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Analyse
Warum Japan die Welt im Dunklen lässt

Satellitenfotos zeigen Unglück aus dem All
Satellitenfotos zeigen Unglück aus dem All FOTO: AP/DigitalGlobe
Tokio (RPO). Japans Regierung rückt nur scheibchenweise mit der Wahrheit über das wahre Ausmaß der nuklearen Katastrophe von Fukushima heraus. Die erste Kernschmelze wurde erst offiziell bestätigt, als Vertuschen nicht mehr möglich war. Dafür hagelt es inzwischen Kritik aus dem Ausland. Was jedoch im Land passiert, wenn alle Karten auf dem Tisch liegen, mag sich niemand ausmalen. Von C. Sieben und C. Siedentop

Am Wochenende nimmt die Informationspolitik der japanischen Behörden für einen Beobachter in sicherer Entfernung kuriose Züge an. Der Chef der Atomsicherheitsbehörde bestätigte in einer Pressekonferenz die erste Kernschmelze in Fukushima. Die Nachricht geht um die Welt. In den Tickern überschlagen sich die Eilmeldungen.

Wenige Minuten später hetzt Ministerpräsident Naoto Kan vor die Kameras und dementiert. Keine Kernschmelze. Jetzt soll Meerwasser den GAU verhindern. Keine Details. Stunden der Verwirrung. Dann kommt die nachgeschobene Erklärung aus Japan: Bei der Pressekonferenz sei es zu einer Übersetzungspanne gekommen.

Der Behördensprecher habe etwas anderes gemeint. Typisch für diese Stunden: Auf anderen Kanälen geben zeitgleich Atomexperten Interviews. Ihre Botschaft: Eine Kernschmelze ist unausweichlich. Mit höchster Wahrscheinlichkeit läuft der GAU schon seit Stunden. Auch Deutschlands Umweltminister Norbert Röttgen erklärt in Berlin: "Wir rechnen mit einer Kernschmelze".

Japans Kommunikationspolitik folgt bisher der Devise: Nachrichten so lange wie möglich klein halten, auf Zeit spielen und nicht bei offensichtlichen Lügen erwischen lassen. Massenflucht und Massenhysterie sollen unter allen Umständen vermieden werden. In der Metropolregion Tokio leben 35 Millionen Menschen. Eine Evakuierung scheint unmöglich.

Die Menschen in Japan registrieren dies. Der staatliche Sender NHK, für die meisten Japaner die seriöseste Quelle für Nachrichten, zeigt bis zu dieser Minute nicht alle Bilder aus dem geschundenen Land. "Bei NHK wird zum Beispiel nicht gezeigt, wie Rettungskräfte mit Schutzanzügen Opfer mit Geigerzählern untersuchen", berichtet Shinji Nohara unserer Redaktion.

In Zeiten von Satelliten-TV, Youtube, Twitter und Facebook erreichen die Bilder dennoch viele Millionen Japaner. Der Sender NHK selbst startete erst spät mit der Übertragung seiner Live-Sendungen im Internet. Am Freitagmorgen unserer Zeit, kurz nach dem Beben, hatte ein 14-jähriger Schüler die ersten Bilder des TV-Sender illegal als Live-Stream ins Internet gestellt.

Japans Regierung tanzt auf einem schmalen Grat. Bisher scheint die Rechnung aufzugehen. Die Bevölkerung bleibt gemessen an der Bedrohung mehrheitlich ruhig. Wann sich dies ändert, weiß heute niemand.

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