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Schweizerin in Ägypten
"Arabische Männer wollen sich profilieren, vor allem in einer Gruppe"

Übergriffe in Köln: "Arabische Männer wollen sich profilieren"
Ägyptische Kleinfamilie (in Kairo, Archiv): "Bewege mich hier frei und fühle mich absolut sicher" FOTO: afp, MSH/ACR
Düsseldorf/Sharm el Sheikh. Ist das Frauenbild junger muslimischer Männer ein Problem für unsere Gesellschaft? Gaby Zweng muss es wissen: Seit 17 Jahren lebt die Schweizerin in Ägypten. Wir haben sie gefragt, wie es ihr als blonder Frau unter Nordafrikanern ergeht - und wie sie die Mentalität ihrer Nachbarn erlebt. Von Susanne Hamann

Du hast ja sicherlich von den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln gelesen. Überrascht es dich, dass Muslime so etwas gemacht haben sollen?

Zweng Es überrascht mich nicht, dass arabisch abstammende Männer sowas tun können. Sagen wir so.

Wieso nicht?

Zweng Ich stelle hier immer wieder fest, dass Begebenheiten, die der Westen dem Islam zuschreibt, genauso bei den Christen wie bei den Muslimen passieren. Hier leben ja beide Religionen miteinander, und ich glaube, es ist eher eine Mentalitätssache, weniger eine Religionssache.

Nicht der Islam ist das Problem, sondern die arabische Kultur?

Zweng Ja.

Das würde bedeuten, arabische Muslime sind anders als südafrikanische oder asiatische?

Zweng Ja, da gibt es auf jeden Fall einen sehr großen Unterschied. Ich glaube, es liegt an der Art, wie die Menschen hier aufwachsen und was sie für ein Bild gelehrt bekommen von sich und ihren Mitmenschen. Und das ist bei beiden Religionen [bei ägyptischen Muslimen und Christen, d. Red.] gleich. Auch das Bild der Frau ist bei einem muslimischen Mann nicht anders als bei einem Christen. Ich hatte für zehn Jahre einen christlichen Partner, und jetzt habe ich einen muslimischen Partner. Ich kann also aus Erfahrung sprechen.

Und das Verhalten der beiden dir und anderen Frauen gegenüber war gleich?

Zweng Ja, beide haben das Bedürfnis, ihre Frau zu schützen und alles für das Heim und die Familie zu tun. Und beide haben das gleiche Bild von Frauen, die sich außerhalb des normalen Rahmens bewegen.

Gaby Zweng lebt seit 17 Jahren in Ägypten. FOTO: Gaby Zweng

Was heißt denn "außerhalb des normalen Rahmens"?

Zweng Den normalen gesellschaftlichen Rahmen, sprich: Wie man sich auf der Straße kleidet, oder wie man sich gegenüber anderen Leuten verhält. Hier ist es zum Beispiel nicht üblich, in Shorts und Trägertop herumzulaufen. Man hat als Frau auch keine männlichen Freunde. Und es gibt viele solche Sachen.

Heißt das, du trägst nie Shorts, ein Kleid, ein Trägertop?

Zweng Nein, ich gehe nie mit Shorts und Trägershirt auf die Straße. Ich trage normale T-Shirts und Dreiviertelhosen oder einen knielangen Rock.

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Und hast du je Angst gehabt, dich in Ägypten frei zu bewegen? Immerhin fällst du mit den blonden Haaren ja besonders auf.

Zweng Nein, ich hatte nie Angst auf der Straße. Ich bewege mich hier frei und fühle mich absolut sicher. Sicherlich gibt es Leute, die Probleme haben auf den Märkten, etwa wenn die Einheimischen den Touristen was verkaufen wollen, oder wenn sich Frauen mit Männern auf eine Beziehung einlassen. Aber ich denke, das gibt es anderswo auch.

Kannst du dir denn vorstellen, dass so etwas wie in Köln auch in Kairo passiert?

Zweng Ja, das hatten wir während der Revolution auch in Kairo auf dem Tahrir-Platz. Dort sind Frauen auf die Straße gegangen und haben protestiert. Ich glaube, so etwas passiert, dass arabische Leute sich am Leid anderer ergötzen können, und dass Männer sich profilieren wollen, vor allem in einer Gruppe.

Wie kommst du darauf, dass sich Araber speziell am Leid anderer ergötzen?

Zweng Araber lieben Videos, in denen andere Leute Unfälle haben und ihnen Missgeschicke passieren. Das finden sie lustig. Das fällt mir auf, und einigen meiner Freunde ist das auch aufgefallen.

Pleiten-Pech-und-Pannen-Videos, wie man sie auch in Deutschland kennt, oder Videos, in denen sich Menschen ernsthaft verletzen?

Zweng Das sind schon ernsthafte Videos. Wahrscheinlich kommt das davon, dass man hier einem Kind auch durch Schläge beibringt, was richtig und was falsch ist, und die Gesellschaft als solches viel schneller handgreiflich wird als bei uns. Die werden schon so aufgezogen.

Handgreiflichkeiten sind trotzdem nochmal etwas anderes als sexuelle Übergriffe, insbesondere organisiert und in einer großen Gruppe.

Zweng Natürlich, ich glaube auch, man kann sowas nicht verallgemeinern, und die Männer hier finden den Vorfall in Köln genau so schrecklich wie ich auch. Aber es gibt in jeder Gesellschaft Gruppen, die sich außerhalb des "Normalen" bewegen. Die Vorfälle auf dem Tahrir-Platz während der Revolution wurden hier ebenfalls schwer verurteilt.

Man hört immer, diese sexuellen Übergriffe aus der Gruppe seien ein Phänomen, das im arabischen Raum häufiger vorkommt. Zudem war Silvester in Köln niemand in zu knapper Kleidung unterwegs - trotzdem wurden die Frauen angegriffen. 

Zweng Also in den 17 Jahren, die ich hier bin, habe ich das nur während der Revolution erlebt und in Indien. Da waren es aber keine musliminischen Männer. Ich war in Delhi, als der Vorfall mit dem Mädchen im Bus passiert ist.

Und was ist, wenn es ein größeres Event gibt in Ägypten, Silvester oder irgendeine andere Party - dürfen Frauen dort überhaupt hingehen, oder feiern dann nur Männer?

Zweng Bei größeren Festen ist es hier üblich, dass Männer und Frauen getrennt voneinander feiern. Aber es gibt sicher auch Parties, wo beide Geschlechter miteinander feiern.

Warum wird getrennt gefeiert?

Zweng Damit sich jeder frei bewegen kann. Frauen tanzen nicht vor fremden Männern. Das gehört sich hier nicht. Aber unter Frauen ist das kein Problem.

Aber da zeigt sich doch ein deutlich anderes Frauenbild: Eine züchtige Frau tanzt nicht vor fremden Männern. Sie darf also in der Öffentlichkeit im Grunde gar nicht tanzen. Tut sie es doch, ist sie unzüchtig, also tendenziell Freiwild.

Zweng Das ist eine Mentalitätssache. Frauen tun das aber auch nicht. Nicht, weil sie es nicht dürften, sondern sie wollen das nicht. Und übrigens: Ich fühle mich hier auch nicht als Freiwild.

Wie siehst du das, dass nun so viele arabische Männer nach Deutschland kommen, wo sich Frauen so ganz anders verhalten? 

Zweng Ich glaube, die arabischen Männer werden sich schwer der westlichen Mentalität anpassen können.

Inwiefern?

Zweng Naja, es wird noch einige Mentalitätskonfikte geben. Genauso wie bei den türkischen Menschen. Die konnten sich auch nicht so schnell anpassen. Das fängt beim Kochen und Essen an und geht über die Toilettennutzung bis hin zum sozialen Umgang miteinander.

Und das Verhalten und die Kleidung der Frauen hier?

Zweng Das ist für die Männer ungewohnt, aber auch für die Frauen, die herkommen. Ich glaube, es muss ein gegenseitiges aufeinander Zugehen sein, bei dem beide Seiten versuchen, den anderen zu verstehen. Genau so, wie man den Westlern die Mentalität der Araber erklären kann. Je mehr man voneinander versteht, desto besser.


Gaby Zweng (49) lebt seit 17 Jahren in Sharm el Sheikh. Das Interview mit der Schweizerin haben wir per Facebook geführt. 

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