Basketball: Wie ein Autist zum Star wurde

THOMAS SPANG - zuletzt aktualisiert: 21.03.2006 - 11:20

New York (RP). Es war sein erstes Basketballspiel. Jason McElwain, der an Autismus leidet, war nur vier Minuten im Spiel - und machte 20 Punkte. Ein Wunder? Fest steht: Amerika feiert einen neuen Helden.

Jason McElwain wird gefeiert wie ein Held. Foto: AP
Jason McElwain wird gefeiert wie ein Held. Foto: AP

Die Geschichte des 17-jährigen Jason McElwain könnte in einem Märchenbuch stehen, wenn sie nicht wahr wäre: Ein autistischer Junge, der für seine Highschool-Mannschaft in Greece, NY, jahrelang Wasser schleppte, Trikots austeilte und Spieler tröstete, erhält kurz vor Schluss des Spiels gegen das Team aus dem benachbarten Spencerport erstmals die Chance, selber auf den Basketballplatz zu kommen.

Da geschieht das Unglaubliche. Die ersten beiden Schüsse gehen daneben. Beim dritten Mal versenkt er den Ball im Netz. Und noch einmal und noch einmal und noch einmal. „Ich habe Feuer gefangen, war heiß wie eine Pistole“, erinnert sich der blasse Junge an die dramatischsten vier Minuten seines Lebens, in denen er 20 Punkte für sein Team machte. Darunter sechs „Dreier“, also Würfe aus der Distanz.

Seine Mitspieler tragen ihren „J-Mac“ auf den Schultern vom Platz. Die 900 Zuschauer toben. Die Lokalzeitung berichtet über das Wunder an der Athena-High-School. Der Fernsehsender CBS greift die Geschichte auf und sendet sie in den Abendnachrichten. Die Nation ist gerührt. Allen voran US-Präsident George W. Bush, der Jason diese Woche vor einem politischen Auftritt in Rochester auf der Rollbahn des Flughafens traf.

„Ich habe es im Fernsehen gesehen und habe geweint, wie viele andere Leute auch,“ sagte Bush. „Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der auf dem Basketball-Platz das richtige Gefühl für den Ball entwickelt hat und damit die Herzen der Nation bewegte.“ In der Tat lieben Amerikaner Geschichten wie diese, die den sentimentalen Nerv der Nation treffen. Ein Held, geboren aus dem Unmöglichen.

Ein Triumph des Selbst gegen alle Widrigkeiten des Lebens. Ein Sieger, auf den vorher niemand einen Blumentopf gesetzt hätte. Das ist Material, aus dem Hollywood seine erfolgreichsten Streifen strickt. So zuletzt die Geschichte Seabiscuitts, eines unbeachteten Rennpferdes, das in den 30er Jahren für eine Sensation sorgte, als es den Champion „War Admiral“ abhängte. Kein Wunder also, dass Jason nun mit Filmangeboten aus Hollywood überschüttet wird.



Von Disney bis zum legendären Basketball-Star Earvin „Magic“ Johnson versuchen alle möglichen Produzenten, sich die Rechte zu sichern. T-Shirts mit Jasons Bild kommen auf den Markt. Kaffeetassen, Anhänger, Masken, alles was die amerikanische Kultindustrie hergibt. Oftmals versehen mit dem Mantra, das der autistische Junge seinen Mitspielern vom Spielfeldrand zugerufen hat: „Konzentriert Euch.“ Der Triumph Jasons ist jedoch mehr als eine sentimentale Geschichte.

Sie hilft, Öffentlichkeit für eine Behinderung zu schaffen, die von den meisten Menschen nicht richtig verstanden wird. Dabei kommen in den westlichen Industrienationen aus bisher nicht erklärlichen Gründen immer mehr Kinder mit Behinderungen im autistischen Spektrum zur Welt - in den USA eines auf 166 Neugeborene.

Autismus geht einher mit einer unterschiedlichen Sinneswahrnehmung, zum Teil extremen Reaktionen auf sensorische Auslöser, der Unfähigkeit, sich in andere Personen hineinzuversetzen, sozialen und emotionalen Anpassungsschwierigkeiten sowie einer verzögerten Sprech- und Sprachentwicklung. Schwere Fälle bringen ganze Familien aus dem Gleichgewicht. Die Scheidungsquote unter Eltern autistischer Kinder liegt bei 90 Prozent.

Obwohl die Schulen im Rahmen individuell abgesteckter Sonderschulprogramme (IEP) Hilfe anbieten, kann die zusätzliche Betreuung und Therapie zu Hause leicht einige 10000 Dollar im Jahr kosten. Und Aussichten auf Heilung von Autismus gibt es bisher nicht. Die Geschichte Jason McElwains gibt dieser Realitität ein Gesicht und sensibilisiert für eine Krankheit, deren Wahrnehmung durch „Rain Man“ und „Kasper Hauser“ geprägt war. So soll auch das T-Shirt verstanden werden, dass „J-Mac“ nun bei Interviews trägt. Darauf steht: „Sechs Dreier für Athena ... Ein Volltreffer für Autismus.“

Quelle: Rheinische Post

 
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