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Weltverfolgungsindex
Christen meistverfolgte Minderheit weltweit

Weltverfolgungsindex 2016: Christen meistverfolgte Minderheit weltweit
Christen werden heute schlimmer verfolgt als im Alten Rom, schreibt Papst Franziskus. FOTO: afp, sp
Bonn. Der neue "Weltverfolgungsindex" von Open Doors spricht eine deutliche Sprache: Christen werden weltweit immer häufiger Opfer von gewaltsamen Übergriffen. Die Zahlen der ermordeten Christen und der angegriffenen Kirchen haben sich demnach quasi verdoppelt - binnen eines Jahres.

Christen werden heute schlimmer verfolgt als im Alten Rom - so schreibt Papst Franziskus im Vorwort zu einer neuen Bibelausgabe für Jugendliche. Auf weit mehr als 100 Millionen der rund 2,3 Milliarden Christen beziffert das evangelikale Hilfswerk Open Doors die Zahl der "Verfolgten" in seinem am Mittwoch vorgestellten "Weltverfolgungsindex".

Die beiden großen Kirchen in Deutschland halten diese Zahl für nicht überprüfbar. Tragfähige niedrigere Zahlen nennen sie in ihrem eigenen "Ökumenischen Bericht zur Religionsfreiheit von Christen weltweit" aber ebensowenig wie das US-Außenministerium in seinem Jahresbericht zur Religionsfreiheit.

Fast drei Viertel der Weltbevölkerung leben nach Angaben des US-Forschungsinstituts Pew Research Center in Ländern mit religiösen Repressionen; 2011 waren es demnach erst 50 Prozent. In fünf der sieben bevölkerungsreichsten Länder der Welt mit insgesamt 3,3 Milliarden Einwohnern werden Christen auf die ein oder andere Art wegen ihres Glaubens verfolgt: in China, Indien, Indonesien, Pakistan und Nigeria.

Der weitaus größte Teil von Ländern mit massiver Christenverfolgung hat eine muslimische Bevölkerungsmehrheit. Dazu kommen einige kommunistische, kommunistisch verbrämte oder sonstige Diktaturen in Asien sowie eine stark zunehmende Zahl von Konfliktstaaten in Afrika - wo zudem islamistischer Terror deutlich auf dem Vormarsch ist.

Der mit Abstand wichtigste Beweggrund für Christenverfolgung ist islamischer Extremismus, sei es als Fundamentalismus (Verweigerung von Religionsfreiheit etc.) oder in Form von Gewalt und Terrorismus (IS, Al-Kaida, Taliban, Al-Shabaab, Boko Haram). Zweiter Hauptgrund sind verschiedene Formen von Despotismus, etwa im kommunistischen Nordkorea, in Vietnam oder China.

Eine exakte Definition von Verfolgung ist äußerst schwierig, gibt es doch die unterschiedlichsten Spielarten und Empfindungen von Verfolgung und Verfolgtsein. Am augenfälligsten ist Gewalt: Hinrichtung, Ermordung, Versklavung. Andere, durchaus wirksame, sind behördlicher oder sozialer Druck, Konversions- und Blasphemiegesetze, Ungleichheit vor dem Gesetz, Drohungen, politische oder berufliche Benachteiligung, Diskriminierung sowie die Beschränkung der Kultusfreiheit.

Eine weitere staatliche Praxis sind Gewährenlassen und Straffreiheit, zum Beispiel bei spontanen oder organisierten Mobs (Indien) oder auch in von Drogenkriminalität geplagten Ländern Südamerikas wie Kolumbien oder Mexiko, wo engagierte Christen den Drogenbaronen moralisch im Weg sind.

Am einfachsten zu bewerkstelligen scheint Christenverfolgung dort zu sein, wo staatliche Strukturen äußerst schwach (Somalia, Afghanistan, Irak) oder besonders stark ausgebildet sind (Nordkorea, Saudi-Arabien). Im konfliktfreien, aber stark regulierten Singapur gibt es eine staatlich verordnete Religionsfreiheit; Abwerbung ist streng untersagt. Die einzige Gruppe, die zuwiderhandelt und den durch staatlichen Druck erzwungenen religiösen Frieden stört, sind (evangelikale) Christen.

Sehr schwierig ist die Abgrenzung bei blutigen Konflikten, die entlang ethnisch-religiöser Linien verlaufen, so etwa in der Zentralafrikanischen Republik, in Zentralnigeria oder in den Grenzzonen zwischen Sudan und Südsudan. Im ersten Fall geht es um soziale Hoffnungslosigkeit, im zweiten um Herden und Land, im dritten um Öl.

Ein Gegenbeispiel: In Burundi droht ein neuer Völkermord zwischen zwei christlichen Ethnien. Niemand würde aber dort von Christenverfolgung sprechen. Robert Mugabe in Simbabwe oder die Chavisten in Venezuela lassen ihr Volk verelenden; Christen hungern oder werden eingesperrt - Christenverfolgung?

Ein in den gängigen Statistiken nicht beachteter, weil nicht messbarer Faktor ist die mittelbare Christenverfolgung. Hier dürfte der westliche Bündnispartner Saudi-Arabien weltweit an der Spitze liegen. Mit Milliarden Dollars haben die Saudis unzählige symbolträchtige Moscheen finanziert und damit das interreligiöse Klima in moderat muslimischen Ländern wie dem Kosovo vergiftet. Und woher kommen Waffen und Material des IS? Konsequent zu Ende gedacht, würde das allerdings auch deutsche, französische und US-amerikanische Rüstungsexporteure zu mittelbaren Christenverfolgern machen.

(KNA)
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