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Als Liquidator in Tschernobyl
"Man riecht es nicht, man schmeckt es nicht"

Tschernobyl-Katastrophe: Dieser Ukrainer meldete sich freiwillig als Liquidator - und überlebte
Liquidatoren im Katastrophengebiet: Sergii Samotschernych (l.) mit Kollegen FOTO: Sergii Samotschernych/privat
Kiew/Düsseldorf. Vor 30 Jahren lag die Zukunft glänzend vor Sergii Samotschernych: Der junge Ukrainer sollte als Ingenieur im Kernkraftwerk Tschernobyl anfangen. Dann kam die Reaktorkatastrophe. Von einem, der sich freiwillig für einen Job in der Hölle meldete - und überlebte.   Von Vassili Golod

Es war der 27. April 1986. Sergii Samotschernych hatte gerade seine letzte Klausur an der Uni Kiew abgegeben. Er hatte sich gut vorbereitet und wusste, dass er bestehen würde. Auch die Zukunft bereits perfekt geplant: Obwohl erst Anfang 20, hatte Sergii bereits Frau und Kind und einen ersten Arbeitsvertrag in der Tasche – als Ingenieur im Kernkraftwerk Tschernobyl.

Zuhause überraschte ihn seine Frau mit der Nachricht von der Reaktorkatastrophe. "Sie selbst hat es von ihrem Vater erfahren", erinnert sich Sergii. "Er hat damals die sogenannten feindlichen Radiosender gehört, BBC zum Beispiel. Dort wurde am 27. April verkündet, dass sich in Tschernobyl ein Unfall ereignet hat. Das hat er natürlich sofort seiner Tochter mitgeteilt, weil er wusste, dass ich dort im August anfangen sollte."

"Reaktoren können nicht in die Luft gehen"

Sergii konnte und wollte das nicht glauben. "So ein Quatsch, das sind doch alles Gerüchte", entgegnete er seiner Frau. "Das kann doch gar nicht sein, bei uns in den Medien hört man ja gar nichts davon." Und tatsächlich: Die sowjetischen Medien schwiegen zunächst, die Katastrophe war in den ersten Tagen kein Thema.

Chronologie der Atomkatastrophe von Tschernobyl

Zum Thema in Kiew wurde es erst vier Tage später. "Am 30. April waren die Ausschläge an den Geräten in unserem Institut so hoch, dass man es nicht mehr länger verheimlichen konnte. Erst dann haben es alle verstanden – auch ich", sagt Sergii. Alles, woran der junge Wissenschaftler glaubte, geriet plötzlich ins Wanken. "An der Uni haben wir gelernt, dass Atomkraft maximal zuverlässig ist. Reaktoren können nicht in die Luft gehen." Die Katastrophe von Tschernobyl belehrte Sergii und Wissenschaftler aus aller Welt eines Besseren.

Liquidator in Tschernobyl

Der ukrainische Atomphysiker trat seinen neuen Job nie an. Das, was einmal sein Arbeitsplatz werden sollte, verwandelte sich von einem Tag auf den anderen in einen der gefährlichsten Orte der Welt. Sergiis geplantes Jobprofil erscheint im Nachhinein wie ein Treppenwitz der Geschichte: Zuständig wäre er für die Sicherheit und Kontrolle des Kernkraftwerks gewesen.

Stattdessen arbeitete der Naturwissenschaftler zunächst am Institut für Physik in Kiew – doch das Interesse an Tschernobyl ließ ihn nie los. Und so saß er nur ein Jahr später zusammen mit Kollegen im Bus zum Unglücksort. Am 6. August 1987, im Alter von 22 Jahren, meldete sich Sergii freiwillig, um als sogenannter Liquidator in Tschernobyl zu arbeiten – ein Tschernobylez.

30 Jahre Tschernobyl - Eindrücke aus der Sperrzone FOTO: dpa, pil

"Der berufliche Reiz war unglaublich groß, und auch die gute Bezahlung war durchaus ein Argument", erzählt der Ukrainer heute.  Angst hatte er nicht. "Ich war nicht lebensmüde und wusste genau, was auf mich zukommt." Die Organisation stimmte bis ins Detail: Mit einem Bus wurden die Forscher ins Gefahrengebiet gebracht. Sie wussten im Vorfeld, wo sie wohnen und was sie essen würden. Vor Ort gab es Spezialkleidung und genaue Anweisungen. "Ein mulmiges Gefühl hatte ich trotzdem", sagt Sergii.

"Niemand wusste, wie extrem die Ausmaße sein würden"

Er arbeitete in einem Team mit insgesamt 60 Kollegen. "Wir mussten herausfinden, wie viel Strahlung die 30 Kilometer-Zone in Form von Staub verlassen kann. Andere haben gemessen, wieviel Strahlung über Tiere transportiert wird." Sergii sammelte Proben und wertete sie aus. "Es war das erste Mal, dass sich so ein Unglück ereignete, niemand wusste genau, wie extrem die Ausmaße sein würden. Man schmeckt es nicht, man riecht es nicht, man sieht es nur auf dem Gerät. Wir haben viele Tests gemacht und waren Pioniere auf diesem Gebiet."

90 Tage verbrachte Sergii Samotschernych im Jahr 1987 in Tschernobyl. 1989 und 1990 kehrte er für jeweils sechs Monate an den Unglücksort zurück. "Einmal bin ich in einen Brunnen gestiegen und der Geigerzähler wurde sehr laut, da bin ich natürlich schnell wieder raus. Ich hatte alles unter Kontrolle." Gesundheitlich geht es ihm heute gut – viele seiner Kollegen sind dagegen gestorben. "Die schlimmsten Tage waren die ersten. Alle Liquidatoren aus der Zeit sind tot." Sergii macht eine Pause.

Zahlen und Fakten zum Super-GAU in Tschernobyl

"Wenn ich an Tschernobyl denke, dann ist das für mich auch eine persönliche Tragödie. Mein damaliger Chef, Valerij Schechowzov, ist mit 59 Jahren an Krebs gestorben. Er hat sehr gelitten." In den ersten Tagen nach dem Super-GAU sei der Mann mit einem Hubschrauber über das Gebiet geflogen. "Dabei ist ihm ein radioaktives Staubkörnchen ins Auge gekommen. Er hatte Krebs im Auge, das Auge wurde entfernt, aber der Krebs hatte sich schon ausgebreitet. Er war ein wichtiger Mensch in meinem Leben, hat mir immer sehr geholfen."

"Am besten müsste man ohne Atomkraft auskommen"

Wie steht ein Atomphysiker eigentlich zum Thema Kernkraft? "Atomkraft ergibt nur Sinn, wenn die Kraftwerke nicht hochgehen", sagt Sergii. "Die Geschichte lehrt uns, dass man das nicht garantieren kann: Es gab jetzt schon zwei Super-GAUs und viele kleinere Unfälle. Von daher müsste man am besten ohne Atomkraft auskommen." Das allerdings sei immer eine Kostenfrage. "Andere Formen der Energiegewinnung sind viel zu teuer, dass können sich nicht viele Länder leisten. Von daher müssen wir vorerst wohl oder übel damit auskommen."

Sergii Samotschernych (51) lebt heute in Kiew und arbeitet als Atomphysiker am nationalen Institut für Physik FOTO: Sergii Samotschernych
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