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Nach Anschlag auf Hotel
Tausende Urlauber verlassen Tunesien

Fotos: Nach Anschlag: Urlauber verlassen Tunesien
Fotos: Nach Anschlag: Urlauber verlassen Tunesien FOTO: dpa, moh sw
Port el Kantaoui. Nach dem Terroranschlag auf ein Strandhotel in Tunesien verlassen tausende Urlauber das Land. Nach Angaben von Reiseveranstaltern gibt es außerdem zahlreiche Umbuchungen. Bei dem Anschlag wurden am Freitag 38 Menschen getötet, darunter nach Informationen unserer Redaktion mindestens drei Deutsche.

Noch in der Nacht zum Samstag trafen hunderte Urlauber am Flughafen von Enfidha zwischen Sousse und Tunis ein, um das Land zu verlassen. Allein in der Nacht gingen 13 Flüge in Richtung Europa. Der Reisekonzern TUI erklärte, in der Nacht seien 80 Gäste nach Deutschland zurückgekehrt. Bis Sonntag würden 120 weitere Urlauber nach Deutschland heimfliegen. Die britischen Reiseanbieter Thomson und First Choice flogen am Samstag mit zehn Flugzeugen rund 2500 Urlauber heim. 

Anschlag auf Touristenhotel in Tunesien FOTO: afp, ADL/SH

Urlauber, die bei dem Reiseveranstalter TUI Tunesien gebucht haben, können ihre Reise umbuchen oder stornieren. Nach Angaben eines Unternehmenssprechers hatten von diesem Angebot bis Samstagvormittag etwa 300 Kunden Gebrauch gemacht. TUI-Chef Fritz Joussen sagte den Angehörigen der Opfer die volle Hilfe des Unternehmens zu. Der Reisekonzern schickte ein Krisenteam aus 19 speziell geschulten Experten nach Sousse, darunter Psychologen. In ganz Tunesien machen derzeit etwa 3800 Menschen Ferien mit TUI, sagte der Sprecher.

Der Reiseanbieter Thomas Cook erklärte, er biete allen Kunden die Möglichkeit, gebuchte Reisen vor dem 24. Juli umzubuchen. Der Britische Verband der Reiseanbieter wollte mit dem Außenministerium in London über das weitere Vorgehen beraten. Demnach waren zur Tatzeit rund 20.000 britische Urlauber im Rahmen organisierter Reisen in Tunesien.

Dem Land könnte nun der Einbruch des Tourismus drohen, der direkt oder indirekt 400.000 Menschen beschäftigt. Die deutsche Reisebranche allerdings steht trotz des Anschlags weiter zum Urlaubsland Tunesien. "Seit Jahrzehnten zählt Tunesien mit über 400.000 deutschen Urlaubern pro Jahr zu den beliebtesten Reiseländern in Nordafrika", sagte der Sprecher des Deutschen Reiseverbands, Torsten Schäfer, der Deutschen Presse-Agentur.

Mindestens drei deutsche Opfer

Die Mehrzahl der 38 Todesopfer stammte offenbar aus Großbritannien. Der britische Premierminister David Cameron warnte, seine Landsleute müssten sich darauf einstellen, "dass viele der Getöteten Briten waren". Laut dem tunesischen Gesundheitsministerium wurden bis Samstagvormittag unter den Toten acht Briten und eine Belgierin identifiziert

Nach Informationen unserer Redaktion sollen auch mindestens drei Deutsche getötet worden sein. Das haben tunesische Behörden gegenüber dem Auswärtigen Amt bestätigt. Ursprünglich war von mindestens vier Toten aus Deutschland die Rede gewesen. Die tunesischen Behörden sprechen in offiziellen Angaben von mindestens einem deutschen Opfer. Eine Frau aus Deutschland soll zudem verletzt worden sein. Bislang seien zehn Leichen identifiziert worden. Die Identifizierung sei schwierig, da die meisten Opfer am Strand oder am Swimmingpool in Badekleidung erschossen wurden und keine Papiere bei sich hatten.

Laut dem tunesischen Gesundheitsministerium wurden 39 Menschen verletzt. 25 der Verwundeten stammten aus Großbritannien, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums, Chokri Nafi, am Samstag der Nachrichtenagentur AP. Zudem seien unter den Verletzten sieben Tunesier, drei Belgier, ein Ukrainer, ein Russe und eine Person aus Deutschland. Ein Verletzter sei noch nicht identifiziert.

18 der Verwundeten seien noch in Behandlung, unter ihnen auch zwei in kritischem Zustand, sagte Nafi weiter. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts sagte, der Krisenstab und die Botschaft in Tunis bemühten sich "mit Hochdruck" um Aufklärung. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) wollte sich am frühen Abend zu dem Anschlag äußern. Generalbundesanwalt Harald Range hat ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes, des Mordversuchs und der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland eingeleitet.

Terrormiliz IS bekannte sich zu dem Anschlag

Am Freitag war ein Attentäter in das bei europäischen Touristen beliebte Hotel Riu Imperial Marhaba in Port el Kantaoui bei Sousse eingedrungen und hatte gezielt auf Urlauber geschossen, bevor er selbst getötet wurde. Die Islamistenmiliz Islamischer Staat (IS) bekannte sich im Kurzmitteilungsdienst Twitter zu dem Anschlag. Ein "Soldat des Kalifats" sei in das Hotel eingedrungen, hieß es. Bei den von ihm getöteten Menschen handele es sich "zum Großteil um Angehörige von Staaten, die gegen den IS kämpfen". Der Anschlag ist ein weiterer schwerer Schlag für Tunesien, nachdem Mitte März zwei Männer bei einem Angriff auf das Bardo-Nationalmuseum in Tunis 21 Touristen und einen Polizisten getötet hatten.

Tunesiens Ministerpräsident Habib Essid ordnete an, die Präsenz der Sicherheitskräfte an "sensiblen Orten" zu verstärken. Vom 1. Juli an würden "entlang der ganzen Küste und in Hotels" bewaffnete Sicherheitskräfte postiert. Er kündigte zudem die Schließung von 80 Moscheen an, in denen Gläubige "zum Terrorismus angestachelt" wurden.

(AFP/dpa/ap)
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