Trauerfeier für die Opfer des Absturzes: Wie Polen Abschied nehmen will
VON DORIS HEIMANN - zuletzt aktualisiert: 17.04.2010 - 14:01Warschau (RP). Die Entscheidung, den bei einem Flugzeugabsturz verunglückten Präsidenten Lech Kaczynski und seine Frau Maria in der Krakauer Wawelburg beizusetzen, spaltet die Polen kurz vor der Trauerfeier: Zu viel der Ehre, sagen die einen – ein angemessenes Symbol, meinen die anderen.
Noch kreisen die Schwingschleifer und surren die Poliermaschinen in der Werkstatt von Jan Siuta. Der Krakauer Bildhauer arbeitet unter Hochdruck an dem Sarkophag für Polens Präsident Lech Kaczynski und seine Frau Maria. Ein schlichtes Design aus türkischem Alabaster, 1,70 Meter breit und 2,50 Meter lang. Allein die Deckelplatte mit dem eingravierten Kreuz wiegt 600 Kilo. Die Architektin Marta Witoslawska hat sich für Alabaster entschieden, weil es am besten zu den Wänden der Krypta in der Krakauer Wawelburg passt. Dort soll Kaczynski seine letzte Ruhe finden.
Polens Präsident war am vergangenen Samstag tödlich verunglückt, als sein Flugzeug im Landeanflug auf Smolensk abstürzte. Bei der Katastrophe kamen 96 Menschen ums Leben, darunter viele polnische Spitzenpolitiker.
Wawel als nationales Symbol Polens
Der Burgberg Wawel ist ein nationales Symbol Polens, für viele Polen gar ein mystischer Ort. Über Jahrhunderte war die Königsresidenz politisches und religiöses Zentrum eines Vielvölkerreichs. Sie blieb ein Hoffnungszeichen in der Zeit, als der polnische Staat infolge der Teilungen aufhörte zu existierten. "Der Wawel ist ein Symbol der polnischen Unabhängigkeit und des Kampfes dafür. Dort fanden auch die wichtigsten Kämpfer für die Freiheit unseres Volkes ihre letzte Ruhe", erklärt der Historiker Ryszard Terlecki. Der polnische König Jan III Sobieski ist hier begraben, der 1683 half, die Türken bei Wien zu schlagen. Aber auch Adam Mickiewicz (1798-1855), der berühmteste polnische Dichter.
Der 230 Meter hohe Wawel-Hügel über der Weichsel wurde ab dem 9. Jahrhundert bebaut. Seitdem entstanden dort – ähnlich wie im Moskauer Kreml – Kirchen, Schlösser, Befestigungsanlagen und Verwaltungsgebäude. Der Wawel ist Teil des Weltkulturerbes der Unesco, jährlich besuchen ihn viele Touristen. Auch die Krypta des Doms kann gegen Extra-Eintrittsgeld ebenfalls besichtigt werden.
Die Gruft, in der der Sarkophag für Kaczynski und seine Frau eingelassen werden soll, liegt unter dem sogenannten Silberglockenturm. Direkt daneben befindet sich die Grabstätte von Marschall Jozef Pilsudski. Der Militär, der 1920 den Angriff sowjetischer Truppen auf Polen zurückschlug – eine waghalsige Aktion, die als "Wunder an der Weichsel" in die Geschichte einging. Später putschte sich Pilsudski an die Macht – und wurde ein autoritärer, aber beliebter Landesführer. Als er 1935 starb, säumten die Massen die Straßen in Warschau und Krakau – die Bilder von heute und damals ähneln sich.
Pilsudski sollte eigentlich der Letzte sein, der im Wawel beigesetzt wurde. Doch 1993 wurden dorthin die sterblichen Überreste von Wladyslaw Sikorski umgebettet. Eine Tragik der Geschichte: Schon einmal verlor Polen einen Staatsmann durch ein Flugzeugunglück. Sikorski, Premierminister der polnischen Exilregierung im Zweiten Weltkrieg, starb 1943, als sein Flugzeug in der Nähe von Gibraltar zerschellte – höchstwahrscheinlich war Sabotage die Ursache.
Proteste gegen die Entscheidung
Nun also wird Lech Kaczynski dort beerdigt. Die Entscheidung, ihn im Wawel beizusetzen, ist in Polen umstritten. Viele finden, das sei eine Nummer zu groß für den zu Lebzeiten nicht sonderlich beliebten Präsidenten. In Krakau gab es bereits Demonstrationen, der berühmte Regisseur Andrzej Wajda schloss sich mit einem offenen Brief den Protesten an. Niemand weiß genau, wie der hastig gefasste Beschluss eigentlich zustande kam: Der Krakauer Kardinal Stanislaw Dziwisz und Kaczynskis Angehörige schieben sich gegenseitig die Verantwortung dafür zu.
In jedem Fall wird die Beisetzung an diesem Sonntag ein Riesenereignis. Polen erwartet mehr als 80 internationale Gäste. "So viele waren es nicht einmal bei Kennedy", verkündet stolz der Moderator des polnischen Senders 24. Doch es gibt eine Sorge: Wegen der Vulkanasche war der Luftraum über Polen am Freitag gesperrt. Es ist unklar, ob sich der Himmel bis zum Sonntag wieder lichtet.
Die Feier soll aber auf jeden Fall stattfinden, selbst wenn einige Gäste aus dem Ausland nicht kommen können. Dies sei der Wille der Familie, sagte der Sprecher der Präsidialkanzlei, Jacek Sasin. Die Messe in der Krakauer Marienkirche soll am Sonntag ab 14 Uhr wie geplant gehalten werden, danach werden die sterblichen Überreste des Präsidenten und seiner Frau in den Wawel überführt. Eine Änderung des Programms würde die Ehre der Toten verletzen. Regierungssprecher Pawel Gras sagte, bislang gebe es keine Anzeichen für Absagen der Auslandsdelegationen.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum