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Flüchtlingsunglück im Mittelmeer
Überlebender: Hunderte starben eingesperrt im Frachtraum

Fotos: Schiffe suchen nach Überlebenden im Mittelmeer
Fotos: Schiffe suchen nach Überlebenden im Mittelmeer FOTO: dpa, dc lb
Düsseldorf/Brüssel. Nach der Flüchtlingstragödie müssen die Behörden von noch mehr Toten ausgehen als bisher. Ein Überlebender berichtet von insgesamt 950 Menschen an Bord. Hunderte seien von den Schleusern unter Deck eingeschlossen worden, darunter 50 Kinder. Die EU-Politik prüft einen Krisengipfel.

Bei der vermutlich bisher schlimmsten Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer haben sich einem Überlebenden zufolge 950 Menschen auf dem gekenterten Schiff befunden. Rund 300 der Insassen seien von Schmugglern in den Laderaum des Fischerboots gesperrt worden, sagte der Mann aus Bangladesch der Staatsanwaltschaft. Rund 200 Frauen und Kinder sollen unter den Passagieren gewesen sein. 

Der Augenzeuge des Dramas vor der libyschen Küste ist einer der wenigen, die das Unglück überlebten. Derzeit wird er in einem Krankenhaus in Catania auf Sizilien behandelt. Dort erzählte er den italienischen Ermittlern, wie das Drama erlebte. Das Fischerboot soll ihm zufolge etwa 50 Kilometer von Tripolis entfernt abgelegt haben und völlig überfüllt gewesen sein. Unter Deck hätten sich die Passagiere aufgehalten, die den Preis für ein Ticket an Deck nicht aufbringen konnten.

Staatsanwalt Giovanni Salvi berichtete der Nachrichtenagentur AP, es gebe noch keine Bestätigung für die Angaben des Mannes. Bisher waren die Behörden auf Grundlage von Zeugenberichten von 700 Menschen an Bord ausgegangen. Die genaue Zahl der Menschen an Bord war auch am Montag nicht klar.

Gewissheit wird es wohl niemals geben

Die italienische Küstenwache sprach davon, dass das havarierte Schiff Platz für "Hunderte" Menschen gehabt habe. Ministerpräsident Matteo Renzi sagte, die italienischen Behörden seien in keiner Position, in der sie die Zahl der Insassen bestätigen oder überprüfen könnten. Gewissheit wird es vermutlich niemals geben. Das Meer vor Libyen am Unglücksort ist nach italienischen Angaben fünf Kilometer tief - für Taucher erst einmal unerreichbar. 

Einiges spricht dafür, dass die schlimmsten Befürchtungen zutreffen. Schleuserbanden sind in der Vergangenheit äußerst skrupellos vorgegangen. Sie stopften Menschen bis in den letzten Winkel ihrer Boote, um die größtmögliche Profitspanne zu erzielen. Dass die Boote hoffnungslos überlastet sind, Motoren versagen und die Schiffe schnell kentern können, nehmen sie dabei billigend in Kauf. UNHCR-Sprecherin Carlotta Sami sagte dem TV-Sender RAInews24, sollten sich die Annahmen bestätigen, wäre es das "schlimmste Massensterben, das jemals im Mittelmeer gesehen wurde".

Das Schiff war auf dem Weg nach Malta vor der Küste Libyens gesunken. Laut Küstenwache kenterte das Boot womöglich deshalb, weil Flüchtlinge auf eine Seite geeilt waren, als sie am Samstagabend ein unter portugiesischer Flagge fahrendes Containerschiff herannahen sahen. Die "King Jacob" war losgeschickt worden, um den Migranten zu helfen.

EU massiv unter Druck

Nach der bisher wohl schwersten Flüchtlingstragödie im Mittelmeer steht die EU unter Handlungsdruck. Anlässlich der Beratungen der EU-Außenminister über ihre Flüchtlingspolitik am Montag in Luxemburg wurden Forderungen nach einer humaneren und an den Wurzeln ansetzenden Flüchtlingspolitik laut. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte die Weltgemeinschaft am Sonntag (Ortszeit) auf, die Flüchtlingskrise gemeinsam zu schultern. EU-Ratspräsident Donald Tusk prüfte die Abhaltung eines Krisengipfels.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon teilte am späten Sonntagabend (Ortszeit) in New York mit, die jüngste Tragödie sei eine dringliche Erinnerung "an den akuten Bedarf an einer robusten Such- und Rettungskapazität im Mittelmeer". Das Gebiet sei "die tödlichste Route der Welt, die von Asylsuchende und Migranten genutzt wird".

Nach der Havarie sprach sich der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras für einen von Renzi vorgeschlagenen EU-Krisengipfel zum Thema Migration aus. Südliche EU-Länder müssten Vorschläge koordinieren, um Flüchtlingstragödien zu verhindern, sagte Tsipras. Er forderte europäische Solidarität. "Unsere Meere können nicht zu Leichendeponien werden", sagte Tsipras.

"Es ist eine Schande"

Frankreich, Spanien, Deutschland und Großbritannien forderten eine einheitliche Reaktion auf das Problem. Europa könne und müsse mehr tun, sagte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz. "Es ist eine Schande und ein Armutszeugnis, wie viele Länder vor Verantwortung wegrennen und wie wenig Geld wir für Rettungseinsätze bereitstellen."

Europa müsse mehr Schiffe und mehr Flugzeuge zur Verfügung stellen, sagte Frankreichs Präsident François Hollande dem Fernsehsender Canal. Nur mit Worten werde das Problem nicht gelöst, sagte Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy.

Die weltweit tödlichste Route

Ban rief "die internationale Gemeinschaft zu Solidarität und Lastenverteilung angesichts dieser Krise" auf. Das Mittelmeer habe sich zur "weltweit tödlichsten Route" von Flüchtlingen entwickelt, ließ der UN-Generalsekretär in New York erklären. Die Regierungen müssten nun nicht nur die Rettungseinsätze auf hoher See verbessern, sondern auch "das Asylrecht für die wachsende Zahl von Menschen sicherstellen". UN-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres forderte einen "robusten Seerettungseinsatz" und legale Einreisemöglichkeiten in der EU.

Das Unglück wirft erneut ein Schlaglicht auf die EU-Flüchtlingspolitik. Auf ihrem Weg von der afrikanischen Küste in die EU kommen jährlich tausende Flüchtlinge um. 2014 wurde die italienische Hilfsmission "Mare Nostrum" eingestellt worden. Hintergrund war ein Streit in der EU, ob solche Missionen ungewollt noch mehr Flüchtlinge zur Überfahrt ermutigen. Alleine wollte Italien die Kosten auf Dauer aber nicht tragen. 

Schulz greift die EU-Mitgliedstaaten an

Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini setzte die Flüchtlingsfrage kurzfristig auf die Tagesordnung des Außenministerrates am Montag in Luxemburg. Tusks Sprecher sagte am Sonntagabend, der EU-Ratspräsident erwäge die Abhaltung eines EU-Krisengipfels und führe dazu derzeit Gespräche mit den Staats- und Regierungschefs. Zuvor hatte bereits Italiens Regierungschef Matteo Renzi einen solchen Gipfel gefordert. Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy warnte, Europa beschädige seine Glaubwürdigkeit, wenn es solche Flüchtlingstragödien nicht verhindere.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) forderte ein grundlegendes Umsteuern bei der europäischen Flüchtlingspolitik. "Wir können nicht an dem Symptom weiter herumdoktern, sondern müssen erkennen, dass wir ein Einwanderungsgebiet sind und eine legale, geordnete Einwanderungspolitik benötigen", sagte Schulz dem "Kölner Stadt-Anzeiger" (Montagsausgabe). Er machte die EU-Mitgliedstaaten verantwortlich, dass sich hier bislang nichts bewegt habe.

Auch in Deutschland forderten zahlreiche Politiker Konsequenzen aus den wiederkehrenden Flüchtlingstragödien vor den Küsten der EU. SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Montagsausgabe): "Europa darf nicht länger die Augen verschließen vor der Gefahr, dass das Mittelmeer zum Massengrab wird." Die EU müsse nun rasch "eine maritime Rettungstruppe aufstellen".

Politiker stellen altbekannte Forderungen

Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner forderte in der "Berliner Zeitung" "endlich legale Möglichkeiten der Einwanderung nach Europa, um Menschen den oft tödlichen Seeweg zu ersparen". Außerdem müsse sich die EU stärker in den Herkunftsländern der Flüchtlinge und den Transitländern wie Libyen engagieren. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte hingegen angekündigt, den Fokus auf den Kampf gegen Schlepperbanden legen zu wollen.

Grünen-Chefin Simone Peter sagte der Funke-Mediengruppe, eine weitere Abschottung der EU wäre "zynisch" und komme "unterlassener Hilfeleistung" gleich. Linkspartei-Chef Bernd Riexinger forderte gegenüber der Funke-Mediengruppe die Abschaffung der EU-Grenzschutzagentur Frontex, ein neues EU-Seenotrettungsprogramm und eine deutliche Aufstockung der deutschen Entwicklungshilfe.

(AFP AP)
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