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Hurrikan 'Matthew"
Ganze Regionen von Haiti sind unzugänglich

Verzweifelte Lage in Haiti wegen Hurrikan "Matthew"
In der von "Matthew" zerstörten Ortschaft Cavaillon holt ein Mann Wasser aus einem Brunnen. FOTO: rtr, AMC/YH
Les Cayes. Hurrikan "Matthew" sorgt auf der Karibikinsel Haiti für Chaos: Etwa 300 Menschen sind laut offiziellen Angaben allein im Süden des Landes ums Leben gekommen.

Dieser Sturm könnte die schwerste Naturkatastrophe sein, die Haiti seit dem Erdbeben von 2010 heimgesucht hat. Viele Bewohner des ärmsten Landes der nördlichen Hemisphäre verlieren auch noch das Wenige, das sie hatten. Die Zahl der Opfer steigt, sagte der aus der Region stammende Senator Hervé Fourcand am Donnerstag.

Nur langsam klart der Himmel über Haiti auf. Nur langsam wird das Ausmaß der Katastrophe offenbar, die das bitterarme Land einmal mehr ins Chaos gestürzt hat. Vermutlich sind es noch viel mehr Todesopfer als bisher bekannt, denn einige der am schwersten getroffenen Gebieten sind nach wie vor nur schwer zugänglich. Dort wo die Hilfsmannschaften schließlich hingelangen, sehen sie nur Zerstörung und bittere Not.

"Wir haben alles verloren."

Cenita Leconte und ihre Nachbarn stochern in den Trümmern herum, die einst ihre Häuser waren, um wenigstens einen Teil ihrer wenigen Habseligkeiten wiederzufinden. "Wir haben alles verloren, was wir besitzen", sagt die 75-Jährige. Aber zumindest sei sie mit dem Leben davongekommen, weil sie in letzter Minute doch der Aufforderung zur Evakuierung ihres Heimatortes Aquin nachgekommen sei. Wie sie leben dort auch die meisten ihrer Nachbarn in einfachen Verschlägen mit Blechdächern, die dem Sturm nicht einmal ansatzweise standhalten konnten.

Ganz in der Nähe, in Les Cayes, sieht es nicht besser aus. Bewohner irren ziellos durch die Hafenstadt im Südwesten des Landes, um sie gibt es nur Zerstörung. Einige tragen Matratzen oder andere Habseligkeiten durch die Straßen, die sie retten konnten, legen völlig durchnässte Kleider zum Trocknen aus und suchen vor allem nach einem: Essen und sauberem Trinkwasser.

"Das Hochwasser hat all das Essen in unserem Haus weggespült. Jetzt verhungern wir", sagt der Bauer Antoine Louis aus Léogâne. In seiner Betonhütte steht ihm das Wasser bis über die Knöchel. Zumindest ein paar Maiskolben konnte er noch für sich und seine Familie retten.

Die verheerendeste Katastrophe seit dem Erdbeben

So wie bei ihm macht sich auch bei vielen anderen Bewohnern Verzweiflung breit. "Das wenige Geld, das wir hatten, hat das Wasser geholt", klagt die Lehrerin Jardine Laguerre. Für sie ist es nicht das erste Unglück. Das Armenhaus Haiti wurde in den vergangenen Jahren von einer Reihe schwerer Naturkatastrophen heimgesucht, unter anderem von einem verheerenden Erdbeben 2010. Der UN-Sondergesandte für Haiti, Mourad Wahba, bezeichnete "Matthew" bereits als die verheerendeste Katastrophe seit dem damaligen Beben mit Hunderttausenden Toten.

Besondere Sorgen machen sich die Behörden um das Département Grand'Anse. "Es wurde extrem hart getroffen", sagt ein Sprecher des Innenministeriums. Straßen wurden weggespült, Telefonleitungen zerfetzt. Mühsam arbeiten sich die Hilfskonvois in die Gegend vor. Besseres Wetter ermöglichte am Donnerstag endlich auch Helikopten aufzusteigen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Doch das genaue Ausmaß der Zerstörung ist auch so noch nicht abzusehen.

Internationale Hilfsorganisationen rufen bereits zu Spenden für das ärmste Land der nördlichen Hemisphäre auf. Internationale Helfer und Militäreinheiten mit Helikoptern sollen Essen, Medikamente und Wasser in die Katastrophenregionen bringen. Nach Schätzungen der Regierung sind mindestens 350.000 Menschen auf irgendeine Art der Hilfe angewiesen. In einigen Orten wie Les Cayes versuchen Bewohner sich dennoch nicht unterkriegen zu lassen. Sie räumen abgedeckte Blechdächer und andere Trümmer beiseite und beginnen mit dem Wiederaufbau. Wieder einmal.

(rent/jj/ap)
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