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Terror in Tunesien
"Ich wusste, dass es Schüsse waren"

Terror in Tunesien - "Ich wusste, dass es Schüsse waren"
Sousse zwei Tage nach dem Angriff. Provisorische Absperrungen markieren den Ort des Anschlags. FOTO: dpa, geb fdt
Sousse. Von der Postkarten-Idylle zum Schauplatz eines blutigen Terrorangriffs: Touristen in Sousse berichten, wie sie den Anschlag erlebt haben. Es war ein Tag der Angst.

Der Terrorangriff auf eine Hotelanlage hat Tunesiens Touristenziel Sousse erschüttert. Ein mit einer Kalaschnikow und Granaten bewaffneter Mann schoss am Freitag Urlauber an einem Privatstrand nieder und ging anschließend systematisch durch die Anlage des Luxushotels - zum Pool, zum Empfang und zu Büros. Der junge Attentäter hatte sich als Tourist getarnt und tötete mindestens 38 Menschen. Geschockte Überlebende und Menschen, die am Ort des Massakers halfen, schildern ihre Horror-Erlebnisse:

Tony Callaghan aus dem englischen Norfolk befand sich gegen Mittag in der Nähe des Pools, als er etwas hörte, von dem viele dachten, es handele sich um Feuerwerkskörper. Doch Callaghan, der 23 Jahre in der britischen Luftwaffe diente, hatte eine Ahnung. "Ich wusste, dass es Schüsse waren...Das Hotel wurde angegriffen", erzählt der 63-Jährige. Er erlitt eine Schussverletzung am Bein, seiner Frau Christine wurde der Oberschenkelknochen zertrümmert. Das Paar befand sich unter denjenigen, die im größten Krankenhaus in Sousse, dem Sahloul-Hospital, behandelt wurden.

Gemeinsam mit rund 40 anderen hätten sie Zuflucht in den Verwaltungsbüros des Hotels gesucht, nicht weit vom Empfangsbereich entfernt, sagt Callaghan. Sie seien ins erste Stockwerk hochgegangen, "aber dann saßen wir in der Falle". Der 63-Jährige sagte, er habe Menschen gesagt, sie sollten sich verstecken, weil der Bewaffnete ihnen folge "und die Treppe hochkommend schoss".

Anschlag auf Touristenhotel in Tunesien FOTO: afp, ADL/SH

Callaghan erzählt, seine Frau sei im Korridor gestolpert und habe um Hilfe geschrien. Auf eine andere Frau sei vier Mal geschossen worden. Sie habe in einer Blutlache gelegen. Die Schüsse schienen endlos, berichtet der Engländer weiter. Callaghan kam es so vor, als hätten sie rund 40 Minuten gedauert.

Die Hotelangestellte Imen Belfekih berichtet, der Angreifer habe sich Zeit genommen, "um zum Strand, zum Pool, der Rezeption, der Verwaltung zu gehen". Sie war unter denjenigen, die sich in den Verwaltungsbüros versteckten. Auch ein Arbeitskollege sei dabei gewesen, der bei dem Angriff verletzt worden sei. Der Attentäter habe eine Granate geworfen, als er die Treppe zu den Räumen hinaufgegangen sei, wo sie sich befanden. Offenbar sei er den Angstschreien gefolgt. "Wir sahen nur Schwarz", erzählte Belfekih. "Es war rauchig. Jeder versteckte sich in Büros...ich versteckte mich unter einem Schreibtisch", sagt die Frau.

Ein Polizeibeamter, der zum Tatort gerufen wurde, erzählte der Nachrichtenagentur AP, der Bewaffnete habe drei Granaten geworfen. Eine davon sei aber nicht hochgegangen.

Fotos: Nach Anschlag: Urlauber verlassen Tunesien FOTO: dpa, moh sw

Belfekih sagte, sie habe sei am Strand gewesen, als sie die ersten Schüsse hörte. Sie und ihr verwundeter Freund hätten ihr Versteck erst verlassen, "als wir Stille hörten".

Wegen der unterschiedlichen Schilderungen des Angriffs war es schwierig zu verstehen, wo genau der Bewaffnete schließlich von der Polizei getötet wurde. Allerdings scheint der Angreifer offenbar wieder die Treppe hinuntergegangen zu sein, um zu fliehen. Keine der Personen, mit denen die AP sprach, konnte den Mann eindeutig beschreiben. "Ich sah ihn nie, weil wir um unser Leben rannten", sagt Callaghan.

Das Imperial Marhaba Hotel war stundenlang ein Ort des Chaos - Menschen versteckten sich in Hallen, Büros und Badezimmern. Marian King aus dem Dubliner Vorort Lucan stand kurz vor ihrer Abreise, als das Durcheinander begann. Eine britische Frau sei in die Lobby gerannt, die geschrien habe, dass ihr Mann angeschossen worden sei und er "auf einer Sonnenliege in einer Blutlache" liege. King berichtet, sie sei sofort mit ihrem Sohn auf ihr Zimmer zurückgekehrt. Zwei Stunden lang habe sie sich im Bad versteckt. "Es gab Schritte auf dem Korridor und Menschen rannten auf und ab, in allen Sprachen schreiend", sagt King dem irischen Radiosender RTE.

Mitarbeiter von nahegelegenen Hotels halfen bei der Rettungsoperation. "Man hört die Schüsse. Man kann die Male nicht zählen", sagt Haytham, Rettungsschwimmer des Royal Kenz Hotels. Er und andere hätten den Strand geräumt und einige Verletzte in Rettungswagen gebracht. Sichtlich erschüttert legen er und eine Gruppe Touristen einen Strauß an dem von Unheil heimgesuchten Strand nieder.

Faycal Mhoub, der am Strand Kamelritte anbietet, brachte Touristen in das Haus der Familie und half anschließend bei der Verlegung der Verletzten. "Ich lebe mit den Touristen mehr als mit meiner Familie", sagt Mhoub. "Ich weiß nicht, wie viele Monate oder Jahre Touristen nicht kommen werden, aber ich werde an meinem Platz sein."

(ap)
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