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Ulrich Wegener
"Die französische Polizei reagiert zu spät"

Ulrich Wegener: "Held von Mogadischu" kritisiert französische Polizei
"Jeder Bundesbürger sollte wachsam sein und verdächtige Beobachtungen sofort der Polizei melden", sagt Ulrich Wegener. FOTO: dpa
Düsseldorf. Ulrich Wegener befreite vor 38 Jahren als Kommandeur mit seinem Anti-Terror-Kommando GSG 9 Besatzung und Passagiere des entführten Lufthansa-Jets "Landshut" auf dem Flughafen der somalischen Hauptstadt. "Der Held von Mogadischu" gilt bis heute als einer der führenden Experten zur Terrorismusbekämpfung und beriet zahlreiche andere Staaten beim Aufbau von Sondereinheiten. Ein Interview. Von Helmut Michelis

Herr General, hat Sie der entsetzliche Terror in Paris überrascht?

Wegener Entsetzt war ich natürlich schon und habe großes Mitleid mit den Opfern und ihren Angehörigen. Aber nein, überrascht bin ich eigentlich nicht gewesen, im Gegenteil: Wir mussten so etwas befürchten. Schon seit Jahren gibt es Hinweise darauf, dass derartige Angriffe mit Selbstmordattentätern vorbereitet und inzwischen auch schon - wie 2008 im indischen Mumbai - umgesetzt worden sind. Die Taktik der Terroristen in Paris ist also keineswegs neu gewesen.

Gehen Sie von selbst radikalisierten Tätern in einer kleinen Gruppe aus?

Wegener Nein. Dafür war die Aktion viel zu professionell geplant und durchgeführt. Auf dem Schwarzmarkt oder über andere dunkle Kanäle an Schnellfeuerwaffen zu kommen, das ist allerdings nicht so schwer. Ein Gewehr wie die russische Kalaschnikow ist da schon für rund 400 Euro zu kaufen.

Ist eine ähnliche Terrorkatastrophe auch in Deutschland zu befürchten?

Wegener Da muss ich natürlich vorsichtig sein, ausschließen darf ich angesichts der Bedrohungslage nichts. Aber vom Ergebnis her rechne ich nicht damit. Wir haben immer den Verdacht gehabt, dass es in Frankreich nicht so läuft wie bei uns.

Was meinen Sie damit?

Wegener Der Einsatz der Spezialeinheiten erfolgt aus meiner Sicht zu spät. Das war schon bei einer Flugzeugentführung im Dezember 1994 in Marseille zu beobachten. Offenbar verfügen sie auch über keine guten Aufklärungsergebnisse.

Das ist in Deutschland tatsächlich besser geregelt?

Wegener Unsere Sicherheitskräfte, ob Bundespolizei oder Polizeien der Länder, sind darauf vorbereitet, sehr schnell zur Stelle zu sein. Vor allem wurde die Zusammenarbeit mit den Nachrichtendiensten bei uns deutlich verbessert. Das war früher nicht selbstverständlich. In diesem Kontext warne ich davor, den US-Geheimdienst NSA ständig an den Pranger zu stellen. Durch ihn konnte in Deutschland nicht nur ein schwerer Angriff verhindert werden. Denken Sie an die Festnahme der sogenannten Sauerland-Gruppe, bevor sie ihre Anschläge verüben konnte.

Gibt es trotzdem noch Verbesserungsvorschläge?

Wegener Natürlich gibt es immer etwas zu verbessern, zum Beispiel im Zusammenspiel der Spezialeinsatzkommandos der Länder untereinander und mit meiner ehemaligen GSG 9, die nicht überall sein kann und ungünstigstenfalls auch sehr weit entfernt vom Ort des Geschehens sein könnte.

Ist Sicherheit nur Sache des Staates?

Wegener Nein, Sicherheit hat mit jedem Einzelnen zu tun. Jeder Bundesbürger sollte wachsam sein und verdächtige Beobachtungen sofort der Polizei melden. Das ist sehr wichtig. Denn sie muss so schnell wie möglich reagieren können. Jede Minute zählt, wie auch Paris zeigt.

Helmut Michelis führte das Interview.

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