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US-Ostküste
"Snowzilla" - Ein Blizzard, der alles lahmlegt

Blizzard an US-Ostküste: New York im Schneesturm
Blizzard an US-Ostküste: New York im Schneesturm FOTO: afp, yp/aek
Washington. Sonntagmorgen, der Morgen nach "Snowzilla". Der Blick nach draußen beruhigt ungemein. Die Straßenlaternen leuchten, es gibt also noch Strom, die Leitungen sind nicht gerissen. Was zu befürchten, womit eigentlich zu rechnen war, ist zum Glück ausgeblieben. Der Rest: halb so schlimm, egal wie dramatisch die Stimmen der Wetterreporter im Fernsehen jetzt klingen. Von Frank Herrmann

Ein Blizzard in Washington, das hat normalerweise zur Folge, dass irgendwann der Strom ausfällt. Sobald ein böiger Wind aufkommt, lässt die Last des Schnees Äste brechen und auf Leitungen stürzen. Die Stadt hat unendlich viele Bäume, während unter der Erde verlegte Stromkabel die Ausnahme sind. Damit geht mit jedem Schneesturm zwangsläufig die bange Frage einher, wie lange Telefon und Internet noch funktionieren, wann die Verbindung zur Außenwelt abreißt, wie lange aus der Heizung noch Wärme kommt. Gemessen am Worst-case-Szenario war "Snowzilla", mit typisch amerikanischer Neigung zum Superlativ angekündigt als Sturm des Jahrhunderts, also nur ein Stürmchen. 1200 Haushalte mussten am Sonntag in der Hauptstadtregion ohne Elektrizität auskommen. Eine Zahl, wie sie nach jedem leichten Sommergewitter gemeldet wird.

Dennoch ist es ein Sturm "for the record books", wie sie hier sagen. Rekordverdächtig. Ganz oben steht der Knickerbocker-Blizzard vom Januar 1922, als in Washington 66 Zentimeter Schnee gemessen wurden. Tragischerweise kamen damals 98 Menschen ums Leben, weil in einem Kino, dem Knickerbocker Theatre, das Dach einstürzte. Diesmal sind, von Freitagmittag bis Samstagnacht, um die sechzig Zentimeter gefallen. Wobei die wichtigere, die praktische Frage jenseits aller Rekordtabellen lautet, wie lange es dauert, bis sich die Stadt aus ihrer Lähmung befreit. Zwei Tage? Drei? Oder sechs?

Seit Freitagmittag fahren weder U-Bahnen noch Busse. Frühestens am Montag, orakelt die Bürgermeisterin Muriel Bowser, könne man daran denken, den Betrieb wiederaufzunehmen. Die breiten Magistralen zwischen Kapitol und Lincoln-Memorial werden zwar nach und nach geräumt, doch wann die ersten Schneepflüge in die Nebenstraßen vordringen, bleibt völlig ungewiss. Ebenso, wann sich die leeren Regale der Supermärkte wieder füllen. Cornflakes, Mineralwasser, Toastbrot, Taschenlampen, Kerzen - alles ausverkauft, seit sich die Leute gegen "Snowzilla" zu wappnen begannen. Warum sich mancher gleich mit einem Zweijahresvorrat an Haferflocken eindecke, könne er nun wirklich nicht verstehen, wunderte sich im Radiosender NPR ein Besucher aus dem nördlichen Bundesstaat Maine zu Wort und fügte mit lokalpatriotischem Stolz hinzu, dass es in Maine noch im Mai weiß vom Himmel riesele.   

Blizzard legt Osten der USA lahm FOTO: dpa, jl sh

Das Neue, Ermutigende für Washington ist, dass mit Bowser eine Frau im Chefsessel des Rathauses sitzt, die den stoischen Fatalismus ihrer Vorgänger so gar nicht zu teilen scheint. Einen Fatalismus, der einen verstehen ließ, was John F. Kennedy meinte, als er witzelte, Washington sei eine Stadt nördlichen Charmes und südlicher Effizienz. Bowser ist erst seit zwölf Monaten im Amt, und der Ton, den sie auf dem Höhepunkt des Blizzards anschlug, war erfreulich resolut. "Hey, es sind zu viele Leute auf den Straßen, sowohl im Geländewagen als auch zu Fuß. Bleiben Sie zu Hause, damit wir rasch räumen können!"

Bleibt abzuwarten, ob den Worten auch Taten folgen. Aus Erfahrung weiß man: Schneestürme können nachhaltig über die Karrieren aufstrebender Kommunalpolitiker entscheiden. Als "Snowmageddon" im Februar 2010 das öffentliche Leben der Hauptstadt für Tage lahmlegte, waren die Tage Adrian Fentys, eines jungen Hoffnungsträgers am Schreibtisch des Mayors, gezählt. Im Herbst darauf wurde Fenty nicht wiedergewählt.

Rund 85 Millionen Menschen leben im Einzugsbereich dieses Blizzards, in dem am dichtesten besiedelten, wirtschaftlich stärksten Abschnitt der amerikanischen Ostküste. Über 11.000 Flüge wurden bis Sonntag gestrichen. New York und Baltimore untersagten es privaten Autofahrern unter Androhung von Strafe, sich ans Lenkrad zu setzen. In Kentucky, North Carolina und Pennsylvania waren bei Unfällen auf vereisten Straßen mindestens acht Menschen ums Leben gekommen. In der Nähe von Baltimore erlitt ein 49 Jahre alter Mann beim Schneeschaufeln eine tödliche Herzattacke. In Leesburg in  Virginia starb ein Mittfünfziger an einem Herzinfarkt, nachdem er von dem Lebensmittelgeschäft, in dem er arbeitete, durch kniehohen Schnee nach Hause zu laufen versuchte. Der Laden gehörte zu den wenigen, die während des Sturms geöffnet hatten.

Aktuelle Bilder zeigt diese Live-Cam direkt vom Times Square.

(RPO)
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