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Mindestens 37 Menschen sterben
Terror im Urlaubsort – der Anschlag in Tunesien

Anschlag auf Touristenhotel in Tunesien
Anschlag auf Touristenhotel in Tunesien FOTO: afp, ADL/SH
Tunis. Die meisten Touristen lagen am Pool oder am Strand. Im Hotel "Imperial Marhaba" herrschte eine entspannte Atmosphäre. Dann beginnt das Grauen. Ein junger Mann schießt um sich. Er kann Dutzende von Urlaubern töten, bevor Sicherheitskräfte vor Ort sind.

Gary Pine (47) liegt mit seiner Frau am Strand des "El Mouradi Palm Marina". Die Stimmung in dem tunesischen Strandhotel, das neben dem "Imperial Marhaba Hotel" liegt, ist so friedlich, dass Pine, als er in etwa 100 Metern Entfernung die ersten Schüsse hört, erst glaubt, Urlauber hätten Feuerwerkskörper gezündet. Dann bricht Panik aus.

Dutzende von Urlaubern rennen vom Strand ins Hotel. "Mein 22 Jahre alter Sohn war noch im Wasser, meine Frau und ich riefen ihm zu, er solle schnell das Meer verlassen und mit uns ins Hotelgebäude kommen", erzählt Pine später. "Als mein Sohn schließlich bei uns war, sagte er, er habe gerade mitangesehen, wie ein Mensch auf dem Strand erschossen wurde."

Hintergrund: Attentate erschüttern Tunesien immer wieder

Als die Sicherheitskräfte im Nachbarhotel eintreffen, wo der junge Terrorist einen Urlauber nach dem anderen erschießt, flüchten sich auch mehrere Touristen aus Deutschland in Pines Hotel. Sie rufen auf Deutsch: "Polizei, Polizei!"

Ein Ehepaar aus Bayern war erst 20 Minuten zuvor im tunesischen Mittelmeerbadeort Port el-Kantaoui angekommen, da fielen die ersten Schüsse. "Der Mann hielt die Waffe am Bein und gab immer wieder ganz gezielt einzelnen Schüsse ab", sagte der etwa 50-Jährige Tourist, der seinen Namen nicht nennen wollte. Der schwarz gekleidete Attentäter tötete zunächst Menschen am Strand und am Pool und ging dann weiter in die Hotelhalle, wie mehrere Augenzeugen berichtete.

"Er ging den Flüchtenden hinterher und erschoss einen, der sich hinter einer großen Vase versteckt hatte", erzählt der deutsche Urlauber, der die schrecklichen Szenen gemeinsam mit seiner Frau von einer Galerie im ersten Stockwerk aus beobachtete. Der Täter – ein tunesischer Student mit schwarzem Haar und ohne Bart – sei ganz ruhig geblieben. "Er ist nicht gerannt und hat nicht geschrien." Nach etwa einer halben Stunde sei alles vorbei gewesen. "Wir haben noch einen Briten mit Bauchschuss erstversorgt", sagt der Deutsche. "Was aus ihm geworden ist, wissen wir nicht. Aber den Blutgeruch habe ich noch in der Nase."

Ängstlich und unsicher stehen die Touristen um die Rezeption herum.
Hotelmitarbeiter warnen sie davor, in die Nähe des Strandes zu gehen, wo Leichen in Badekleidung unter Sonnenschirmen aus Stroh liegen. Die Leichen der Opfer werden aus Pietätsgründen zugedeckt.

Der dünne junge Mann, der sie erschossen hat, ist ein tunesischer Student mit vollem Haar. Seine Leiche bleibt zunächst unbedeckt auf der Straße liegen.

Der Schütze sei bisher nicht mit Kontakten zu Terrorgruppen aufgefallen, melden lokale Medien. Doch das will nichts heißen. Auch viele der Tausenden von Tunesier, die sich in Syrien und im Irak der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und anderen islamistischen Gruppen angeschlossen haben, waren vor ihrer Ausreise nicht auffällig geworden. 

Für Tunesien, das Hoffnungsland des "Arabischen Frühlings" ist diese Terrorattacke ein Alptraum. Denn das nordafrikanische Land ist stark vom Tourismus abhängig. Die Zahl der jungen Arbeitslosen ist hoch. Aus ihren Reihen hat der IS schon viele Kämpfer rekrutiert.

Der tunesische Präsident, Beji Caid Essebsi, muss jetzt Handlungsfähigkeit demonstrieren. Er, der sich im Wahlkampf als Gegenmodell zum Islamismus präsentiert hatte, reagiert prompt. Kurz nachdem das Blutbad am Strand zu Ende ist, trifft er am Tatort ein.

Er sagt, er wolle den Regierungschef anweisen, über ein Verbot von Parteien nachzudenken, "die das schwarze Banner (der islamistischen Terrorgruppen)" benutzen. Damit ist die tunesische Tahrir-Partei gemeint. Vertreter der islamistischen Partei hatten kürzlich vor einer Gruppe von Anhängern die Gründung eines "islamischen Kalifats" in Nordafrika gefordert.

Im Hotel "Imperial Merhaba" versammeln sich am Abend Gäste an der Rezeption, viele haben Tränen in den Augen. Einige haben ihre Koffer gepackt und hoffen, möglichst bald abreisen zu können. An Urlaub ist in der Anlage auch nicht mehr zu denken. Auf weißen Liegestühlen nahe der Pools liegen Leichen in schwarzen Tüchern eingehüllt. Internationale Botschaftsmitarbeiter sind angereist, um die Toten zu identifizieren.

In den Glastüren der Eingangshallen sind Einschusslöcher zu sehen. An der Auffahrt liegt ein Gartenschlauch, aus dem Wasser fließt und das Blut wegschwemmt. Auch das Ehepaar aus Bayern hofft, noch einen Flug in der Nacht zu erwischen. "Den Urlaub fortzusetzen, kommt auf keinen Fall in Frage."

(dpa)
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