Strauss-Kahn in Einzelhaft: Unter Gewaltverbrechern
VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 17.05.2011 - 15:09Düsseldorf (RPO). IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn liebte den Luxus und die Frauen. Wegen des Verdachts auf Vergewaltigung sitzt der Franzose nun auf Rikers Island ein, einem der berüchtigsten Gefängnisse der USA. Dort sind 14.000 Häftlinge untergebracht, einige wegen Gewaltverbrechen. Zu seiner eigenen Sicherheit ist Strauss-Kahn in Einzelhaft. Seine Zelle ist 3,5 mal vier Meter groß. Einem Medienbericht zufolge hat Strauss-Kahn mittlerweile "einvernehmlichen Sex" eingeräumt.
Strauss-Kahn wird sich in seinen Lebensgewohnheiten umstellen müssen. Bislang fröhnte er dem Luxus, in Frankreich trug der angehende Präsidentschaftskandidat den Ruf des Kaviar-Sozialisten. Bis zu seiner Verhaftung am Samstag. Weil er versucht haben soll, ein Zimmermädchen zu vergewaltigen, muss er sich nun vor Gericht verantworten.
Die Zeit bis zum nächsten Verhandlungstag am Freitag muss er auf Rikers Island verbringen. Selbst eine Kaution in Höhe von einer Million US-Dollar konnte die Haftrichterin nicht erweichen. Sie befürchtete, Strauss-Kahn könnte versuchen, sich abzusetzen.
Vor seiner Festnahme residierte der 62-jährige Strauss-Kahn dem eine schon pathologische Schwäche für Frauen nachgesagt wird, im Sofitel, einem Hotel nahe des New Yorker Times Square, die Suite für 3000 Dollar die Nacht. Der Kontrast zu den Bedingungen in der U-Haft könnte größer kaum sein. Seine Zelle ist 3,5 Meter mal 4 Meter groß. Sie verfügt über die Basis-Ausstattung. Bett, eine Trinktasse, Seife, Shampoo, Zahnpasta. Zum Mittagessen gibt es nach Informationen der Daily Mail am Dienstag ein vegetarisches Chili, grüne Bohnen, einen Salat mit Möhren und Sellerie.
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Das "neue Alcatraz"
Zu seiner eigenen Sicherheit ist er in einer Einzelzelle untergebracht. Auch in den USA haben Sexualstraftäter oder die, die dafür gehalten werden, einen schweren Stand. Wenn es sich um einen Prominenten handelt, erst recht. Der IWF-Chef werde keinen Kontakt zu anderen Insassen haben, versicherte die Gefängnisbehörde. Wenn er Freigang hat, begleitet ihn ein Wärter.
Der Gefängnis-Komplex Rikers Island, in dem Strauss-Kahn nun ausharren muss, hat in den USA keinen guten Namen. Er gilt als das „neue Alcatraz“. In den 90er Jahren kam es zu einer Reihe von gewalttätigen Übergriffen. Wärter sollen Insassen misshandelt haben, angeblich erlitten einige Knochenbrüche, oder schwere Kopfverletzungen. Nach durchgreifenden Reformen hat sich die Lage inzwischen gebessert. Der Ruf war nachhaltig ruiniert.
Rapper, Mörder, Drogensüchtige
Der Umfang gleicht dem einer kleinen Stadt. Insgesamt 14.000 Häftlinge sind auf der Insel im East River zwischen den Stadtteilen Queens und der Bronx untergebracht. Insgesamt 7000 Vollzugsbeamte sind angestellt, außerdem noch 1500 zivil Beschäftigte. Auf dem Gelände von etwa 1,6 Quadratkilometern befinden sich neben insgesamt zehn Gefängnissen Kirchen und Krankenhäuser. Jahres-Etat: 860 Millionen Dollar.
Unter Strauss Kahns Mit-Häftlingen befinden sich New Yorker, die eines Gewaltverbrechens beschuldigt werden, Drogensüchtige, psychische Problemfälle und zahlreiche Verdächtige in Untersuchungshaft – wie auch der prominente Neuzugang aus der globalen Finanz-Elite. Vor Strauss-Kahn saßen dort schon Rapper Lil Wayne (Waffenbesitz), Lennon-Mörder Mark David Chapman oder Sid Vicious, ein Musiker der Sex Pistols, der mit drogenbenebeltem Kopf seine Freundin umbrachte.
Schwere Vorwürfe
Bis mindestens Freitag muss Strauss-Kahn auf Rikers Island warten, dann steht der nächste Gerichtstermin an. Die Vorwürfe gegen ihn wiegen schwer. Die New Yorker Ermittler legen ihm sechs Verbrechen zur Last, darunter versuchte Vergewaltigung, Freiheitsberaubung sowie ein "sexueller krimineller Akt" - im US-Strafrecht bezeichnet das erzwungenen Oral- oder Analverkehr.
Aus Gerichtsunterlagen geht hervor, dass auf die Anklagepunkte eine maximale Freiheitsstrafe von 74 Jahren und drei Monaten steht. Alleine die beiden Vorwürfe des erzwungenen Oralsex könnten jeweils 25 Jahre Gefängnis bedeuten. Wegen der mutmaßlichen versuchten Vergewaltigung droht Strauss-Kahn demnach eine Einzelstrafe von bis zu 15 Jahren. Wegen sexuellem Missbrauch ersten Grades könnten weitere sieben Jahre verhängt werden. Freiheitsberaubung und unsittliches Berühren könnte ein Gericht mit jeweils bis zu einem Jahr Haft ahnden. Schließlich drohen Strauss-Kahn noch drei Monate Gefängnis wegen sexuellen Missbrauch dritten Grades, was im US-Strafrecht einen nicht nicht einvernehmlichen "sexuellen Kontakt" ohne Gewaltanwendung beschreibt.
Die "New York Post" hat am Dienstag berichtet, dass Strauss-Kahn den Sex mit dem Zimmermädchen gestanden habe. Es sei "einvernehmlicher Sex" gewesen, das Mädchen habe "Ja" gesagt, so zitiert die "Post" einen der Anwälte des Angeklagten.
In 26 Minuten abgefertigt
Erschwerend kommt hinzu, dass die Staatsanwaltschaft bereits einen ähnlichen Fall in Strauss-Kahns Vita ausgemacht haben will. Sie prüft derzeit, ob der IWF-Chef schon einmal eine Frau angegriffen hat. "Einige Informationen beinhalten Hinweise, dass er tatsächlich schon einmal ähnlich gehandelt hat wie in dem Fall, der ihm jetzt zur Last gelegt wird", sagte ein Vertreter der Staatsanwaltschaft der "New York Times". Möglicherweise ist damit ein Vorfall aus dem Jahr 2002 gemeint, als Strauss-Kahn die Journalistin bedrängt haben soll. Die Französin hat angekündigt, doch noch eine Klage einreichen zu wollen.
Dass "DSK" angesichts solcher Verdachtsmomente kaum auf Privilegien hoffen darf, bekam Strauss-Kahn bereits bei der Verhandlung vor Haftrichterin Melissa Jackson zu spüren. Die New Yorker Behörden sind im Umgang mit Sexual-Delikten nicht eben zimperlich. Sämtliche Anträge der Verteidigung auf Haftverschonung, das Angebot einer Kaution von einer Million Dollar, das Tragen eine elektronischen Fußfessel – alles lehnte die Haftrichterin ab. Den prominenten Mann vom IWF fertigte sie in gerade einmal 26 Minuten ab. Von einem Alibi, von dem am Montag ein französischer Sender berichtet hatte, war indes nichts mehr zu hören.
Die Grand Jury befindet über die Anklage
Derzeit deutete alles daraufhin, dass das nur der Beginn eines langwierigen Verfahrens ist. Das zumindest kündigte Strauss-Kahns Anwalt Benjamin Brafman an. Der Mann weiß in der Regel wovon er spricht. Zunächst tagt erst einmal die sogenannte Grand Jury. Sie überprüft das Beweismaterial, hört Zeugen an und beschließt über eine formelle Anklage. Die 16 bis 23 Geschworenen werden entweder von den Behörden aus der Bevölkerung ausgewählt oder nach dem Zufallsprinzip bestimmt. Rechtsprofessor Randolph Jonakait von der New York Law School erklärt, dass die Jury unter Ausschluss der Öffentlichkeit und in Abwesenheit eines Richters tagt.
Die Grand Jury muss bis spätestens Donnerstag zusammentreten und über die formale Anklage Strauss-Kahns befinden, für Freitag ist bereits der erste Gerichtstermin vor dem New York Supreme Court angesetzt. Strauss-Kahn plädiert nach Angaben seiner Anwälte auf nicht schuldig. Sollte "DSK" seine Meinung doch noch ändern und sich schuldig bekennen, sieht das US-Rechtssystem für diesen Fall das sogenannte „Plea Bargaining“ vor.
Am Ende entscheiden die Geschworenen
Dabei handeln Anklage und Verteidigung ein Strafmaß aus. Im Gegenzug für sein Schuldeingeständnis erhält der Beschuldigte eine mildere Strafe. Der New Yorker Anwaltskammer zufolge werden in dem Bundesstaat rund 90 Prozent der Strafsachen auf diese Weise entschieden.
Bleibt Strauss-Kahn bei seiner Position, wird der Fall dagegen vor einem Geschworenengericht verhandelt. Die Vorbereitungen für den Strafprozess würden normalerweise zwischen drei Monaten und einem Jahr dauern, sagt Jonakait.
Anders als in Deutschland kommt dem Richter in dem Verfahren nur die Rolle eines Schiedsrichters zu, der am Ende auf der Grundlage des Urteilsspruchs der Jury das Strafmaß festsetzt. Die Hauptrollen spielen Verteidigung und Anklage, die Beweise präsentieren und Zeugen befragen. Sie versuchen, die zwölf Geschworenen von der Unschuld beziehungsweise Schuld des Angeklagten zu überzeugen. Nach den Schlussplädoyers muss die Jury ihr Urteil einstimmig fällen, sonst erklärt der Richter den Prozess für fehlerhaft und der Fall muss neu verhandelt werden.
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