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Verschwörungstheorien
Kaum zu glauben

Verschwörungstheorien zum 11. September 2001
Verschwörungstheorien zum 11. September 2001 FOTO: ddp
Düsseldorf. Sie sind krude, langlebig und haben in Zeiten der "Lügenpresse" Hochkonjunktur: Verschwörungstheorien. Für ihre Wortführer sind die Thesen vor allem lukrativ. Von Ludwig Krause

Das Entsetzen hält nicht lange vor. Als Flug 4U9525 in den französischen Alpen zerschellt und 150 Menschen in den Tod reißt, beginnt nach der erster Schockstarre reflexartig die Suche nach Antworten. Da werden Videos aufgenommen, Thesen aufgestellt und Theorien verknüpft. Nicht allein in den Redaktionsräumen herrscht helle Aufregung. In Blogs, Internetforen und Leserkommentaren findet sich schon Minuten nach dem Absturz vor allem ein Konsens: Nichts ist, wie es scheint – und die gesamten Medien sind Teil eines Komplotts, der verhindern soll, dass die Warheit ans Licht kommt.

Wo berechtigte Medienkritik ins Absurde abdriftet, treffen Verschwörungstheoretiker auf fruchtbaren Boden. Wurde die Maschine abgeschossen? Oder wird einfach nur versucht, die Fluglinie zu schützen? "Die wahre Ursache dieses Germanwings-Absturzes ist einfach extrem schwer zu akzeptieren", sagt Christian Rickens, Leiter des Ressorts Wirtschaft bei Spiegel Online. "Das ist die Banalität das Grauens: Weil ein Mensch krank war, mussten 150 Menschen sterben."

Blick ins Briten-Archiv: Skurrile Fälle aus den Ufo-Akten FOTO: Stiftung Neanderthal Museum

Rickens hat sich als Herausgeber des Buches "Das Glühbirnenkomplott" kritisch mit Verschwörungstheorien auseinandergesetzt. Seit Jahren beschäftigt sich der Journalist mit dem Thema – und das nicht immer freiwillig. "Bei bestimmten Artikeln steigt die Zahl der Leser-Mails und Forumsbeiträge sprunghaft an", sagt er. Schreibt man über EZB-Chef Mario Draghi, so könne man sicher sein, Beiträge über Goldman Sachs und eine große Welt-Verschwörung zu erhalten. "Berichtet man etwas Russlandkritisches, kommt sofort der Reflex, dass Journalisten alle gekauft seien. Von den USA oder Bilderbergern, die beschlossen haben, Russland zu Grunde zu richten."

Geheimbünde regieren die Welt

Die Konferenz von Bilderberg – um sie ranken sich einige der hartnäckigsten Verschwörungstheorien. Das jährliche Treffen soll der geheimen Weltregierung dienen, den Planeten drei Tage lang untereinander aufzuteilen. Teilnehmen darf natürlich nur ein ausgewählter Kreis an aktuellen und früheren Staatschefs, Vertretern aus Wirtschaft, Militär und Journalismus. Dabei existiert die Konferenz tatsächlich. Prinz Bernhard der Niederlande soll 1954 erstmals in das Hotel de Bilderberg in Oosterbeek eingeladen haben, den Name hat das Treffen bis heute behalten. Peer Steinbrück war genauso eingeladen wie Jürgen Trittin oder Christian Lindner.

Die Unglücksstelle am Tag nach dem Absturz FOTO: dpa, sh

Wo Polit-Prominenz und Wirtschaft aufeinandertreffen, da blüht die Fantasie der Verschwörungstheoretiker auf. Sie sind überzeugt: Geheimbünde und Orden lenken die Massen. Die Großfinanz, Illuminaten, "das Judentum" oder sogar Echsenmenschen haben die Fäden in der Hand. Sie bereiten eine neue Weltordnung vor, stecken hinter dem 11. September, der Ebola-Epidemie und vertuschten UFO-Landungen. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass selbst Menschen aus dem akademischen Umfeld, unsere Freunde und Bekannte, bereit sind, viele Dinge einfach glauben. Etwa, dass Journalisten von Regierungen und Geheimdiensten bezahlt werden", sagt Christian Rickens.

Verschwörungstheorien als Religionsersatz

Doch woher kommt die Bereitschaft, Verschwörungstheorien zu folgen? Eine Frage, die seit geraumer Zeit auch die Geisteswissenschaften beschäftigt. Michael Butter, Amerikanistik-Professor an der Universität Tübingen, sieht darin einen Religionsersatz. "Die moderne Form der Verschwörungstheorie kam in etwa mit der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert auf", sagte Butter in einem Interview. Während die meisten Menschen zuvor glaubten, dass ihre Geschicke komplett von Gott gelenkt wurden, wirkten viele Ereignisse plötzlich willkürlich. "Statt Gott lenken jetzt Verschwörer die Welt. Das war für viele leichter zu akzeptieren als das völlige Chaos."

Fotos: Absturz: So gefährlich ist die Bergung der Leichen FOTO: afp, ACP/tsc

Journalist Christian Rickens sieht das ähnlich. "Der Mensch ist nunmal sehr fehlbar. Da kann es helfen, kollektives Versagen auf eine Handvoll Schattenmänner zu schieben."

Besonders gut gedeihen die Verschwörungstheorien am politischen Rand. Wer die Legitimität der bestehenden Regierungsform grundsätzlich in Frage stellt, ist eben empfänglicher für Erklärungsversuche, die die Wahlen als gefälscht und das System für Scharade erklären. Dabei kommen die Vorwürfe teilweise aus dem linken und rechten Spektrum gleichzeitig, wie das Beispiel derjenigen zeigt, die den Massenmedien eine Kampagne gegen Russland vorwerfen.

Das Geschäft brummt

Für manche der Wortführer sind Verschwörungstheorien dabei vor allem eines: eine lukrative Geldquelle. Der einfache Börsenmakler Dirk Müller wurde mit dramatischen Posen auf dem Frankfurter Bankett bekannt. Fotografen nutzten "Mr. Dax", um die Situation der Finanzmärkte emotional zu bebildern. Mittlerweile stilisiert sich Müller in seinen Bestsellern als Finanzexperte, der als einer der wenigen den Durchblick behält. Seine Theorien durfte er schon in manch prominenter Talkshow ausbreiten. Ein Beispiel: Die Amerikaner haben die Griechenland-Krise absichtlich ausgelöst, um einen Keil in die EU zu treiben.

Der ehemalige FAZ-Redakteur Udo Ulfkotte hingegen hat es mit seinen Verschwörungstheorien auf den deutschen Journalismus abgesehen. "Haben auch Sie das Gefühl, häufig manipuliert und von den Medien belogen zu werden?" fragt der fettgedruckte Klappentext seines Buchs "Gekaufte Journalisten". Fast schon prophetisch geht es weiter: "Jetzt enthüllt ein Insider, was wirklich hinter den Kulissen passiert." Dass viele seiner Thesen bei einem Faktencheck zerfallen und manches einfach schlecht recherchiert wurde, hat Medienjournalist Stefan Niggemeier entlarvt. Trotzdem ist das Buch ein Bestseller, mittlerweile in der sechsten Auflage erschienen.

"In den vergangenen zwei Jahren ist in den Vordergrund gerückt, dass auch Journalisten Teil einer großen Verschwörung seien", sagt Christian Rickens. "Sowohl bei der Lügenpresse-Debatte durch Pegida als auch bei Ukraine-Krise und der kritischen Berichterstattung über Russland. Da haben wir regelmäßiges das Feedback bekommen: Ihr seid doch eh vom amerikanischen Geheimdienst gekauft."

Das Ulfkotte-Buch dient für dessen Anhänger als Ersatz-Bibel. Erschienen ist es im Kopp-Verlag, der vom ehemaligen Stuttgarter Polizisten Jochen Kopp gegründet wurde und mittlerweile 60 Mitarbeiter umfassen soll. Das Geschäft scheint gut zu laufen. Womit Kopp sein Geld verdient, wird schon beim Blick auf die Artikel-Überschriften der Verlagsseite deutlich. "Medienhetze gegen Tröglitz: War alles ganz anders?", "Wie die Grünen uns klammheimlich die Gender- und Vegan-Sklaverei unterschieben" oder "Bizarres Objekt über Oregon: Dunkler Flugkörper sendet glühende Lichtbälle aus." Wenn Esotherik und Verschwörungstheorien zum Geschäftsmodell werden.

Diskurs ist kaum möglich

Anders als in der Wissenschaft lässt sich ein Verschwörungstheoretiker mit Argumenten und Fakten nicht vom Gegenteil überzeugen. Hat sich jemand eine Theorie zurechtgelegt, ändert sie sich im Kern erst einmal nicht mehr. Im Gegenteil: Meist wird sie mit der Zeit immer verwobener, alles wird mit allem verknüpft. Das macht den medialen Umgang mit dem Thema auch so schwierig.

Beachtet man Verschwörungstheoretiker nicht, fühlen sich die Anhänger bestätigt: Die Massenmedien wollen die Wahrheit totschweigen, weil sie zu gefährlich ist. Befasst man sich doch mit ihnen, feiern sich die Verschwörungstheoretiker ebenfalls: Dann ist die Beweislage so erdrückend, dass sich selbst die "gekauften Journalisten" mit den Thesen befassen müssen. "Im direkten Diskurs ist die kritische Auseinandersetzung mit Verschwörungstheoretikern kaum möglich", sagt Christian Rickens. So wäre es für Ulfkotte scheinbar eine regelrechte Auszeichnung, verklagt zu werden.

Doch auch abseits der leidenschaftlichen Verschwörungstheoretiker scheint das allgemeine Misstrauen gegenüber den Medien zu wachsen. Diese könnten aber dagegenhalten, wie der Journalist meint: Mit transparenter Recherche und der Stärkung von Medienkompetenz. "Manche Leser können eine Reportage nicht von einem Kommentar unterscheiden. Das führt zu Missverständnissen."

Beerdigen kann man die kruden Theorien damit leider nicht. Wer an die Existenz dunkler Mächte glauben möchte, wird kaum davon abzubringen sein.

Wenn aus Witz Wahrheit wird

Dass manches auch einfach mit Humor zu nehmen ist, zeigt das Beispiel der Filmstudenten Johannes Kümmel und Max Penk. Sie setzten die Verschwörungstheorie in die Welt, Porsche habe Karl Dall beauftragt, den Ruf des Opel Manta mit einschlägigen Witzen zu ruinieren. Obwohl das einzige Ziel des Projekts war, ein virales Video zu kreieren, hält sich in Manta-Foren bis heute immer noch die Behauptung, das Kultauto sei einem Komplott zum Opfer gefallen. 

In diesem Sinne: Woran erkennt man einen Mantafahrer im Schwimmbad? An dem Fuchsschwanz am Schnorchel.

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