
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