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Unterwegs in Japans Städten
Erdbeben und Wolkenkratzer

Unterwegs in Japans Städten mit Helmut Michelis
FOTO: Helmut Michelis
Tokio. Ob morgens oder abends – in der japanischen Hauptstadt wimmelt es von Fußgängern. Kein Wunder, leben doch in der Metropolregion mehr als 37 Millionen Menschen. Und die japanischen Inseln sind zu rund 70 Prozent gebirgig, soll heißen: Städte und Dörfer müssen sich auf eingeschränktem Raum konzentrieren – in Tokio ergibt das ein Meer von riesigen Wolkenkratzern, die jeweils einen eigenen Kosmos darstellen. Von Helmut Michelis

In der unteren Etage befinden sich in der Regel die Restaurants. Wer mittags schnell einen Platz ergattern will, sollte vor zwölf Uhr kommen. Denn danach beginnt in den Büros die Mittagspause. Die Küchen sind indes auf den Andrang eingestellt: Binnen zwei Minuten steht das bestellte Menü auf dem Tisch, alles geht Schlag auf Schlag.

Beim nächsten Termin, es dreht sich um Nordkorea, wackelt unbehaglich die Wand: Ein kleines Erdbeben erschüttert das Gebäude, das zum Glück folgenlos bleibt. Trotzdem ist mein Gesprächspartner sichtlich angespannt. Japan ist ein durch Naturkatastrophen von der Überschwemmung bis zum Vulkanausbruch besonders gefährdetes Land. Es liegt an der geologischen Bruchzone von vier tektonischen Platten der Erdkruste, die sich mit einigen Zentimetern pro Jahr gegeneinander schieben.

So bunt ist der Alltag in Japan FOTO: Helmut Michelis

Die Dramatik der Bedrohung war mir bei einem früheren Besuch des Katastrophenschutzzentrums der Stadtverwaltung deutlich geworden. Es befindet sich im achten Stock eines Hochhauses, das aber Erdbeben bis zu einer Stärke von 7,9 auf der Richterskala trotzen könne, betonen die Verantwortlichen. Mit 70 Prozent Wahrscheinlichkeit sei in den kommenden 30 Jahren ein schweres Beben mit einem Tsunami direkt im Großraum Tokio zu erwarten. Eine Computersimulation habe ergeben, dass dann mit 5700 Toten und 160.000 Verletzten zu rechnen sei. Knapp 10.000 Menschen seien vermutlich in Aufzügen eingesperrt, 436 000 Häuser eingestürzt, und 4,4 Millionen Menschen könnten nicht mehr von ihren Arbeitsplätzen im Zentrum in ihre Wohnungen am Stadtrand zurückkehren.

Dass diese Horror-Zahlen nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigte die Katastrophe im März 2011, die Tokio quasi nur streifte: Es gab sieben Tote, allein 100.000 Menschen mussten in Notunterkünften versorgt werden, weil sie nicht mehr nach Hause fahren konnten. Es kam zu Hamsterkäufen, Lebensmittel wurden daraufhin knapp, und der Strom fiel von Zeit zu Zeit aus.

Die Japaner trainieren deshalb regelmäßig den Ernstfall, auch in den Schulen und Unternehmen. Radio- und Fernsehprogramme sind auf die Ausstrahlung von Warnmeldungen vorbereitet. Das Land ist außerdem mit einem Netz von Lautsprechern überzogen, mit denen die Bevölkerung alarmiert wird. Diesen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz will ich mir ein starkes Erdbeben in dieser Millionenstadt lieber nicht vorstellen.

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