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Video zeigt Zerstörung
IS zerstört einzigartige Kulturgüter aus altorientalischer Zeit

Die Zerstörung assyrischer Kulturgüter durch die IS-Miliz
Die Zerstörung assyrischer Kulturgüter durch die IS-Miliz FOTO: dpa, lof
Mossul. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat im Norden des Iraks einzigartige Kulturgüter aus altorientalischer Zeit zerstört. Darunter ist eine assyrische Türhüterfigur, die mehr als 2600 Jahre alt ist. Ein Internetvideo der Extremisten zeigt, wie IS-Anhänger im Museum der Stadt Mossul und an der Grabungsstätte Ninive bedeutende Bildwerke aus der Antike zertrümmern. Experten bestätigten, dass es sich bei vielen der zerstörten Stücke um Originale handelt.

Mit einem Bauhammer gehen die Männer vor. Sie setzen am Bart des geflügelten Stiers an, zerstören die meterhohe Statue aus Stein. Mehr als zweieinhalb Jahrtausende hat die assyrische Türhüterfigur überlebt. Doch an dem rücksichtslosen Vorgehen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zerbricht sie.

Der Stier mit dem Gesicht einer Gottheit ist nur eines von etlichen bedeutenden Kunstwerken, das die Dschihadisten zerstört haben. In einem Internetvideo dokumentieren sie auch, wie sie altorientalische Antiquitäten im Museum von Mossul in einen Trümmerhaufen verwandeln. Mit einem Hammer schlagen die Extremisten auf Statuen ein, bis sie zerspringen. Auch an einer Grabungsstätte in Ninive, wo sich der Stier befand, zerstören sie Bildwerke aus der Antike.

Der Schaden ist enorm. "Das ist so, als würde jemand die Sphinx in Ägypten zerstören", sagt Markus Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin, und spricht von einer Katastrophe. Der geflügelte Stier ist laut Experten Teil des assyrischen Nergal-Tores aus dem siebten Jahrhundert vor Christus. Er gehörte zur Befestigung von Ninive, Zentrum des assyrischen Reiches.

Doch Kunstwerke der Assyrer, deren Herrschaft eineinhalb Jahrtausende überdauerte, sind dem IS ein Dorn im Auge. Manche zeigen Gottheiten und mythische Kreaturen - Zeugnisse einer anderen Religion. Die Extremisten zerstören alles, was nicht ihrer Ideologie entspricht. Sie berufen sich auf eine radikale Interpretation des Islam.

Doch die Extremisten vernichten längst nicht alle Antiquitäten. Mit manchen verdienen sie Millionen. Denn sie finanzieren sich unter anderem durch den Handel mit Kulturgütern. Die von der Terrormiliz beherrschten Gebiete im Irak und in Syrien sind zum Paradies für Plünderer geworden. Raubgräber seien dort nicht zu stoppen, sagt Edouard Planche, der Unesco-Verantwortliche für den Kampf gegen illegalen Handel von Kulturgütern.

Mit Hilfe von Mittelsmännern werden die geraubten Kunstwerke über die Grenze geschmuggelt, in den Libanon zum Beispiel oder in die Türkei. Für jedes Stück, das seinen Besitzer wechsele, erhebe der IS bis zu 20 Prozent Steuern, heißt es in einem BBC-Bericht. Die Kostbarkeiten werden aus den Nachbarländern weiterverkauft, oft nach Europa. Ein BBC-Reporter verfolgte den Weg der Antiquitäten vor kurzem nach.

Zehn Minuten habe es gedauert, bis ihm in einem Geschäft in der libanesischen Hauptstadt Beirut ein altes Mosaik angeboten worden sei, schreibt der Journalist. Die Raritäten werden für bis zu eine Million Euro direkt verkauft - oder für einen Aufschlag ins Ausland verschifft. So können ambitionierte Sammler das Risiko umgehen, mit unerlaubter Ware entdeckt zu werden. Denn Anfang des Monats haben die Vereinten Nationen den Verkauf von gestohlenen Antiquitäten aus Syrien verboten. "Wer illegalen Handel mit Antiquitäten aus Syrien betreibt, finanziert den Terror", sagt Unesco-Experte Planche.

Doch selbst wenn es den UN-Staaten gelingt, den Verkauf von Raubgut aus Syrien und dem Irak zu unterbinden, ist das Kulturerbe längst noch nicht geschützt. Denn die Terroristen plündern, was sie wollen. Im Bürgerkriegsland Syrien etwa sind die Kulturgüter schutzlos. "Wachleute arbeiten nicht mehr, weil sie nicht mehr bezahlt werden", sagt Planche.

Allein in Syrien wurden einem Bericht der Vereinten Nationen zufolge seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 fast 300 historische Stätten beschädigt. Auch Bomben und Granaten haben viele Orte zerstört. Die berühmte Kreuzritterburg Krak de Chevaliers und die Altstadt von Aleppo zählen zu den Orten, die kaum mehr wiederzuerkennen sind.

(dpa)