Somalia: Warum der Kampf gegen die Piraten so schwierig ist
VON HELMUT MICHELIS - zuletzt aktualisiert: 11.04.2009 - 22:15Nairobi (RP). Ungeachtet des wachsenden Aufgebots von US-Kriegsschiffen in der Region entführten Piraten ein weiteres Schiff - einen unter italienischer Flagge fahrenden Schlepper mit 16 Besatzungsmitgliedern, wie die Nato bestätigte. Die US-Marine hat ihre Flotte vor Somalia verstärkt, um einen als Geisel gehaltenen Kapitän zu befreien. Eine deutsche Aktion wurde abgeblasen. Bei der Befreiung einer französischen Yacht starben drei Menschen.
Fast jeden Tag wird am Horn von Afrika ein neuer Piratenüberfall gemeldet; bis gestern waren nach Nato-Angaben 16 Schiffe in Seeräuberhand. Ein norwegischer Frachter wurde freigegeben. Die internationalen Flotten scheinen erschreckend wirkungslos im Kampf gegen die Piraterie vor Somalia zu sein.
Sechs Gründe, warum sich die Marineverbände so schwer tun:
Riesiger Seeraum Die zu überwachenden Schiffsrouten im Indischen Ozean sind von der Fläche her etwa achtmal so groß wie Deutschland. Für eine lückenlose Kontrolle wären mehr als 500 Kriegsschiffe nötig – die größte Marine der Welt, die US-Navy, verfügt maximal über halb so viele Schiffe. Als am Mittwoch der Container-Frachter "Maersk Alabama" angegriffen wurde, war das nächste Kriegsschiff rund 500 Kilometer entfernt. Schnelle Hilfe zu leisten, wird damit unmöglich: Selbst eine moderne Fregatte wie die deutsche "Sachsen" ist maximal 29 Knoten (54 km/h) schnell.
Sechs Angriffe
Die Entführung des 17500-Tonnen-Frachters „Maersk Alabama“, der Hilfsgüter der Vereinten Nationen für hungernde Somalis geladen hat, war der sechste Piratenangriff binnen fünf Tagen.
Unter anderem haben somalische Seeräuber seit einer Woche den Hamburger Frachter „Hansa Stavanger“ in ihrer Gewalt.
Lernfähige Piraten Die afrikanischen Seeräuber nutzen gekaperte größere Schiffe als Plattform für ihre Schnellboote, um weiter hinaus auf See zu fahren. Sie besitzen Satelliten-Navigationsgeräte. Sogar in 1000 Kilometer Entfernung zur Küste wurden nachts Überfälle auf Frachter gemeldet. Das überdehnt den Überwachungsbereich der insgesamt 30 Kriegsschiffe noch mehr. Zudem richten sich die Seeräuber darauf ein, dass die Marinen nach den Gesetzen ihrer Länder handeln müssen. So stellte ein US-Kreuzer zwar die Somalis, die gerade den Frachter "Bison Express" überfallen wollten. Aber als sich der Bordhubschrauber näherte, warfen die Piraten ihre Waffen ins Meer – mangels Beweisen mussten die Verdächtigen freigelassen werden.
Juristisch-politisches Wirrwarr Deutsche Behörden sind uneinig, wenn es darum geht, Piraten vor Gericht zu stellen. Rang man in anderen Fällen noch darum, ob bei einem Angriff auf ein Schiff einer deutschen Reederei mit ausländischer Besatzung und unter fremder Flagge überhaupt "deutsche Rechtsgüter berührt" seien, war das im Fall des Angriffs auf den Bundeswehr-Tanker "Spessart" eindeutig. So erließ das Amtsgericht in Kiel Haftbefehl gegen die Piraten; 40 Polizisten standen in Köln bereit, um sie mit einem Bundeswehr-Flugzeug abzuholen. Auf höhere Weisung wurden die sieben Seeräuber dann aber doch an kenianische Behörden übergeben. Der Verband Deutscher Reeder fordert die Einrichtung eines internationalen Seegerichtshofs für Piraterie. Er solle als eigenständiges Gericht gegründet oder beim Internationalen Seegerichtshof in Hamburg angesiedelt werden.
Lage in Somalia In dem ostafrikanischen Land gibt es nach langen Kämpfen keine funktionierende Staatsordnung mehr. Die amtlichen Stellen in der "autonomen Provinz Puntland" am Horn von Afrika, die sich vom übrigen Somalia abgespalten hat, gelten als heimliche Unterstützer der Piraten. Mehrere einflussreiche Familienclans führen die Gruppen der auf 1000 Männer geschätzten Seeräuber. Es handelt sich meist um Fischer, die wegen der leergefischten Küstengewässer arbeitslos sind.
Leichtsinnige Seefahrer Trotz der Gefahr verzichten manche Reedereien auf Geleitschutz, damit es schneller geht. Kreuzfahrtschiffe wagen sich nach wie vor in die gefährliche Region, sogar private Yachten kreuzen leichtsinnig in den Küstengewässern. So geriet jetzt sogar ein dreijähriges Kind aus Frankreich in Piratenhand. Ein französisches Spezialkommando befreite die Yacht der Familie gestern; der Vater des Kindes und zwei Piraten starben. Lösegeld hatten die Piraten nach Angaben der französischen Regierung zurückgewiesen.
Militärisches Nebeneinander Vier verschiedene Flotten kreuzen im Indischen Ozean: die europäische Anti-Piraten-Operation "Atalanta" (mit den Fregatten "Rheinland-Pfalz" und "Emden"), die Nato-Operation "Allied Protector", die internationale Anti-Terror-Flotte 150 (mit der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern") und die US-geführte Task Force 151. Dazu kommen sechs Kriegsschiffe unter nationalem Kommando, darunter ein russisches. Eine übergeordnete Koordination ist nicht erkennbar.
Was muss geschehen?
Mehr Militärflugzeuge und -hubschrauber sind nötig. Nur sie können den Überblick sicherstellen und schnell größere Entfernungen überbrücken. Doch ist Piraterie auf See offenbar nicht wirksam zu bekämpfen. Nachdem beim Angriff auf die "Maersk Alabama" erstmals US-Seeleute kurz in Piratengewalt gerieten und der Kapitän Richard Phillips (53) noch immer Geisel der Seeräuber ist, wird ein direktes Vorgehen der USA wahrscheinlicher. Marineinfanterie befindet sich bereits auf Landungsschiffen vor der Küste. Gestern zogen die Piraten gekaperte Schiffe, darunter auch die deutsche "Hansa Stavanger", um das Rettungsboot mit Phillips zusammen, um sich besser wehren zu können. Phillips war über Bord gesprungen, um schwimmend einen US-Zerstörer zu erreichen. Die Piraten fingen ihn jedoch wieder ein. Für seine Freilassung verlangen sie zwei Millionen Dollar Lösegeld.
Geiselbefreiungsaktionen auf Schiffen, auch im Hafen, gelten als besonders schwierig: Die Spezialkommandos gelangen selbst nachts kaum unbemerkt an Bord; die vielen Decks, Gänge und Räume sind unübersichtlich. Darum hat angeblich die deutsche Elitetruppe GSG 9 darauf verzichtet, die fünf deutschen Schiffsoffiziere an Bord der "Hansa Stavanger" gewaltsam zu befreien. Laut "Spiegel Online" war bereits ein Vorkommando der Bundespolizisten nach Kenia unterwegs, als der Angriff von der Bundesregierung abgeblasen wurde.