Erdbeben in Italien: "Wir haben alles verloren"
zuletzt aktualisiert: 06.04.2009 - 21:00L‘Aquila (RP). Ein schweres Erdbeben mitten in der Nacht hat in Mittelitalien mehr als 150 Menschen das Leben gekostet und Zehntausende obdachlos gemacht.Rund 1500 Menschen wurden bei dem Erdstoß in der Gebirgsregion der Abruzzen nordöstlich von Rom verletzt.
Es war 3.32 Uhr in der Nacht, als in Italien die Erde bebte. Sogar in der Hauptstadt Rom schreckten die Menschen aus dem Schlaf auf, als Betten und Wände heftig zu vibrieren begannen. Mehrere Sekunden lang zitterten die Häuser, Hunde bellten, die Alarmanlagen der auf den Straßen geparkten Motorräder setzten sich von allein in Gang. Viele Römer liefen in Schlafanzügen auf die Straßen. Ein harmloser Schrecken im Vergleich zu dem, was sich in der etwa 100 Kilometer östlich von Rom gelegenen Stadt L’Aquila und der Bergregion Abruzzen abspielte.
„Ich wachte von einem heftigen Schlag auf”, erzählt der Lokaljournalist Vittorio Prefetto von der Zeitung Il Centro in L’Aquila, der in der historischen Innenstadt wohnte. „Mit meinen Kindern bin ich sofort durch das Treppenhaus nach unten gelaufen. Alles Mögliche fiel da bereits auf uns herab. Jetzt stehe ich hier auf der Straße und mein Haus ist in sich zusammen gefallen. Wir haben alles verloren”, so schilderte Prefetto seine persönlichen Erlebnisse. In seinem Nachbarhaus starben zwei Menschen unter den Trümmern. „Es wirkte, als würde das Beben nicht mehr aufhören”, sagte Prefetto. Noch am Nachmittag wurden leichtere Erdstöße gemeldet. Die Bürgermeister der betroffenen Orte riefen die Bevölkerung auf, die zerstörten Ortszentren zu verlassen.
150 Menschen fallen dem Beben zum Opfer
Tausende vollständig oder teilweise zusammengebrochene Häuser meldete der italienische Zivilschutz in 26 Gemeinden in der Gegend. Von mindestens 150 Toten und mehreren Hundert Verletzten ist bislang die Rede. Unter den Todesopfern sollen auch fünf Kinder sowie mehrere Ausländer sein, soweit bekannt allerdings nicht aus Deutschland. Nach ersten Schätzungen haben mehr als 50.000 Menschen ihre Unterkünfte verloren.
Die Überlebenden in den Unglücksorten befinden sich im Schock. Manch einer läuft mit blutendem Gesicht und staubverschmierten Kleidern durch die Straßen auf dem Weg zu einer provisorisch eingerichteten Sammelstelle für Opfer. Andere haben sich notdürftig Wolldecken um die Schultern geworfen. Angehörige rufen die Namen ihrer vermissten Verwandten und Freunde. Menschen laufen auf offene Plätze zu, Parkplätze und Sportplätze, aus Furcht, dass weitere Gebäude zusammenbrechen könnten.
Am Nachmittag wurden 6000 warme Gerichte im Stadion von L’Aquila verteilt. „Ich hoffe nur, dass mir jemand einen Becher Wasser und ein Brötchen zu Essen gibt”, sagt ein grauhaariger Mann vor seinem Haus in L’Aquila, dessen Fassade ein großer Riss durchzieht. „Das einzige, was ich noch habe, ist mein Leben”, sagt er und kämpft mit den Tränen.
Ganze Ortschaften wurden zerstört
In der Nähe der Regionshauptstadt mit 70.000 Einwohnern wurden ganze Orte zerstört. Im zehn Kilometer von L’Aquila entfernten 300-Seelen-Dorf Onna sind Augenzeugenberichten zufolge die Hälfte aller Häuser zusammengebrochen. Allein 23 Tote wurden dort bis zum Mittag aus den Ruinen gezogen. Zehn Menschen befanden sich dort noch unter den Trümmern. Augenzeugen berichteten von Hilferufen, die aus den Trümmern drangen.
Seit dem frühen Morgen haben in der gesamten Region die Bergungsarbeiten begonnen. Auch das Krankenhaus in L’Aquila wurde teilweise zerstört und war kaum noch funktionsfähig. Ärzte behandelten Opfer im Innenhof. Schwerverletzte wurden per Hubschrauber in umliegende Krankenhäuser geflogen. In L’Aquila stürzte auch ein Hotel sowie ein Studentenwohnheim ein. Kirchen und Verwaltungsgebäude wurden schwer beschädigt.
Wie viele Menschen sich noch unter den Trümmern der zerstörten Häuser befinden, konnte bis zum Abend niemand mit Gewissheit sagen. Schutt liegt auf vielen Straßen, nur mühsam kommen die Bergungsfahrzeuge an die Unglücksorte heran. In den Ruinen graben Helfer und Angehörige mit bloßen Händen nach Überlebenden. Am Abend wurden sechs Studenten lebend aus den Ruinen eines Studentenheims geborgen.
Den ganzen Tag über zeigt das italienische Fernsehen die Bilder von Menschen, die von der Feuerwehr aus den Trümmern gezogen werden, Tote und Schwerverletzte. Aus ganz Italien reisten freiwillige Helfer an. Zivilschutz-Chef Bertolaso bedankte sich für die angebotene Hilfe aus vielen Ländern, darunter Deutschland. Die italienischen Hilfskräfte seien aber imstande, die Situation alleine zu beherrschen.
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