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Islamisches Regime
Was ein Atheist über sein Leben in Saudi-Arabien berichtet

Was ein Atheist über sein Leben in Saudi-Arabien berichtet
Zwei Saudi-Arabier beim Fastenbrechen nach Sonnenuntergang während des Ramadans – wer sich in Saudi-Arabien nicht an die religiösen Vorschriften hält, riskiert Ärger. FOTO: dpa
Düsseldorf. Wer sich in Saudi-Arabien vom Islam lossagen möchte, riskiert seine Freiheit und sein Leben. Der 20-jährige Hamza verrät deshalb nicht mal seiner Familie, dass er Atheist ist. Wie hält er das aus? Von Sebastian Dalkowski

Hamza heißt nicht Hamza. Es ist nur der Name, den er im Internet nutzt, wenn er etwas zugibt, was in seiner Heimat Saudi-Arabien unter Strafe steht. Hamza glaubt nicht mehr an Gott. Den Koran nennt er ein "barbarisches Buch". Auf Twitter bezeichnet er die Schöpfungsgeschichte als "a shitty Sci-Fi backstory".

Das Leben für junge Menschen in der absoluten Monarchie Saudi-Arabien ist ohnehin schwierig genug. Noch schwieriger ist es für Atheisten wie den 20-jährigen Hamza aus Riad, der Hauptstadt des Landes. Erst im Februar hat ein Gericht in Saudi-Arabien einen Mann zu zehn Jahren Haft und 2000 Peitschenschlägen verurteilt, der via Twitter die Existenz Gottes geleugnet hatte. Seit 2014 können dank eines königliches Dekrets atheistische Äußerungen als terroristische Akte gewertet werden. Jedem, der dem islamischen Glauben entsagt, droht die Todesstrafe.

Der Islam kontrolliert seinen Alltag

Gegenüber seiner Familie und seinen Freunden und erst recht in der Öffentlichkeit ist Hamza deshalb das: ein gläubiger Moslem. Um vier Uhr beginnt sein Tag. Er geht duschen, dann zum ersten Mal beten, es werden vier weitere Gebete folgen. Bis drei Uhr ist er im College, den Rest des Tages verbringt er im Internet, auf Youtube, oder mit Lesen. Draußen ist es sowieso meist viel zu warm, bis zu 55 Grad, und viel tun können junge Menschen dort wie alle anderen auch nicht. Es gibt keine Kinos, Mädchen ansprechen geht gar nicht. Die meisten Jungs gucken oder spielen Fußball, berichtet Hamza unserer Redaktion.

Der Islam, sagt er, beeinflusst seinen Alltag nicht – der Islam kontrolliert seinen Alltag. "Was auch immer man macht, der Islam hat was darüber zu sagen." Zum Beispiel ist es nach einer strengen Auslegung des Islam verboten, Musik zu hören. "Ein schöner Song ändert deine Stimmung. Und der Islam hat den Menschen diese Freude genommen." Hamza hört trotzdem Musik – es ist auch in Saudi-Arabien nicht verboten. Die Religionspolizei achtet darauf, dass sich die Bewohner an die Vorschriften halten. Sie sorgen dafür, dass die Leute ihre Geschäfte schließen, wenn zum Gebet gerufen wird. "Und wenn du zu den Gebetszeiten nicht betest, werfen sie dich für ein, zwei Tage ins Gefängnis", sagt Hamza. Kein Wunder, dass sein Bild vom Islam deshalb ein sehr negatives ist. "Was die saudische Regierung und ISIS machen, ist der wahre Islam”, sagt er.

Ihm fällt es schwer, mit der Situation zurechtzukommen. Er liest viele Bücher, über den Islam, über den Atheismus, viele Titel sind in seinem Land nicht erhältlich, also liest er sie im Internet. "Ich habe schlechte Tage und gute Tage, aber es wäre schon ziemlich ungewöhnlich, wenn ich in meiner Situation keine Selbstmordgedanken hätte", sagt er. Aber er sagt auch: Für Frauen in Saudia-Arabien ist die Situation noch viel schlimmer als für Atheisten. Sie dürften nicht Auto fahren, das Haus nicht ohne Begleitung eines männlichen Familienmitglieds verlassen. Nicht anziehen, was sie wollen.

Einst wollte er Dschihadist werden

Vielleicht begann Hamzas Unglück mit einem Fernseher. Einst war Hamza ein überzeugter Moslem Er träumte sogar davon, Dschihadist zu werden. Für den Islam zu sterben, das war das Größte für ihn. Der Islam war seine Zuflucht in einer schwierigen Kindheit.

Als sein Vater sich scheiden lässt, verschlechtert sich Hamzas Leben dramatisch. Er landet mit seiner Mutter im Haus des Onkels auf dem Land. Die nächste Stadt ist 20 Kilometer entfernt, in der Schule wird er gemobbt. In dieser Situation findet er zum Islam.

Als er 15 ist, heiraten seine Eltern erneut, er zieht zurück in die Stadt. Der Vater hat einen Fernseher. Vorher hatte Hamza ein perfektes Bild von Gott. Dann aber sieht er hungernde Kinder, Menschen, die an Krebs sterben. Er fragt sich: Warum lässt Gott das zu? Für ihn gibt es nur eine Erklärung: Es gibt keinen Gott. Und falls doch, dann will er nicht zu einem Gott beten, der dieses Leid zulässt. Plötzlich ist sein Leben leer. Während einer Autofahrt öffnet er die Tür und springt heraus, mit dem Kopf voran. Die Narbe hat er noch heute auf seiner Stirn.

Die Situation ist für ihn seitdem nicht besser geworden. Noch ein Jahr, dann ist er volljährig und darf das Land verlassen. Er würde gerne in Europa als Journalist arbeiten. "Aber welches Land würde mich aufnehmen?", sagt er.

Dass er seiner Familie gesteht, nicht mehr an Gott zu glauben, ist undenkbar. "Im besten Fall würde meine Familie mich enterben und meine Freunde würden nicht mehr mit mir reden.” Im schlechtesten Fall, so sagt er, würden sie ihn der Religionspolizei melden, die ihn dann ins Gefängnis wirft und so lange auspeitscht, bis sie beschließt, ihn hinzurichten. "Müsste ich Geld wetten, würde ich es auf die zweite Möglichkeit setzen.”

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