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Gesundheitliche Fragen und Antworten
Wie gefährlich ist radioaktive Strahlung?

Tag 4 nach der Katastrophe in Japan
Tag 4 nach der Katastrophe in Japan FOTO: AFP
Düsseldorf (RPO/RP). Die aus dem beschädigten Atomkraftwerk Fukushima 1 in Japan austretende Radioaktivität hat nach Regierungsangaben ein "gesundheitsgefährdendes" Maß erreicht. In einer Fernsehansprache rief Kan die Bevölkerung im Umkreis von 30 Kilometern auf, in ihren Häusern zu bleiben. Wie wirkt die radioaktive Strahlung auf den Menschen? Von Jörg Zittlau und Rosa Moya

Die Lage um das japanische Atomkraftwerk Fukushima 1 spitzt sich zu. Die Strahlenwerte um das Atomkraftwerk haben nun ein Niveau erreicht, der die Gesundheit schaden könnte. Doch ab wann werden Strahlen gefährlich?

Hohe Dosen radioaktiver Strahlung können ganz unterschiedliche gesundheitliche Probleme zur Folge haben. Dabei kommt es auch darauf an, über welchen Zeitraum hinweg der menschliche Körper der Strahlung ausgesetzt ist: Wird innerhalb kurzer Zeit eine Dosis aufgenommen, die viele Zellen schädigt, kann der Organismus dies weniger gut kompensieren als wenn die gleiche Dosis über einen längeren Zeitraum hinweg absorbiert wird. Wichtige Fragen und Antworten zu den Gefahren von Radioaktivität.

Warum sind radioaktive Substanzen so gefährlich?

Radioaktive Materie sendet ionisierende Strahlen aus, die in hoher Dosis eine große Hitze erzeugen, die unmittelbar zu schweren Entzündungen und Verbrennungen führen kann. Zu den längerfristigen Schäden gehören Erbgutdefekte in den Körperzellen. Dadurch werden entweder Zellteilungen verhindert, so dass die Organe ihre Regenerationsfähigkeit verlieren. Oder aber es finden noch Zellteilungen statt, doch dabei wird beschädigtes Erbgut weitergegeben. In diesem Falle können Krebsgeschwüre oder schwere Missbildungen in der Schwangerschaft die Folge sein.

Sind wir im Alltag radioaktiver Strahlung ausgesetzt?

Durch Umwelteinflüsse und medizinische Untersuchungen ist der Mensch einer sehr geringen Strahlendosis ausgesetzt. In Deutschland liegt die natürliche Strahlenbelastung laut Umweltministerium bei 2400 Mikrosievert pro Jahr. Eine Röntgenaufnahme läge bei 100 bis 1000 Mikrosievert, die Belastung bei einem Nordatlantikflug bei rund 100 Mikrosievert. Der Grenzwert zum Schutz der Bevölkerung liegt in Deutschland bei ein Millisievert (also 1000 Mikrosievert) im Jahr. Bei Menschen die beruflich Strahlen ausgesetzt sind liegt der gesetzliche Grenzwert in Deutschland bei 20 Millisievert pro Jahr. Zu dieser Berufsgruppe gehört beispielsweise Flugpersonal.

Welche Strahlendosen sind schädlich?

Bei einer Strahlendosis von 100 Millisievert pro Jahr sind nach Angaben des Bundesumweltamtes keine unmittelbaren Strahlenschäden zu befürchten. In Deutschland werde bei einem Atomunfall ab einer erwarteten Strahlendosis von 10 Millisievert empfohlen, sich in Gebäuden aufzuhalten. Ab 100 Millisievert werde die Umgebung evakuiert. Die Empfehlung der Internationalen Strahlenschutzkommission von 1991 liegt bei einer Strahlenaussetzung von 0,4 Sievert über die Lebenszeit. Nach Angaben der japanischen Regierung wurden am Atomkraftwerk Fukushima am Dienstag Strahlenwerte von 400 Millisievert pro Stunde gemessen. Eine Strahlenbelastung in Höhe von 350 Millisievert war bei der Tschernobyl-Katastrophe vor 25 Jahren für die Behörden Anlass, die Menschen aus den betroffenen Gegenden in Sicherheit zu bringen.

Wie zeigen sich Strahlen-Erkrankungen?

100 Millisievert gelten als gefährlicher Grenzwert: Die Wahrscheinlichkeit für einen Anstieg von Krebserkrankungen steigt, wenn der Mensch mindestens in dieser Größenordnung ein Jahr lang durch Strahlen belastet wird. Eine zusätzliche Dosis von 1000 Millisievert würde wahrscheinlich in 20 Prozent der Fälle nach vielen Jahren noch eine tödliche Krebserkrankung auslösen. Eine Einzeldosis von 1000 Millisievert führt zu einer Strahlen-Erkrankung mit Symptomen wie Übelkeit, ist aber nicht tödlich. Eine Einzeldosis von 5000 Millisievert wäre etwa in 50 Prozent der Fälle binnen einen Monats tödlich. Weitere Informationen über die Folgen eines Strahlenunfalls liefert das Bundesamt für Strahlenschutz.  

Gibt es Organe, die besonders strahlenempfindlich sind?

Haut, Spermien und Schleimhaut zeigen wegen hoher Zellaustauschrate zwar besonders schnell Strahlenschäden, doch als besonders sensibel gelten Knochenmark und Verdauungstrakt – und die Schilddrüse, weil sie viel Jod aufnimmt und Radioaktivität oft in Jodverbindungen "verpackt" ist.

Welche Langzeitfolgen kann Radioaktivität haben?

Radioaktive Strahlung kann Jahre nach der Bestrahlung Krebs auslösen. Das haben Studien an Hiroshima-Überlegen ergeben. Dabei steigt das Risiko an Krebs zu erkranken, je höher die Strahlendosis ist, der man ausgesetzt war. Neben Schilddrüsenkrebs können auch andere Tumorerkrankungen wie Leukämie auftreten. Besonders gefährdet sind Kinder. Eine weitere Folge von erhöhter radioaktiver Strahlung kann verminderte Fruchtbarkeit oder Missbildungen von Kindern sein.

Welche radioaktive Stoffe können freigesetzt werden?

Mehrere radioaktive Stoffe sind besonders gefährlich. Radioaktives Jod ist vor allem die ersten Tage nach dem Unfall gefährlich. Die Halbwertzeit ist nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz von bis zu acht Tagen. Es kann sich in der Schilddrüse absetzen und zu schwere Erkrankungen führen. Cäsium hat eine Halbwertzeit von bis zu 30 Jahren und setzt sich vor allem in Muskel- und Nervenzellen ab. Strontium und Plutonium sind weniger flüchtig und lagern sich lange Jahre vor allen an Knochen ab.

Gibt es Medikamente gegen Strahlenschäden?

Zur klassischen Medikamentierung gehören Jod-Präparate, um die Schilddrüse mit Jod zu sättigen und dadurch die Aufnahme von radioaktiven Jodverbindungen zu verhindern. Doch diese Maßnahme bringt nur dann etwas, bevor das radioaktive Jod aufgenommen wird. Am amerikanischen Roswell Park Cancer Institute in Buffalo isolierte man vor kurzem aus Bakterien einen Stoff namens CBLB 502, der vor allem das Knochenmark und den Verdauungstrakt vor Strahlungsschäden schützt. Die Substanz konnte an Ratten, die mit einer an sich tödlichen Strahlendosis behandelt worden waren, eine Überlebensquote von über 80 Prozent erzielen. Andere bisher getestete Wirkstoffe kommen bislang nur auf eine Quote von etwa 50 Prozent. CBLB 502 besitzt jedoch zurzeit noch keine Zulassung als Medikament.

Für wen ist die Einnahme von Jodtabletten notwendig?

Freigesetztes radioaktives Jod kann die Schilddrüse belasten. Nimmt man nicht-radioaktives Jod im Vorfeld ein, wird die Schilddrüse blockiert und kann praktisch kein radioaktives Jod mehr aufnehmen. Auf diese Weise kann die Strahlenbelastung wesentlich reduziert werden. Nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz werden im Falle eines Atomunfalls Jodtabletten im Umkreis von 100 Kilometern um das betroffene Kernkraftwerk verteilt. Die Entfernung zwischen Düsseldorf und Fukushima ist rund 9100 Kilometer. Mit der Ausbreitung radioaktiver Stoffe sinkt auch ihre Konzentration. Sie zerfallen. Nach Einschätzung des Bundesumweltamts gibt es derzeit "keine Veranlassung der Einnahme von Jodtabletten ausßerhalb der Evakuierungszone in Japan." Weitere Informationen über Jodtabletten finden Sie hier.

Reichert sich Radioaktivität in der Nahrungskette an?

Über Böden und Wasser gelangen radioaktive Verbindungen in die Pflanzen- und Tierwelt, doch ihre Aktivität nimmt, wie das Bundesamt für Strahlenschutz betont, sogar ab, je weiter man mit der Nahrungskette nach oben geht, weil die einzelnen Lebewesen für eine gewisse Entgiftung sorgen. Fische und Meeresfrüchte sind jedoch oft sehr stark belastet, weil im Wasser gelöst Radionuklide besonders leicht in den biologischen Kreislauf gelangen.

Welche Genuss- und Nahrungsmittel sind besonders stark strahlenbelastet?

Die Tabakpflanze besitzt eine besonders starke Affinität zum radioaktiven Isotop Polonium 210, weswegen Rauchen zu den größten Strahlenquellen im normalen Alltag gehört. Ein starker Raucher mit 20 bis 40 Zigaretten pro Tag verpasst seinen Bronchien pro Jahr die gleiche Strahlenmenge, als wenn er sich 250 Mal seine Lungen röntgen lassen würde. Zu den besonders stark belasteten Nahrungsmitteln gehören – eine Spätwirkung der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl – die Pilze, vor allem Maronenröhrlinge und Semmelstoppelpilze.

Wie gefährlich sind Lebensmittel, die zwecks Konservierung bestrahlt wurden?

Weltweit werden über 200.000 Tonnen Lebensmittel bestrahlt, meist Gewürze und Küchenkräuter. Das Ziel dieser Behandlung ist das Abtöten schädlicher Keime. Die bestrahlten Waren entwickeln zwar selbst keine Radioaktivität, doch ob sie anderweitig gesundheitsschädlich sein können, ist bisher nicht abschließend geklärt. Dafür steht fest, dass sie weniger Aroma haben, weil die Strahlen bestimmte Eiweißstrukturen verändern können.

Ist die Strahlenkrankheit übertragbar?

Die Krankheiten, die durch radioaktiver Strahlen auftreten, sind nach Angaben von Experten nicht übertragbar. Auch ist der Kontakt zu Personen die kontaminiert sind führt normalerweise nur zu einen sehr geringen Gesundheitsrisiko.

Wie gut wäre die medizinische Versorgung, wenn in Deutschland ein atomarer Unglücksfall eintreten würde?

"Die meisten Kliniken in ganz Europa wüssten bei einem Strahlenunfall nicht, was sie machen sollen", sagt Viktor Meineke vom Radiobiologie-Institut der Bundeswehr in München. Die Mediziner seien dafür einfach nicht ausgebildet.

Seit wann ist bekannt, dass radioaktive Strahlen gefährlich sind?

Bereits 1913 veröffentliche die Deutsche Röntgengesellschaft ein Merkblatt mit dem Titel "Richtlinien für den Strahlenschutz". In den 1930er Jahren wurde Medizinern zunehmend bewusst, dass etwa Radium, das sogar eine Zeit lang als therapeutisches Mittel eingesetzt wurde, gefährlich ist. Die Entdeckerin dieser Substanz, die Polin Marie Curie, starb 1934 an einer Anämie (Blutarmut), die heute als typische Folge einer überhöhten Strahlenbelastung gilt.

(RP/RPO)
 
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