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Nationalheld und Kriegsverbrecher
UN-Tribunal fällt Urteil gegen Serbenführer Karadzic

UN-Tribunal fällt Urteil gegen Serbenführer Radovan Karadzic
Radovan Karadzic vor dem UN-Tribunal. FOTO: dpa, mpc ase
Den Haag . Mit Spannung schaut Europa auf das UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag: Das Gericht spricht am Donnerstag das Urteil über den ehemaligen bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic.

Der 70-Jährige wird unter anderem für das Massaker von Srebrenica im Sommer 1995 verantwortlich gemacht. Binnen weniger Tage töteten bosnisch-serbische Milizen damals etwa 8000 muslimische Männer und Jungen. Das Massaker gilt als das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, UN-Gerichte stuften es als Völkermord ein.

Psychiater, Dichter, Präsident und mutmaßlicher Kriegsverbrecher - Radovan Karadzic gilt als einer der schillerndsten und zugleich brutalsten Protagonisten der Balkankriege in den 90er Jahren. Für viele Menschen auf dem Balkan steht Karadzic für die grausamsten Verbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Nationalistischen Serben in Bosnien gilt der international geächtete Vater zweier Kinder hingegen als Held. Sein Name ist vor allem mit der 43 Monate andauernden Belagerung Sarajevos in den Jahren 1992 bis 1995 verbunden. Dabei wurden nach Schätzungen etwa 10.000 Menschen getötet.

Zudem wird Karadzic für das Massaker von Srebrenica verantwortlich gemacht, bei dem im Juli 1995 etwa 8000 Muslime umgebracht wurden. Als Präsident der selbst ernannten bosnischen Serbenrepublik ordnete Karadzic internationalen Beobachtern zufolge eine brutale Kampagne "ethnischer Säuberungen" gegen die muslimische Bevölkerung an, durch die etwa eine Million Menschen vertrieben wurde. Insgesamt wurden im Bosnien-Krieg fast 100.000 Menschen getötet und 20.000 Frauen vergewaltigt.

Wie passen die Kriegsverbrechen zu einem Intellektuellen?

Mord, Vertreibung, Vergewaltigung - diese Gräueltaten passen auf den ersten Blick nicht zu dem gelernten Psychiater, der in seiner Freizeit Kindergedichte und serbische Volksmusik schrieb. Doch Gewalt und Unterdrückung ziehen sich durch die Familiengeschichte des im Juni 1945 Geborenen. Karadzics Vater kämpfte auf Seiten der Tschetniks, der serbischen Ultranationalisten, die mit den Nazis kollaborierten.

Unter der Herrschaft der Kommunisten kam der Vater in Haft, Karadzics Familie wurde lange Zeit geächtet. Im Jahr 1990 wagte Karadzic, inzwischen ein respektierter Psychiater, mit der Gründung der bosnisch-serbischen Nationalistenpartei SDS schließlich den Sprung in die Politik. Angetrieben wurde er dabei von dem Vorhaben, einen serbischen Staat zu gründen.

Das Referendum für die Unabhängigkeit Bosnien-Herzegowinas im März 1992 gab Karadzic den Anlass für seine militärische Kampagne gegen alle Nicht-Serben. Obwohl er zunächst von der jugoslawischen Armee unterstützt wurde, folgte im Jahr 1994 der Bruch mit seinem Mentor Slobodan Milosevic. Denn im Gegensatz zu dem damaligen serbischen Präsidenten lehnte Karadzic den internationalen Friedensplan von Dayton ab.

Seine Anklage vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag 1995 stellte Karadzic endgültig ins Abseits. Nachdem ihm alle öffentlichen Auftritte untersagt worden waren, gab er im Jahr 1996 die Präsidentschaft der bosnischen Serbenrepublik an seine Stellvertreterin Biljana Plavsic ab. Zunächst führte er daraufhin in der Serben-Hochburg Pale ein fast unbehelligtes Leben.

Im Jahr 1997 erklärte sich Karadzic überraschend bereit, sich der serbischen Justiz zu stellen, tauchte jedoch kurz darauf unter. Mit Unterstützung zahlreicher Anhänger konnte er sich 13 Jahre lang verstecken, die Gruppe seiner Helfer wurde mit der Zeit jedoch immer kleiner. Sogar seine Ehefrau rief ihn im Fernsehen dazu auf, sich zu stellen.

Obwohl das US-Außenministerium auf seine Ergreifung eine Belohnung von damals mehr als drei Millionen Euro aussetzte, gelang es Karadzic immer wieder, sich seiner Festnahme zu entziehen. Zahlreiche Fahndungseinsätze und Razzien in den Häusern von Verwandten verliefen erfolglos. Die frühere UN-Chefanklägerin Carla Del Ponte warf Serbien wiederholt vor, an einer Festnahme Karadzics nicht interessiert zu sein.

Erst im Juli 2008 wurde Karadzic von seinen Verfolgern in der serbischen Hauptstadt gefasst, gut ein Jahr später wurde in Den Haag der Prozess gegen ihn eröffnet. Die Anklage fordert lebenslange Haft, Karadzic bezeichnet sich als unschuldig. Noch am Mittwoch gab er sich zuversichtlich, "freigesprochen" zu werden. Sollte Karadzic am Donnerstag verurteilt werden, dürfte es erneut sowohl Jubel als auch Proteste geben.

 

(felt/AFP)
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