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"Hunderte Tonnen" Zyanid in Halle gelagert
Riesiger Krater am Unglücksort in Tianjin

Explosion in Tianjin hinterlässt riesigen Krater
Explosion in Tianjin hinterlässt riesigen Krater FOTO: dpa, hy sh
Tianjin. Bei der Katastrophe im Hafen von Tianjin sind möglicherweise deutlich mehr Feuerwehrleute ums Leben gekommen als bisher zugegeben. Dutzende werden noch vermisst. Luftaufnahmen des Unglücksortes zeigen einen riesigen Krater.

Die Zahl der Toten nach dem schweren Explosionsunglück auf dem Hafengelände der nordchinesischen Stadt Tianjin ist bis Sonntag auf 112 gestiegen. Vier Tage nach der Katastrophe wurden noch 95 Menschen vermisst, darunter 85 Feuerwehrleute, wie die Behörden nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua berichteten. Damit werden deutlich mehr Feuerwehrleute vermisst als ursprünglich eingeräumt.

Die Retter waren am späten Mittwochabend zu einem Feuer in dem Gefahrgutlager geeilt und waren gerade bei ersten Löscharbeiten, als sich die massiven Explosionen von Chemikalien ereigneten. Ihnen war nicht bekannt, welche Gefahrgüter dort lagerten. Auch setzten sie Wasser ein, was bei Chemikalien wie dem unter anderem dort gelagerten hochgiftigen Natriumcyanid explosive Reaktionen auslösen kann.

Der Tod von mehr als 20 Feuerwehrleuten ist bereits bestätigt. Nie zuvor in der Geschichte der Volksrepublik sind bei einem Unglück so viele Feuerwehrleute ums Leben gekommen wie in Tianjin. Die höhere Zahl von vermissten Helfern folgte auf Proteste von aufgebrachten Angehörigen, die beklagten, dass nicht alle in den Explosionen verschwundenen Helfer mitgezählt würden, weil sie nur angeheuert waren und nicht den offiziellen Status als Feuerwehrmann besaßen.

Feuerwehr nach zweiter Explosion in Tianjin im Einsatz FOTO: dpa, wh sh

Das wahre Ausmaß der Katastrophe und die Gefahren durch Schadstoffe in Luft und Wasser kommen nur langsam zutage, während die Behörden den Informationsfluss stark unter Kontrolle halten. So räumte das chinesische Militär am Sonntag erstmals ein, dass in dem am Mittwoch explodierten Gefahrgutlager "hunderte Tonnen" hochgiftiges Zyanid gelagert waren. Nach Medienberichten handelte es sich um rund 700 Tonnen Natriumcyanid. Dabei handelt es sich um ein weißliches Pulver, das bei Einatmen, Kontakt mit der Haut und Verschlucken innerhalb kurzer Zeit tödlich sein kann.

Zeitungen dürfen eigentlich nur Berichte der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua übernehmen und nicht selbst recherchieren. Die starke Zensur verstärkte den Eindruck in der besorgten Bevölkerung von Tianjin, dass die Behörden ihnen nicht die ganze Wahrheit sagen.

Schwere Explosionen erschüttern Tianjin FOTO: dpa, zeus cul

50 Webseiten wurden bestraft, weil sie angeblich "Gerüchte" oder "unbestätigte Informationen" veröffentlicht und damit Panik ausgelöst hätten. Auch wurden Webseiten bestraft, weil sie Nutzern ermöglicht hätten, "unbegründete Gerüchte" zu verbreiten. Die Internetaufsicht (CAC) warnte nach Angaben der Staatsagentur Xinhua, dass sie "Null-Toleranz" für solches Verhalten habe.

Verwirrung herrschte bei Evakuierungen der Wohngebiete nahe dem Unglücksort, wo aus der Luft nur noch ein riesiger Krater zu sehen ist.
Obwohl Polizeiwagen am Samstag über Lautsprecher zur Räumung in einem Umkreis von drei Kilometer aufgerufen hatten, bestritt ein Behördenvertreter, dass eine Evakuierung angeordnet worden sei.

Aus Angst vor giftigen Gasen in der Luft und einem Wechsel der Windrichtung wurden allerdings unter anderem die Menschen in einer Notunterkunft in einer nahe gelegenen Grundschule in Sicherheit gebracht. Auch wurden Straßensperren eingerichtet. Konvois mit Soldaten rollten zur Verstärkung in die Stadt.

Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping rief dazu auf, "äußerst tiefgreifende Lehren" aus der Tragödie zu ziehen. Die Katastrophe in Tianjin und eine jüngste Serie schwerer Unglücke enthüllten "ernste Probleme beim Arbeitsschutz". Er forderte bessere Notfallmechanismen, eine verstärkte Umsetzung von Sicherheitsvorschriften und Inspektionen potenzieller Gefahren. Ein Verantwortlichkeitssystem müsse gewissenhaft umgesetzt werden, um eine Vernachlässigung von Pflichten zu verhindern.

Die Regierung hat zuvor landesweit Inspektionen in den Umgang mit gefährlichen Chemikalien und Explosivstoffen angeordnet. Das Unglück "enthüllt einen Mangel an Sicherheitsbewusstsein bei Unternehmen und eine lockere Umsetzung von Sicherheitsvorschriften", zitierte Xinhua aus einer Anweisung der Kommission für Sicherheit am Arbeitsplatz.

Das Ausmaß der Explosion in Bildern sehen Sie hier.

Weitere Informationen zur Explosion in Tianjin in unserem Dossier.

(dpa/afp)
 
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