Sechs Schweinegrippe-Fälle in Deutschland: Vorsichtige Entwarnung trotz steigender Krankenzahlen
zuletzt aktualisiert: 02.05.2009 - 22:10Mexiko-Stadt/Atlanta (RPO). Bei einem Mann aus Bayern ist die zweite Mensch-zu-Mensch-Übertragung der Schweinegrippe festgestellt worden. Insgesamt meldet die WHO 715 Erkrankungen. 17 Menschen, davon 16 in Mexiko, sind bisher an der Krankheit gestorben. Einen neuen Verdachtsfall gibt es zudem in Köln. Trotz weiterer Ausbreitung der Schweinegrippe haben US-Wissenschaftler eine gewisse Entwarnung gegeben.
In Deutschland gibt es den zweiten Fall einer Mensch-zu-Mensch-Infektion mit dem Schweinegrippe-Virus. Damit stieg die Zahl der bestätigten H1N1-Ansteckungen in der Bundesrepublik insgesamt auf sechs, wie der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Jörg Hacker, am Samstag in Berlin mitteilte. Zudem gebe es derzeit 30 Verdachtsfälle.
Neu bestätigt wurde die Krankheit jetzt bei einem 38-jährigen Mann aus Bayern, der im Krankenhaus von Mallersdorf (Landkreis Straubing-Bogen) im selben Zimmer wie ein infizierter 37-jähriger Mexiko-Urlauber lag. Dieser hatte auch eine 42 Jahre alte Krankenschwester angesteckt. Der Mexiko-Urlauber lag laut Hacker wegen einer anderen Erkrankung in der Klinik. Die Grippe wurde deshalb erst später diagnostiziert. Der neueste Verdachtsfall ist ein Mann aus Köln.
Vorsichtige Entwarnung
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Gesundheitsbehörden sind weltweit bislang 715 Erkrankungen an der Schweinegrippe bestätigt. Am stärksten betroffen ist Mexiko als Ursprungsland der Krankheit. Dort wurden bisher 443 Menschen angesteckt und 16 starben. In den USA wurden 170 Erkrankungen und ein Todesfall registriert. Kanada meldete 52 Ansteckungen, Spanien 15, Großbritannien 13.
Trotz der zunehmenden Zahl von Schweinegrippe-Fällen geben Experten vorsichtig Entwarnung: Das Virus stellt sich als weit weniger gefährlich heraus als der Erreger der verheerenden Spanischen Grippe von 1918. Bei den fehlenden Genen handele es sich um genau die Abschnitte, die den Auslöser der Spanischen Grippe so tödlich gemacht habe. Das neue Virus sei eine "sehr ungewöhnliche Kombination" aus menschlichen Genen und Schweinegenen, die in Nordamerika, Asien und Europa gefunden worden seien, sagte Cox weiter. Für eine genaue Einschätzung seiner potenziellen Auswirkungen sei es aber noch zu früh.
Die Spanische Grippe war eine der tödlichsten Seuchen in der Geschichte der Menschheit. Experten schätzen, dass damals 40 bis 50 Millionen Menschen starben.
Zur Situation in Deutschland sagte der Präsident des Roland Koch Instituts, Jörg Hacker: "Insgesamt verlaufen die bisherigen Infektionen in Deutschland relativ milde, ähnlich wie bei der saisonalen Influenza." Die Bundesbehörde sehe weiterhin keine allgemeine Gefährdung der Bevölkerung. 59 Prozent der Bundesbürger haben keine Angst vor einer weltweiten Ausbreitung des Virus, wie eine repräsentative Emnid-Umfrage im Auftrag der "Bild am Sonntag" ergab. Etwas Angst haben 36 Prozent und große Angst nur 4 Prozent.
Ab Sonntag wird die Schweinegrippe meldepflichtig. Das Bundesgesundheitsministerium ordnete per Rechtsverordnung an, dass Ärzte Verdachtsfälle und Erkrankungsfälle an das Gesundheitsamt melden müssen.
Krankheit lässt Mexikos Wirtschaft einbrechen
Im Kampf gegen eine weitere Ausbreitung der Grippe schloss Mexiko am Freitag für fünf Tage alle Behörden und privaten Betriebe, die keine lebenswichtigen Dienstleistungen verrichten. Als Vorsichtsmaßnahme wurden auch in den USA Dutzende weiterer Schulen geschlossen. Insgesamt ruht der Unterricht bereits in mehr als 400 Schulen in 18 US-Staaten; knapp 250.000 Schüler waren betroffen.
Nach dem ersten Schweinegrippe-Fall in China wurden Flüge aus Mexiko ausgesetzt. Das Hotel, in dem der erkrankte Tourist aus Mexiko in Hongkong abgestiegen war, wurde für sieben Tage unter Quarantäne gestellt.
Damit verursacht die Seuche in Mexiko nicht nur Angst und Schrecken, sondern auch großen wirtschaftlichen Schaden. Flugzeuge nach Mexiko-Stadt sind fast leer, der Tourismus bricht ein, und Unternehmen müssen den Betrieb einstellen. Die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung der Seuche sind drastisch. Nur dadurch könne jedoch Schlimmeres verhindert werden, erklärte der Bürgermeister von Mexiko-Stadt, Marcelo Ebrard. Ohne die Gegenmaßnahmen würde sich das Virus weiter ausbreiten. "Wenn das passiert, werden die Folgen für die Wirtschaft, die Umsätze, die Stadt und die Arbeitslosigkeit noch größer sein", sagte Ebrard.
Die mexikanische Zentralbank prognostizierte infolge der weltweiten Wirtschaftskrise einen drastischen Einbruch der Wirtschaftsleistung von bis zu 4,8 Prozent. Dabei ist die Schweinegrippe-Epidemie aber noch nicht berücksichtigt. Dadurch könnte das BIP um weitere 0,3 bis 0,5 Prozent einbrechen, sagte Finanzminister Carstens.
In der Metropole Mexiko-Stadt mit ihren rund 20 Millionen Einwohnern sind die Auswirkungen im Alltag am deutlichsten: Schulen, Museen, Kinos und andere öffentliche Einrichtungen sind bereits seit Ende vergangener Woche geschlossen, auch Restaurants dürfen keine Gäste mehr bedienen. In der Touristenhochburg Cancún auf der Halbinsel Yucatán haben die wenigen Urlauber dieser Tage reichlich Platz an den Sandstränden. "Wir schätzen, dass die Buchungen um 30 Prozent zurückgegangen sind. Und es wird noch schlimmer werden", heißt es.
Schweinegrippe auch in Asien nachgewiesen
In Hongkong wurden hunderte Gäste und Beschäftigte eines Hotels unter Quarantäne gestellt, nachdem dort bei einem Gast eine Schweinegrippe-Infektion nachgewiesen worden war. Die Behörden in der chinesischen Sonderzone reagierten angesichts der vorherigen Probleme mit der Lungenkrankheit SARS sowie mit der Vogelgrippe ganz besonders streng.
Aus Südkorea wurde am Samstag ebenfalls der erste bestätigte Fall von Schweinegrippe gemeldet. Weitere vereinzelte Infektionen wurden in Neuseeland, Israel, Italien, Österreich, der Schweiz (dort gibt es noch 23 Verdachtsfälle), Dänemark, Frankreich, den Niederlanden, Hongkong und Südkorea registriert.
Tamiflu für Entwicklungsländer
Die WHO verschickte unterdessen 2,4 Millionen Einheiten des Medikaments Tamiflu in 72 Entwicklungsländer, um diese gegen den möglichen Ausbruch einer Schweinegrippe-Pandemie zu wappnen. "Zu diesem Zeitpunkt ist es wichtig, dass alle Länder Zugang zu antiviralen Präparaten haben", sagte der zuständige WHO-Direktor Mike Ryan am Samstag in Genf.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum