Kein Verständnis für Armut: Warum es Obdachlose in Japan besonders schwer haben
zuletzt aktualisiert: 29.05.2007 - 10:19Osaka (RPO). Kein Dach über dem Kopf zu haben ist wohl nirgendwo auf der Welt angenehm. Doch besonders schwer haben es Obdachlose in Japan. Die Menschen dort haben wenig Verständnis für Mitbürger, die unverschuldet in Not geraten sind - sie halten Obdachlosigkeit für eine Schande.
Jeden Morgen muss Shinji Nakayama all seinen Mut zusammennehmen, um im Zentrum der japanischen Stadt Osaka Zeitungen auf der Straße zu verkaufen. Nakayama ist obdachlos. Das Blatt, dass er den Passanten entgegenhält, ist eine Obdachlosenzeitung und damit für viele Japaner immer noch eine Schande.
"Die Menschen sind es nicht gewohnt zu helfen", sagt der 56-Jährige, "sie verstehen meine Lage nicht". Wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand sind für viele Japaner eine Selbstverständlichkeit, ein Mensch ohne Zuhause gilt den meisten immer noch als Nichtstuer. Aber Nakayama muss die Obdachlosenzeitung verkaufen, um einen Schlafplatz und Nahrung zu bezahlen.
"Ich stehe jeden Morgen um 5.30 Uhr auf", berichtet der in Mütze und Schal eingewickelte Mann. "Dann fahr ich mit dem Fahrrad, um die Zeitungen abzuholen, die ich den ganzen Tag lang bis abends verkaufe." Auf diese Weise verdient er bis zu 100.000 Yen (619 Euro) im Monat. In einem Heim kann er so für ein Bett und eine Mahlzeit pro Tag bezahlen.
Seit drei Jahren hat Nakayama keine eigene Wohnung mehr. So wie ihm geht es knapp 5000 Menschen in Osaka - in ganz Japan wird die Zahl der Wohnungslosen von der Regierung mit über 18.000 angegeben.
Zeitungsverkäufer auf der Straße sind Exoten
Dennoch können die Japaner sich nur schwer an den Gedanken gewöhnen, dass Menschen ohne eigenes Verschulden in eine solche Lage kommen. Zeitungsverkauf auf der Straße ist für sie zudem einfach exotisch: "In unserer Tradition gibt es das nicht, die Japaner kennen keine fliegenden Zeitungsverkäufer", bedauert Shoji Sano, der Gründer der Obdachlosenzeitungen. "Die Leute verstehen das nicht, sie glauben, wir wären wieder irgendeine Sekte, oder dass wir Reklame-Flugblätter verteilen", erzählt er.
Nach dem britischen Vorbild gab er seiner Zeitung den Titel "The Big Issue Japan" (das große Thema). Er hatte sie Zeitung 2003 auf Anregung des Herausgebers der schottischen Ausgabe von "The Big Issue", Mel Young, gegründet.
"The Big Issue" ist in Japan allerdings kein großes Thema: Vier Jahre nach ihrer Gründung steckt sie immer noch in den roten Zahlen. Die Auflage stockt bei 40.000, während die englische Version in England und Wales bis zu 122.000 mal verkauft wird. Ein Grund mag auch sein, dass die meisten Artikel Übersetzungen aus der englischen Ausgabe sind.
Keine Sponsoren
Dennoch gibt Sano die Hoffnung nicht auf - zumal nicht alle Japaner vom Wirtschaftsboom profitieren. "Viele glauben noch, Obdachlose seien Nichtstuer", räumt er ein, "aber es gibt immer mehr Leute, auch junge, die arbeitslos werden". Und mit dem Gefühl der Unsicherheit wachse auch die Solidarität.
Der Weg zu mehr Verständnis ist allerdings noch weit. So gibt es praktisch keine Sponsoren für das Blatt, da die Firmen keine Imagewerbung mit Obdachlosen betreiben wollen. Zwar verfügt Sano gegenwärtig über 120 Straßenverkäufer für "The Big Issue Japan", aber die meisten geben nach einem Monat auf. "Diese Zeitung in aller Öffentlichkeit in die Luft zu halten, das ist, als würde man sich selbst an den Pranger stellen", weiß Sano.
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