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Terror
Leben mit der Angst

Terror in Istanbul: Leben mit der Angst
Eine sichtlich betroffene Kanzlerin während einer kurzen Stellungnahme zu den Anschlägen von Istanbul. FOTO: ap
Meinung | Berlin. Das Ziel des Terrors sei immer dasselbe: unser freies Leben, meinte Angela Merkel - und zeigte sich überzeugt, dass dies am Ende gewinnen werde. Es ist richtig, dass die Kanzlerin das am Tag des Terrors sagt. Aber es ist noch nicht ausgemacht, dass sie Recht behält. Von Gregor Mayntz

Stunden zuvor hatte sie gelobt, wie schnell sich CDU-Innen- und SPD-Justizminister am selben Tag auf Verschärfungen im Ausländerrecht verständigt hatten. Auch das ist richtig. Aber mehr Freiheit bedeuten die Gesetzesänderungen nicht. Bislang waren wir so frei, verfolgte Ausländer zwar nicht straflos, aber auch nicht schutzlos zu stellen, wenn sie hier straffällig werden. Damit soll es künftig vorbei sein. Angesichts der Vielzahl von Flüchtlingen ist es wahrscheinlich, dass die Zahl der schwarzen Schafe darunter auch zu einer bemerkenswerten Größe angewachsen ist. Es ist deshalb gut, dass der Rechtsstaat hier ein glasklares Zeichen setzt: Dass Willkommenskultur dort endet, wo Gäste zur Gefahr für das Zusammenleben werden. Das ist auch im Interesse der vielen, vielen ehrlichen und rechtschaffenen Flüchtlinge. Insofern ist die zügige Antwort des Staates auf die Massenübergriffe von Köln das richtige Vorgehen. Es ist zudem darauf ausgerichtet, unser freies Zusammenleben zu erhalten. Doch zeigt sich auch an dieser Stelle, wie haarscharf wir darauf achten müssen, bei der Schärfung des Rechts nicht auch ein ums andere Mal Scheiben der Freiheit abzuschneiden, so hauchdünn sie in jedem Einzelfall auch erscheinen mögen.

Natürlich fallen die Vorgänge in Köln nicht in die Kategorie Terror. Und natürlich dürfen wir sie nicht in einen Topf mit dem Anschlag von Istanbul werfen. Doch Köln und Istanbul haben mehr gemeinsam, als das Datum der Reaktionen darauf. Es geht um das Gefühl der Bedrohung, das in diesen Tagen und Wochen mit "Köln" und jetzt auch wieder mit "Istanbul" stark gewachsen ist. Die Angst, im Urlaub Opfer von Anschlägen zu werden, ähnelt der Angst, mitten in Deutschland beim Feiern in einer großen Menschenansammlung Opfer von Gewalt zu werden. Es geht um freie Bewegung, freie Entscheidung, um das freie Leben. Und bei beidem geht es darum, dass Angst noch nie ein guter Ratgeber war, ruhiges Nachdenken und Abschätzen aller Folgen letztlich zu besseren Ergebnissen führt. Und da endet die Parallele von Köln und Istanbul in ihren Auswirkungen auf unsere Gefühle auch.

Denn die Männer, die Frauen als Freiwild betrachten, handeln im perfiden Eigeninteresse, setzen ihre private Befriedigung über die Menschenrechte anderer. Sie verletzen eine bestehende Rechtsordnung. Die islamistischen Terroristen hingegen, die wahllos unschuldige Urlauber töten, folgen einer verheerend falsch verstandenen religiösen Mission, wollen jede Rechtsordnung zerstören und durch reine Willkür einer wie auch immer durchgesetzten religiösen Interpretation ersetzen. Vor allem verfolgt jeder Terror das Ziel, eine Gesellschaft und die dafür verantwortlich handelnden Politiker zu Überreaktionen zu verleiten. Denn da ist der Terror zu Hause, daraus gewinnt er nur neue Schein-Legitimität.

Deshalb ist zunächst einmal nur Trauer die erste Bürgerpflicht. Und Besonnenheit die Zweite. Dazu gehört zweifellos nicht, den Terror gewähren und sich immer weiter ausbreiten zu lassen. Entschiedenes Vorgehen, auch militärischer Natur, ist so besonnen wie notwendig, um den militärischen Vormarsch des Terrors zu stoppen. Aber genau so wichtig ist, die Existenzgrundlage des Terrors in zerfallenen und zerfallenden Staaten durch neue, stabile Ordnungen zu ersetzen. Und langfristig durch wachsende Chancen auf Wohlstand und friedliches Zusammenleben den Hass aus den Köpfen zu kriegen.

Türken, Kurden, Franzosen, Russen, Amerikaner, Iraner, Saudis, Deutsche - die Liste der Nationen, die schmerzliche Erfahrungen mit mörderischen Terroraktionen machen mussten, ist lang, viel, viel länger als diese Aufzählung. Sie müssen dringend begreifen, dass das Aufeinanderprallen ihrer Interessen die Grundlagen des Terrors nicht verkleinert, sondern vergrößert. Deshalb darf Fassungslosigkeit über das Ausmaß der brutalen Gewalt nicht das letzte Wort sein, sondern nur ein weiterer Anstoß, die diplomatischen Anstrengungen zu verstärken.

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